Möbeldesign-Schau: Wir kneten uns 'nen Hocker

Von Ingeborg Wiensowski

Möbeldesign-Schau: Vase aus dem Drucker Fotos
dskd/ Carl Emil Jacobsen

Wie langweilig: Auf der Mailänder Möbelmesse gab es etabliertes Design und Luxuskitsch zu sehen. In alten Industriehallen der Stadt zeigten dagegen junge Designer, wie man aus Pappe Lunchboxen macht und aus Sand Parkbänke.

Gäbe es Neues in Sachen Möbeldesign bei den großen Herstellern, so hätte man es im gerade zu Ende gegangenen Salone Internazionale del Mobile in Mailand gesehen. Aber in diesem Jahr waren es "nur" einfach schöne Möbel, edel, teuer und wirklich repräsentativ, dazu eine Menge Gold- und Marmor-imitierender Luxuskitsch für die neue reiche Kundschaft aus Russland oder Asien.

Da blieb nur eins: raus aus den Messehallen, ab nach Lambrate, einem Viertel Mailands mit vielen leeren Industriehallen, wo der Nachwuchs seine Ideen von neuem Design präsentiert. Und die sind erstaunlich modern. Weil sie auf die Bedürfnisse junger Konsumenten eingehen, deren Möbel Umzüge in Do-it-yourself-Manier mitmachen und daher flexibel sein müssen. Oder weil sie auf erstaunlich einfache Art auf knappere Ressourcen, die Idee der Nachhaltigkeit und hohe Preise reagieren, wie es die Studentinnen der Rotterdamer Willem de Kooning Academy im Projekt "Research by Making" vorführen. Sie formen aus lebensmittelgefärbten Salzteigwürsten Wegwerfschalen oder falten aus Pappe eine haltbare und schöne Lunchbox.

Eine Lampe, so kurvig wie verschlungene Schlangen

Auch ihre Kommilitonen der dänischen Kolding School of Design präsentieren ihre Ideen in Containern. Carl Emil Jacobsen, 25, ( www.carlemiljacobsen.com ) hat Wände und Boden mit einem blauen Teppich beklebt, auf den Umrissen von Tisch, Hocker und Regal gedruckt sind, die sich dann auch tatsächlich aus der Wand ausklappen lassen. Viele andere Hochschulen präsentieren eher ihre Entwurfs-Herangehensweise, während die Kassler Studenten produktionsreife Entwürfe zeigen. Wie man Ton nur mit einer Lochschablone in Gefäßform bringt, zeigt Chuana Mahlendorf, die sich auch mit dem Material Kupfer befasst hat, und es jetzt als Henkel an Gläser annietet.

Aus Aluminium, das billig und leicht ist, hat der Chilene Sebastian Rozas mit seiner Designgruppe "great thing to people projects" eine Lampe entworfen. Er stanzt flache Aluminiumstreifen nach einem Programm so vor, dass man sie einfach nur an vorgegebenen Stellen umknickt und zu einer großen Struktur verbinden kann. An ein Archipel sollte der Entwurf erinnern, sagt Rozas, und die dynamische Form von Vilu Light large käme von einer chilenischen Sage, in der zwei Schlangen miteinander kämpften, weil die eine das Land unter Wasser versenken will. Eine Lampe, so kurvig wie verschlungene Schlangenleiber, hängt direkt neben Rozas, zwei andere bei der jungen Designagentur Den Herder Production House, die gleich am Eingang der alten Ventura Lagerhalle auf einer Bühne neue Produkte junger Designer zeigt.

Leitern als Lampen und Stühle mit Knete-Beinen

Zwei von der Decke hängende aufgeklappte Lichter-Leitern von Bertjan Pot beleuchten die Inszenierung. Acht oder sechs Tritte haben sie, sind mit unzähligen kleinen Glühbirnen besetzt und zeigen mit der Spitze nach unten. Ein Entwurf von Pot ist auch "Disco Dome", eine Stehlampe auf drei Beinen, die an große Fotolampen und Disco-Kugeln erinnert, denn sie ist innen völlig mit glitzernden Spiegelstücken ausgelegt. Trotz des Glanzes auf der Bühne fallen die bunten Möbel von Maarten Baas, 34, sofort ins Auge. Weil sie aussehen wie aus Knete, so weich und mit Fingern geformt, als würden die Beine der Hocker und Stühle gleich nachgeben. Aber sie halten, und was wie Knete aussieht, ist ein synthetischer Ton, der den Metall-Kern verbirgt. Mit den Händen sind sie übrigens wirklich geformt, und so sieht kein Möbel wie das andere aus. Baas gilt als Star in der Designszene, seit er für seine Diplomarbeit "Smoke" alte Möbel mit dem Gasbrenner ankokelte, bis sie pechschwarz und rissig wurden, dann überzog er sie mit Expoxyharz und gab ihnen schwarzen Lederpolster. Erfolg hat Baas auch mit seinen folgenden Entwürfen, die immer noch besser nach Lambrate als in die Messehallen passen.

Erfolg könnte auch die Israelin Moran Barmaper, 26, mit ihrem Hocker "Puff DIY stool" haben. Im Paket werden drei Beine und eine runde Metallscheibe geliefert, die zusammengesteckt werden. Dann pumpt man mit einer normalen Fahrradpumpe die Scheibe auf, bis sie sich rund wölbt.

Andere junge Designer wie "Soundplotter" zeigen zum Beispiel Konzepte für eine 3-D-geprintete Vase; Daishu Ma & Marc Nicolau brennen hockergroße Scheiben aus Sand, Wasser und einem Keramik-Zuschlag, die sich mittels eines Holzes zu langen frostfesten Bänken auffädeln lassen. Auf ihr billiges Material kamen sie in China, wo sie gerade leben und ihre Sandmöbel produzieren. Auch die Mini Fireplaces "Faro" für draußen und drinnen des Portugiesen Rui Pereira sind aus Ton. Seine Kleinmöbel fürs Bad stellt er aus heimischem Kork her.

Nicht nur was und wie man produziert, ist für viele junge Designer wichtig, sondern auch wo man die Produkte herstellt - nämlich dort, wo es noch handwerkliches Können und Lust am Experimentieren gibt. Zum Beispiel in Slowenien, wo die junge Architektin Tina Rugelj ihre schlichten Beton-Möbel produziert, die an alte Eternit-Entwürfe erinnern.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Keine Ahnung
LadyLuck 16.04.2013
wieder Mal ein Beleg dafür wie ahnungs- und geistlos die deutschen Medien dem zeitgenössischem Design begegnen. Guckt einfach mal ins Ausland, da bedient man sich nicht der üblichen Klischees von Luxus und Reichtum. Gerade Lambrate war wie schon im letzten Jahr eine Art Karnevalsveranstaltung für Design-Touris. Ausnahme war die Schau der Vienna Design Week. Zum Thema alles viel zu teuer und nur für Millionäre: Die teuersten Exponate in Milano gab es auf der Schau der angeblich so anderen Lambrate-Schau: Zaha Hadid bei Established & Sons. Wer wirklich junges unabhängiges Design entdecken wollte, der hat die Veranstaltung "Juice" besucht. Der Trend geht außerdem klar zurück zum guten Design, deshalb war der Salone auch wieder der wichtigste Bezugspunkt. Es gab unzählige spannende Positionen, zum Beispiel Grcics Stuhl bei Emeco, Naoto Fukaswa bei Maruni, Luca Nichetto bei Casamania. Es ist natürlich einfacher in Lambrate auf der Kirmes sich dem belanglosem Konsum hinzugeben statt sich mit zeitgenössischen Designstandpunkten auseinander zu setzen. Flachgeistiger wie hier in diesem Artikel wurde das Klischee vom Design-Nirwanna Deutschland schon lange nicht mehr hervorgeholt.
2. naja...
leserlich 16.04.2013
ihren einwand in allen eheren, ladyluck, der stuhl von grcic und die sachen von nichetto bei casamania sind vlt. ganz nett, aber kritisch betrachtet auch nur weiterer überflüssiger plastik-krempel, den kein mensch braucht. wenn angeblich zeitgenössische design-standpunkte die nachhaltigkeit und die frage der material-wahl übergehen, dann gute nacht, welt.
3. Grcic & Co.
yunioshi 16.04.2013
Da stimme kann ich nur zustimmen. Es ist allerdings schon so, dass sich diesbezüglich auch interessante Bewegungen abzeichnen. Established & Sons sind mittlerweile (um es opsitiv zu formulieren) auf absolutem Sparkurs, weit entfernt von den gigantischen Shows der letzten Jahre. Soviel zum Thema der fehlenden Nachhaltigkeit. Aber dennoch: eine Firma wie Mattiazzi, die eine brilliante Holzmöbelkollektion aufgebaut hat, ist (mit den gleichen, hochkarätigen Designern) auf einmal in aller Munde. Warum? Weil sie eine Vision haben, weil sie wissen, was sie tun. Und nicht einfach mit Marketing und und viel finanzieller Power versuchen Nonsens zu verlegen. Es wird immer da spannend, wo Designer und Hersteller im Intensiven Diskurs an zukunftsträchtigen Visionen arbeiten. Und davon gab es dieses Jahr schon einiges. Wästberg, Mattiazzi, Maruni, um nur drei zu nennen.
4. Lach&Sachgeschichten ;)
hannesgrebin 17.04.2013
Ich hab auch ein bisschen darueber geschmunzelt, mit wie wenig Ahnung und vor allem Muehe sich die Journalistin da ans Werk gemacht hat. Fuer einen vom Spiegel finanzierten Urlaub musste anscheinend dann doch noch ein weiterer Artikel zum Salone zusammengeschrieben werden. Mailand ist teuer zu dieser Zeit. Hat sich doch selbst Tom Dixon grad darueber mockiert, wie unbezahlbar Mailand eigentlich zum Salone eigentlich geworden ist. Wo wir auch gleich beim Thema waeren — Nachwuchsdesign vs. Funding. Zumindest versuch ich mir selbst mal diesen Themenkomplex ein wenig aufzubroeseln: Zu allererst 200 gefuehlte Fragezeichen zu der Designer-Auswahl der Autorin. Was soll das sein? Lustiges, keckes, erfrischendes junges internationales Design? — Bullshit! & Maarten Baas' Knetmoebel, dass ich nicht lache. Zum Ersten sind die schon Jahre alt, zum Zweiten hat der Mann auf ein grosses Netzwerk der Akademie Eindhoven (sowas gibt es in Deutschland nicht) zurueckgreifen koennen, hat darueber einen Maezen gefunden und lebt wohl auf einer grossen Ranch und stellt dort seine Smoke-Moebel her wie auch die mit Knete (lufttrocknender Clay auf zusammengeschweissten Stahlgestaenge). Btw. der "Puff DIY stool" ist ein ordentlich fehlgeleiteter Plagiatsversuch von Oskar Zietas Plop-Chair Plop-Up, nur so nebenbei. Viel interessanter ist meiner Ansicht der Blick hinter die Kulissen, die Strategien und Netzwerke hinter solch einer grossen Industrie wie das Moebelbusiness. Denn seien wir mal ehrlich: am Ende sieht man immer nur die gleichen etablierten Designer (und die sind leicht an vier Haenden abzuzaehlen) Und zwar, weil eben nur die sich ausschliesslich von ihrer Kunst finanzieren koennen. Von Research, Avantgarde oder sonstwie zukunftsweisenden Design und vor allem Diversitaet fehlt da jede Spur. Und warum? Weil die Grundlagen besser gesagt der Naehrboden fuer Querdenker, Designwissenschaftler, meinetwegen Revoluzzer einfach nicht vorhanden ist. Obschon der grosse Allessandro Mendini immer noch eine neue Avantgarde voraussagt. http://i.imgur.com/RmTqXtG.png Obschon das derzeitige System fuer ein Bauhaus² radikal veraendert werden muesste. Vor allem in Deutschland — als Wissenschaftsstandort gepriesen und gefoerdert — gibt es kaum wirkliche Design-Nachwuchsfoerderung (Stipendien , Stiftungen etc.) zudem arbeiten in den Unis meist unfaehige Professoren (Klungelei aka "First-rate people hire first-rate people; second-rate people hire third-rate people."). Denn wer lehrt eigentlich heutzutage Design-Execution, also nicht das schnoede Ideengenerieren ("Work is 1% inspiration plus 99% transpiration") sondern das eigentliche Umsetzen von Entwuerfe und das "An-Den-Mann-Bringen"? (Musste mir das alles selbst erlesen → "Making Ideas Happen: Overcoming the Obstacles Between Vision and Reality" von Scott Belsky dem Gruender des Behance-Online-Creative-Network) Man sollte sich ausserdem vergegenwaertigen, was fuer ein immenser Kostenaufwand Mailand fuer Leute ist, die grad fertig sind mit der Uni, Leute die noch jung, unverbraucht sind und vor Motivation und Ideen spruehen...Weiterlesen: http://write.fm/LachSachges
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