Freiheitskämpfe in Fotodokumenten: Mensch gegen Panzer

Von Ingeborg Wiensowski

Wie sieht eine Revolution aus? Ein empfehlenswerter Band der Fotoagentur Magnum präsentiert Bilder vom ungarischen Aufstand 1956 bis zum Arabischen Frühling. Sie zeigen die Wut, die Gewalt, aber auch die Sehnsucht nach Frieden als menschliche Konstante.

Dokumentar-Fotos: Mensch gegen Panzer Fotos
Dominic Nahr/ Magnum

Kann man in der Vorweihnachtszeit ein Buch empfehlen, das mit 250 Schwarzweiß- und Farbfotografien dokumentiert, wie Menschen seit 65 Jahren für ihre Rechte und für ihre Freiheit kämpfen? Wie sie für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen mit dem Stein in der Hand oder mit der Waffe am Anschlag oft den Tod - den eigenen und den der Gegner - in Kauf nehmen?

Man kann. Das Buch der Fotoagentur Magnum heißt "Magnum Revolution - 65 Jahre Freiheitskampf", und auch wenn die Bilder der Fotografen zeigen, dass es den Weihnachts-"Frieden auf Erden" nicht gibt, und auch wenn in den Bildern Verzweiflung, Wut und auch Gewaltbereitschaft zu sehen sind, kann man auch herauslesen, dass Friede ein Traum aller Menschen ist, ein Antrieb, eine Sehnsucht, ein gewaltiger Wunsch.

Das Buch beginnt mit einem bebilderten Essay des Journalisten Jon Lee Anderson, der auf fünf Seiten die Geschichte der Revolutionen klug und klar erzählt. Er schreibt über die Rolle der Fotografen als engagierte Dokumentare, und dass für einige von ihnen lange Konflikte ihr gesamtes Berufsleben bestimmten. So fotografierte das Magnum-Mitglied Ian Berry zum Beispiel in den frühen sechziger Jahren den Beginn des Apartheidswiderstands, und er war 30 Jahre später dabei, als Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde. Auch bei den Kriegen und anhaltenden Unruhen in Palästina sind Fotografen seit 1969 vor Ort. Bruno Barbey zeigt zum Beispiel den PLO-Chef Jassir Arafat 1970 lachend bei einer Pressekonferenz, dann folgen auf 17 Seiten Bilder von Kämpfen der PLO in Jordanien, von der Verhaftung eines siebenjährigen Jungen durch israelische Soldaten in Hebron, von Protesten mit brennenden Autoreifen in Gaza-Stadt 1993 oder von Straßenbarrikaden. Steine schleudernde Jugendliche sind 1987 und genauso 13 Jahre später zu sehen. Auch sonst hat sich nichts zum Besseren gewendet, wie Fotos von 2004 zeigen, vom Bau eines Sperrwalls um jüdische Siedlungen oder von Straßenkämpfen in Jerusalem.

Menschen, die sich russischen Panzern in den Weg stellen

30 Revolutionen sind von 40 Fotografen dokumentiert worden, vom ungarischen Aufstand 1956 angefangen, der euphorisch begann und dramatisch niedergewalzt wurde, über den Prager Frühling, den Josef Koudelka 1968 festgehalten hat. Seine Fotografien sind zu Ikonen des Widerstands geworden: Menschen ohne Waffen, die sich auf den Straßen ihrer Stadt russischen Panzern in den Weg stellen, oder ein junger Rebell, der allein auf einem Panzer steht und die Fahne schwenkt, während die versammelten Menschen abwartend auf die Szene schauen.

Bis zu den jüngsten Aufständen während des Arabischen Frühlings reicht das Buch, bei dem Magnum-Fotografen von Anfang an dabei waren. Sie fotografierten den Beginn der Proteste in der arabischen Welt, die sich von Tunesien über Nordafrika bis in den Mittleren Osten nach Ägypten, Bahrain, Libyen, in den Jemen und nach Syrien ausbreiteten. Zwei von ihnen, der Brite Tim Hetherington und der Amerikaner Chris Hondros, wurden im April 2011 von einer Granate der Gaddafi-Truppen getötet.

Handykameras hielten die Selbstverbrennung fest

Mit den Fotos vom Arabischen Frühling in Tunesien beginnt der große Fototeil des Buches. Jeweils am Anfang einer Fotostrecke steht ein erklärender kurzer Text von Paul Watson. In Tunesien überschüttete sich der junge Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Verzweiflung über die Willkür der Polizei mit Benzin und verbrannte sich vor dem Rathaus. Mit ihren Handykameras hielten einige Zeugen die Selbstverbrennung fest und verbreiteten sie im Internet und in sozialen Netzwerken. Es kam zu Protesten, zu Gewalt, aber am 14.1.2011 verließ Ben Ali das Land.

Die Fotos aus Tunesien von Paolo Pellegrin zeigen Männer auf den Straßen, mit Steinen bewaffnet und mit dünnen Blechen gegen Wurfgeschosse geschützt oder hinter primitiven Barrikaden oder Mauern Schutz suchend. Ähnlich sieht es in den nachfolgenden Fotos aus Ägypten aus. Nichts als Steine haben die Demonstranten am 25. Januar auf dem Tahrir-Platz in den Händen, die den Rücktritt Husni Mubaraks fordern. Männer rennen gegen ihr Gegenüber an, Polizisten schlagen mit Knüppeln auf eine Menge ein, ein Mann streckt ihnen abwehrend seine leeren Hände entgegen, als wolle er sie aufhalten.

Andere Fotos vom Arabischen Frühling 2011/12 von Moises Saman und einer ganzen Gruppe von Fotografen sind farbig, besonders Saman geht näher an die Menschen heran und zeigt deren Entsetzen in ihren Gesichtern. Und man sieht zum ersten Mal Frauen auf einem Foto, die von einem Fenster aus gebannt nach unten schauen. Der junge Fotograf Dominic Nahr, 29 Jahre alt und seit zwei Jahren bei Magnum, hat ein Foto geschossen, das vom Bildaufbau und der Szenerie an viele Revolutionsbilder denken lässt: Jugendliche stehen fahnenschwenkend auf einer Barrikade mit dem Bild eines Märtyrers in den Händen.

Und die Bilder zeigen, wie wenig sich Revolution seit 65 Jahren verändert hat, trotz Twitter, Facebook und YouTube und Sendern wie CNN und al-Dschasira. Und sie zeigen, dass die technische Revolution gute Fotojournalisten nicht überflüssig macht.

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1. Nach der Revolution hier in Portugal 1974 ...
Dr. Clix 18.12.2012
(Nelken-Revolution) hat dann ja auch relativ schnell aus den meisten Kommunisten waschechte Kapitalisten gemacht. Ich wohne hier südlich von Lissabon und seh nur wie unter dem Deckmantel von "Grünen"-Gedanken eine Koalition mit Kommunisten eine Trambahn (nennen die hier tatsächlich Metro) gebaut haben, welche unwirtschaflich ist, grossen Baufirmen und vielen kleinen Mosambikanern geholfen haben mag. Zum schluss blieb dann nur festzustellen das die Tochter der ewigen Präsidenten dieser Stadt das Abschleppunternehmen besitzt. Es wurden alle möglichen Bürgersteige mit Stahl zum parken versperrt, Parkuhren angeschafft und 2 weitere riesige kostenpflichtige unterirdische Parkhäuser gebaut - wahrscheinlich mit Staatsgeldern(Schulden) worauf sich Tochter die Park- und Apschleppgebühren einfährt. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, wo der Steinbelag der Tramstrecke im Regen nicht weitergebaut werden konnte und die nichtswissenden Mosambikaner dann die jetzt zu verkaufenden Privatwohnungen auf Staatskosten ausgebaut haben. Irgendwie kommt der linke Kommunismus so rechts wieder raus.
2.
adal_ 19.12.2012
Zitat von Dr. Clix(Nelken-Revolution) hat dann ja auch relativ schnell aus den meisten Kommunisten waschechte Kapitalisten gemacht. Ich wohne hier südlich von Lissabon und seh nur wie unter dem Deckmantel von "Grünen"-Gedanken eine Koalition mit Kommunisten eine Trambahn (nennen die hier tatsächlich Metro) gebaut haben, welche unwirtschaflich ist, grossen Baufirmen und vielen kleinen Mosambikanern geholfen haben mag. Zum schluss blieb dann nur festzustellen das die Tochter der ewigen Präsidenten dieser Stadt das Abschleppunternehmen besitzt. Es wurden alle möglichen Bürgersteige mit Stahl zum parken versperrt, Parkuhren angeschafft und 2 weitere riesige kostenpflichtige unterirdische Parkhäuser gebaut - wahrscheinlich mit Staatsgeldern(Schulden) worauf sich Tochter die Park- und Apschleppgebühren einfährt. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, wo der Steinbelag der Tramstrecke im Regen nicht weitergebaut werden konnte und die nichtswissenden Mosambikaner dann die jetzt zu verkaufenden Privatwohnungen auf Staatskosten ausgebaut haben. Irgendwie kommt der linke Kommunismus so rechts wieder raus.
Ui. Mit Parkverboten in Lissabon haben die Kommunisten dem portugiesischen Volk die Nelkenrevolution geklaut. :-)
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