Foto-Legende Thomas Höpker: Liebeserklärung an New York

New-York-Bilder: Meisterbilder aus 40 Jahren Fotos
Thomas Hoepker/ Magnum

Viel Geld, viel Zeit und Muhammad Ali: Der große Fotojournalist Thomas Höpker schwärmt im Interview von der goldenen Ära der Magazinfotografie. Und heute ist alles mies? Keineswegs: "Die jungen Fotografen sind besser, als wir es waren." Ohne reichen Vater wird es aber trotzdem hart.

SPIEGEL ONLINE: Herr Höpker, Sie sind seit über 60 Jahren Fotojournalist. Wie hat sich Ihr Beruf in dieser Zeit verändert?

Höpker: Grundlegend. Beim "Stern" hatten wir damals 15 bis 20 festangestellte Fotografen. Heute ist das undenkbar, die Redaktionen bedienen sich bei Agenturen oder arbeiten mit Freelancern zusammen. Wir hatten geradezu paradiesische Zustände, ein festes, gutes Gehalt, flogen Business Class - und vor allem hatten wir sehr viel Zeit, unsere Arbeit richtig zu machen. Damals ist es auch schon mal passiert, dass der "Stern"-Bildchef bei Betrachtung unserer Ausbeute gesagt hat: "Das ist noch nicht ganz richtig, da fehlt noch was - fahrt noch mal zurück."

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich Fotograf geworden?

Höpker: Mein Großvater hat mir 1950, als ich 14 war, seine alte 9x12 Plattenkamera geschenkt. Sehr faszinierend. Man fotografierte auf Glasplatten - primitiv, aber auch sehr traditionell. Nach meiner Schulzeit habe ich mir eine moderne Kleinbildkamera gekauft. Mein Vater wollte natürlich, dass ich einen "richtigen Beruf" ansteuere, also habe ich begonnen, Kunstgeschichte zu studieren - wollte aber Fotograf werden. Dann bekam ich das Angebot, für die "Münchner Illustrierte" zu arbeiten. Kaum hatte ich da als Fotoreporter angefangen, wurde sie eingestellt. Danach ging ich nach Hamburg, zur Illustrierten "Kristall" von Springer. Eines Tages fragte der Chefredakteur mich und meinen schreibenden Partner Rolf Winter: "Wollt ihr mal nach Amerika fahren?" Wir waren drei Monate mit dem Auto unterwegs, und alle Spesen hat der Verlag bezahlt. Eine einmalige Gelegenheit.

SPIEGEL ONLINE: Das erinnert an den Fotografen Robert Frank, der 1955 bis 1957 die USA durchquerte.

Höpker: Robert Franks Buch "Les Americains" war für mich ein Leitstern. Kurz bevor ich abfuhr, hatte ich das Buch gekauft, Jack Kerouac hatte die Einleitung geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Bald darauf haben Sie beim "Stern" angefangen.

Höpker: 1964 bekam ich einen Anruf von Henri Nannen, dem Chefredakteur des "Stern", und seinem Bildchef Rolf Gillhausen. Die beiden haben mich abgeworben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fotoarbeit für den "Stern" bedeutet Ihnen am meisten?

Höpker: Die über Muhammad Ali. Ich verdanke ihm viel, denn er hat es mir ermöglicht, ihn nicht nur als Boxer, sondern auch - nein, hauptsächlich - als Menschen zu fotografieren. Ich hatte vom Boxen keine Ahnung und auch kein besonderes Interesse daran. Ich habe Ali nur einmal bei einem Kampf fotografiert. Ich habe ihn zu einem besonders interessanten Zeitpunkt kennengelernt: Er war gerade Muslim geworden und kam beinahe ins Gefängnis, weil er nicht zum Militär und nach Vietnam wollte. Einerseits war er ein Großmaul, andererseits ein präziser, hart arbeitender Athlet. Und ein unglaublich witziger, spontaner Kopf, der sich auch sehr gut zu verkaufen wusste. Zum ersten Besuch kam ich mit der Reporterin Eva Windmöller. Er aber wollte, als Black Muslim, mit weißen Frauen nicht reden oder gesehen werden. Da haben wir beschlossen, ihn nur zu beobachten. Gerade dadurch haben wir seine faszinierende, schillernde Persönlichkeit erst richtig kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Ali das letzte Mal gesehen?

Höpker: Vor einem Jahr, in London. Seine Parkinson-Erkrankung ist leider sehr weit fortgeschritten. Er hat mich gar nicht erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren das erste deutsche Vollmitglied der Agentur Magnum Photos und von 2003 bis 2007 ihr Präsident. Magnum ist ein sagenumwobenes, fast mythisches Unternehmen. Wie kommt man da überhaupt rein?

Höpker: In den späten Sechzigern bekam ich ein Angebot von Elliott Erwitt, zu Magnum zu wechseln. Er war immer mein großes Vorbild, aber ich hatte nicht allzu lange davor beim "Stern" angefangen und sagte ab. Erst als 1989 mein Vertrag als Auslandskorrespondent beim "Stern" auslief, bin ich zu Magnum gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Damit dürften Sie aber ja nun eher die Ausnahme als die Regel sein.

Höpker: Die Agentur wurde von Henri Cartier-Bresson und Robert Capa gegründet, beide Legenden schon zu Lebzeiten, beide sehr streng in ihrer Vorstellung von Qualität. Bis heute ist Magnum ein exklusiver Verein, ein elitärer Haufen: Man kann nicht beitreten, sondern muss, in einer langen und schwierigen Prozedur, berufen werden. Jedes Jahr haben wir über hundert Bewerber, letztendlich bleiben zwei oder drei hängen. Diese werden zunächst "Nominees" und können nach zwei oder drei Jahren "Associates" werden. Einige Jahre darauf werden sie entweder als Vollmitglieder aufgenommen - oder sie müssen ausscheiden. Insgesamt hatten wir nur wenige Ausrutscher.

SPIEGEL ONLINE: Ein Kollektiv von Individualisten. Geht das überhaupt?

Höpker: Einfach ist es nicht, weil wir mit manchmal sehr starken Egos von hochrangigen Fotografen leben müssen. Aber das ist es wert: Es sind sehr interessante Freunde und Kollegen - oder auch Feinde und Konkurrenten.

SPIEGEL ONLINE: Magnum wurde 1947 gegründet. In den vergangenen 65 Jahren hat sich der Fotojournalismus grundlegend verändert. Wie sehr hat sich die Agentur mit den Zeiten gewandelt?

Höpker: Magnum ist sich treu geblieben. Wir sind Reporter, die die Wirklichkeit beschreiben. Aber viele Fotografen sind in eine künstlerische Richtung gegangen, auch weil der Markt sich dorthin bewegt hat. Fotojournalistische Aufträge von Zeitungen und Illustrierten gibt es kaum noch. Heutzutage macht man seine eigene Serie, dann bietet man sie den Medien an. Ich verdiene mein Geld heute mit Büchern oder mit Prints, die ich an Sammler oder auf dem Kunstmarkt verkaufe.

SPIEGEL ONLINE: Wie ein Kunstfotograf. Sehen Sie sich heute als Künstler oder als Fotojournalist?

Höpker: Ich war anfangs zögerlich, denn ich wollte Journalist sein und nicht Künstler. Aber Magnum-Fotografen sind sowohl das eine als auch das andere. Ein wirklich gutes fotojournalistisches Foto ist eine Reproduktion der Realität - es darf nichts gefälscht sein. Aber heutzutage wird der Interpretation mehr Raum gelassen - der Stil, das Auge, der Geschmack sind wichtige Bestandteile. Man gerät schnell in die Versuchung, das zu überziehen. Auch bei Magnum muss jeder für sich entscheiden, wie weit er da gehen will.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit fast vierzig Jahren in New York. Warum?

Höpker: Zunächst war es der Job, der mich hierher gebracht hat, aber ich war sehr gerne da. Es ist einfach ein großes Land, auch in den Köpfen der Leute. Die Komplikationen und Widersprüche der USA darf man nicht außer Acht lassen. Doch mir gefällt, dass es hier viel roher und lockerer ist. Deutschland ist mir zu artig geworden, zu reguliert, zu sicher.

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie an Deutschland?

Höpker: Zum Beispiel der Fetisch Urlaub. Der ist in Deutschland fürchterlich wichtig. Ich finde schon das Wort "Urlaub" so schrecklich, das klingt so militärisch, und ich kann die Wichtigkeit des Urlaubs nicht nachvollziehen. Ich habe, glaube ich, in den letzten 20 Jahren keinen Urlaub gemacht. In meinem Beruf gibt es das ja auch nicht wirklich - als freiberuflicher Fotojournalist muss man immer wach und lebendig sein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Verbindungen nach Deutschland gekappt?

Höpker: Keineswegs. Ich bin sowohl deutscher als auch amerikanischer Staatsbürger und habe auch eine Wohnung in Berlin. Aber größtenteils lebe ich in New York. Es ist einfach eine tolle Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Stadt, der Sie gerade ihr Buch gewidmet haben.

Höpker: Das war die Idee meines deutschen Verlegers. Als ich dann in meinem Archiv gegraben habe, wurde mir klar, dass ich im Laufe der Jahrzehnte unglaublich viele Bilder in New York aufgenommen habe. Das Buch ist schön geworden, eine Sicht auf diese quirlige Stadt, mit Aufnahmen seit 1965, anfangs noch in Schwarzweiß. Der Großteil der Bilder ist aber farbig und stammt aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Rat geben Sie einem jungen Menschen, der heute Fotojournalist werden will?

Höpker: Einen reichen Vater haben! Nein, im Ernst: Sich heute alleine als Fotograf hochzuhangeln und dabei ein erträgliches Leben zu führen, ist schwer. Man kann sich schon glücklich schätzen, wenn eine Redaktion zwei Nächte im Hotel bezahlt. Andererseits ist es leichter, Bilder zu machen. Die ganze Komponente Labor fällt weg - man bearbeitet die Bilder auf dem Computer, kann sie umgehend versenden. Was mich wirklich verblüfft, ist, wie viele hervorragende jungen Fotografen es gibt. Die sind, glaube ich, besser, als wir es waren. Von einem Aussterben des Berufs kann keine Rede sein.

Das Interview führte Marc Erwin Babej

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Ein irres Bild von 9/11...
jobie09 19.08.2013
Zitat von sysopOhne reichen Vater wird es aber trotzdem hart. Magnum-Fotograf Thomas Höpker über neuen Bildband "New York" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/magnum-fotograf-thomas-hoepker-ueber-neuen-bildband-new-york-a-916633.html)
...diese Gruppe junger Menschen vor den brennenden Twin Towers, ein verstörender Anblick. Tolle Bilder - trotz allgegenwärtiger Foto Handys und Digitalkameras - es ist ein Handwerk, welches erlernt werden möchte. Schade, dass so viele gute Fotografen nicht von ihren Bildern leben können.
2. Jeder braucht Urlaub...
pmf2013 19.08.2013
Zitat von sysopViel Geld, viel Zeit und Muhammad Ali: Der große Fotojournalist Thomas Höpker schwärmt im Interview von der goldenen Ära der Magazinfotografie. Und heute ist alles mies? Keineswegs: "Die jungen Fotografen sind besser als wir es waren." Ohne reichen Vater wird es aber trotzdem hart. Magnum-Fotograf Thomas Höpker über neuen Bildband "New York" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/magnum-fotograf-thomas-hoepker-ueber-neuen-bildband-new-york-a-916633.html)
Wer 20 Jahre lang keinen Urlaub gemacht hat oder machen konnte ist selber schuld. Das Argument, Urlaub sei den Deutschen zu wichtig, ist nur dadurch zu erklaeren, das Herr Hoepker sich wahrscheinlich seine Zeit sehr freizuegig einteilen kann und so hin und wieder eine paar Tage 'Leerlauf' rausspringen. Urlaub ist eine Aus-Zeit, die jeder irgenwann mal braucht, um die Seele baumeln zu lassen oder den Stress zu vergessen. Der Artikel sieht so aus, als ob Herr Hoepker eigentlich einen garnicht so stressigen Beruf ausuebt.
3. Vollig normal...
pmf2013 19.08.2013
@jobie09: Kein verstoerender Anblick. Dieses Bild wurde viel kritisiert, ebenso die 5 jungenMenschen Was haetten sie tun koennen ?: Garnichts. Ausser vielleicht bei ihren Familien anrufen, ob alles in Ordnung ist. Glueck, das sie damals soweit weg vom Geschehen waren
4.
neu_ab 19.08.2013
Das erschütternde: im Prinzip kann sowas heute leider kaum eine Sau noch beeindrucken. Jeder rennt mich Kamerahandys rum, oder fetten Digitalkameras, jeder hat Apps, Gadgets, Datenbrillen, Instasonstwats, Hastenichgesehen, jeder hält sich für einen großen Fotokünstler, schlimmstenfalls. Nicht, daß gute Fotografie per se entwertet wird, aber die Rezeption dessen, was man für gute Fotografie hät oder es als solche erkennt, degeneriert zusehends.
5. Einige Dinge sehe ich wie Höpker.
mulhollanddriver 19.08.2013
---Zitat--- Ich finde schon das Wort "Urlaub" so schrecklich, das klingt so militärisch, und ich kann die Wichtigkeit des Urlaubs nicht nachvollziehen. Ich habe, glaube ich, in den letzten 20 Jahren keinen Urlaub gemacht. In meinem Beruf gibt es das ja auch nicht wirklich - als freiberuflicher Fotojournalist muss man immer wach und lebendig sein. ---Zitatende--- Der Meinung bin ich auch, zumal die abwechslungsreiche Arbeit selbst eine Art Urlaub sein kann. ---Zitat--- Sich heute alleine als Fotograf hochzuhangeln und dabei ein erträgliches Leben zu führen, ist schwer. ---Zitatende--- Oft nur deshalb, weil weniger auf die Qualität geachtet wird als auf den Preis und weil sich immer Leute finden, die zu Dumpingpreisen anbieten und keine Leistung bringen. Dabei ist es im Bereich Fotografie besonders leicht für Auftraggeber, sich vorab einen Eindruck von der Arbeitsweise der Anbieter zu machen. ---Zitat--- Was mich wirklich verblüfft, ist, wie viele hervorragende jungen Fotografen es gibt. Die sind, glaube ich, besser, als wir es waren. ---Zitatende--- Sehe ich genau so. Darchinger, Höpker usw. sind - gemessen an heutigen Standards - guter Durchschnitt, mehr nicht.
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Zur Person
  • DPA
    Thomas Höpker, geboren 1936 in München, war lange Jahre Fotojournalist beim "Stern" und dort prägend für die Bildsprache des Magazins. 1989 wurde er als erster Deutscher Vollmitglied bei der legendären Agentur Magnum Photos, von 2003 bis 2007 war er ihr Präsident. Höpker lebt in New York City.

Zum Autor
Marc Erwin Babej, 1970 in Frankfurt am Main geboren, studierte Geschichte an der Brown University, dann Journalistik an der Columbia University Graduate School of Journalism. Heute arbeitet er als Kunst- und Dokumentarfotograf in New York City.
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