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Magnum-Fotograf Höpker: "Nichts ist interessanter als die Wirklichkeit"

Er gilt als einer der besten Bildreporter der Welt: Thomas Höpker sprach mit SPIEGEL ONLINE über das Abenteuer Fotojournalismus in Zeiten digitaler Medien - und die Vergabe des FreeLens-Awards an eine aufwühlende Reportage über Kinderheirat.

SPIEGEL ONLINE: Stephanie Sinclair hat mit ihrer Fotoserie "The Bride Price - Child Marriage around the World" den neu ausgelobten "FreeLens Award" des "Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus" gewonnen. Warum hat sich die Jury gerade für diese Arbeit entschieden?

Höpker: Stephanie Sinclair hat es geschafft, ein schwer zugängliches und komplexes Thema wie Kinderhochzeiten weltweit zu fotografieren und dadurch Aufmerksamkeit für diese Alltagstragödie zu gewinnen. Es ist phantastisch zu sehen, dass es wieder einen engagierten Fotojournalismus gibt, der nicht nur Fröhlichkeit und Szenen aus dem Alltag fotografiert, sondern wirklich dahin geht, wo gelitten und gestorben wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind Festivals wie das "Lumix" für Nachwuchsfotografen? Sind solche Veranstaltungen nicht oft nur reine Nabelschau der Branche?

Höpker: Das Wichtigste ist, dass Fotografen ihre Bilder zeigen können. Sie arbeiten ja nicht für die Schublade, sie wollen ihre Bilder der Welt zeigen und sich mit Kollegen aus aller Welt vergleichen. Festivals sind hochinteressante Umschlagplätze, das ist wie eine Messe: Man zeigt seine Waren und wird gesehen, trifft Kollegen und Auftraggeber.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es heute noch in dem Maße die Möglichkeit für freie Bildjournalisten, Fotoreportagen in Zeitschriften unterzubringen, so wie Sie es über Jahrzehnte hinweg erfolgreich getan haben?

Höpker: Ich habe das Gefühl, dass bei den Zeitschriften immer mehr Kaufleute und immer weniger Journalisten sitzen, die mit Herzblut sagen: 'Diese Geschichte muss ins Heft, weil sie aufregend, bedrückend oder phantastisch schön ist.' Stattdessen diktiert aus dem Hintergrund der Kaufmann, was die Anzeigenkunden wollen. Eine Modestrecke ist da natürlich passender, oder ein Bericht über Paris Hilton. Daneben macht sich eine Parfümanzeige viel besser als neben einer Geschichte über die Hungersnot in Somalia.

SPIEGEL ONLINE: Rührt daher auch der steigende Bedarf an Paparazzibildern? Was halten Sie von dieser Spielart der Dokumentarfotografie?

Höpker: Ich finde sie furchtbar! Ich könnte nie jemandem auflauern und ihn abschießen. Das ist ein völlig anderer Beruf. Aber der Markt erzeugt, was er will und verdient. Es gibt aber auch Paparazzi-Fotografen, die ich bewundere, phantastische Typen, die sich unheimlich viel einfallen lassen. Aber mit Berichten über Hintergründe hat das nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Arbeitsphilosophie als Fotograf?

Höpker: Ich muss bei jeder Arbeit mein Thema gefunden haben. Ich muss das Thema lieben oder hassen. Es funktioniert nicht, wenn man lauwarm ist. Man sollte als Fotograf immer eine Meinung haben. Heute grassiert ja das objektive Fotografieren: Große Kamera auf Stativ, leere Straßen, heller Himmel, langweilige Häuser. Davon hab ich jetzt genug gesehen. Man sollte nicht einfach cool dastehen und draufdrücken. Jede Geschichte sollte ein neues Abenteuer sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wo können die jungen Fotografen denn heute noch solche Abenteuer erleben?

Höpker: Als ich in den fünfziger Jahren anfing, hatten wir die Aufgabe, die Welt zu entdecken für die Leute, die noch nie da waren. Das ist heute völlig anders. Jeder war schon irgendwo und überall. Früher bekam ich den Auftrag: 'Fahr mal los und fotografier Amerika.' Die jungen Fotografen müssen heute sehr viel mehr aufdecken als entdecken. Man muss in eine Geschichte reingehen, man muss die Dinge finden, die nicht an der Oberfläche sind. Dann wird es interessant.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich neben den Themen auch die Ästhetik der Bilder verändert?

Höpker: Die Bildästhetik ist künstlerischer geworden. Es gibt Bilder, die nur aus Form bestehen und null Inhalt haben. Der Kriegsfotograf Robert Capa ist aber immer noch das Leitbild vieler Fotojournalisten. Er hat die sehr harte, sehr nah rangehende Fotografie sozusagen erfunden. Anderen ist die Komposition wichtiger wie einst bei Henry Cartier-Bresson. Ich finde es sehr interessant, dass die jungen Fotografen nicht mehr in die Zeitschriften wollen, sondern ihre Bilder an Museen oder Galerien verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Flucht in die Kunst? Sehen Sie darin die Zukunft für Fotojournalisten?

Höpker: Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit. Eine weitere ist das Internet. Da holen sich die Leute ihre Informationen, da müssen wir auch hingehen mit unseren Bildern. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, Bildgeschichten zu schreiben, vor allem, wenn man sie mit Ton und Texten kombiniert. Damit Geld zu verdienen, ist nicht ganz einfach, aber man kann versuchen, an den Werbeeinnahmen zu partizipieren, die jetzt von den Zeitschriften weg ins Internet fließen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie heute noch jemandem raten, Fotojournalist zu werden?

Höpker: Ich war vor einigen Jahren noch sehr skeptisch. Der Markt schrumpft, und dennoch werden so viele Fotojournalisten an den Hochschulen ausgebildet. Die wollen ja alle in die Welt hinaus! Heute bin ich optimistisch, dass viele von ihnen etwas finden werden. Es entwickeln sich ständig neue Medien. Das erzähle ich auch immer meinen Studenten: Jammert nicht, dass die Medien verschwinden, sondern guckt, wo die neuen sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Digitalisierung offenbart neue Möglichkeiten, führt aber auch dazu, dass jeder seine dokumentarischen Bilder ins Internet stellen kann. Raubt das nicht den professionellen Fotografen die Aufträge?

Höpker: Was fotografiert wird, ist ja zu 90 Prozent uninteressanter Schrott. Die Leute fotografieren ihre Mutter vor dem Taj Mahal und stellen das dann ins Internet. Ich finde die Digitalfotografie dennoch faszinierend und fotografiere selbst nur noch digital, weil das unheimliche Vorteile hat. Ich sehe aber auch den Nachteil darin, dass man geradezu gezwungen wird, die Bilder zu bearbeiten. Dabei wird man verführt, zu viel an dem Bild zu ändern. Man darf um Gottes Willen nicht die Grenze zur Lüge überschreiten. Nichts ist interessanter als die Wirklichkeit.

Das Interview führte Irène Bluche

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