Prada-Museum in Mailand "Muss alles neu gemacht werden"

Der Stararchitekt Rem Koolhaas verwandelt für Prada eine alte Alkoholfabrik in ein gülden glänzendes Museum. Kurz vor Eröffnung zeigen sich die Probleme: Die neue Treppe geht so nicht. Und ist der Bau überhaupt Stiletto-tauglich?

Charlie Koolhaas

Aus Mailand berichtet


Ein strahlend sonniger Apriltag in Mailand, vor dem Bauzaun der Fondazione Prada steht Rem Koolhaas, er möchte gern reingelassen werden. Der italienische Wachmann schüttelt bedauernd den Kopf. Er kennt den Mann nicht und hat seine Vorschriften. "Verdomme!", schimpft Koolhaas laut, und obwohl der Wachmann kein Niederländisch kann, versteht er, dass der große, hagere Mann jetzt ganz schön sauer ist. Ein Bauarbeiter kommt schließlich vorbei und öffnet den Zaun. Er weiß, wer da so ungehalten ist: der Architekt, der die alte Alkoholfabrik für die Fondazione Prada zu einem Museum umbaut.

Koolhaas ist an diesem Morgen aus den Niederlanden - in Rotterdam hat er sein Architekturbüro OMA - nach Italien geflogen, um den Stand der Bauarbeiten zu begutachten. Auch der OMA-Architekt Chris van Duijn ist mitgekommen, er leitet den Umbau. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis die Fondazione Prada am 9. Mai eröffnet wird - mit der Ausstellung "Serial Art", für die auch klassische Kunstwerke aus internationalen Museen ausgeliehen werden. Darunter das Getty Museum in Los Angeles, das British Museum in London und die Eremitage in St. Petersburg.

Bewahren statt abreißen

Es ist nicht das erste Mal, dass Koolhaas für Prada arbeitet. Vor rund anderthalb Jahrzehnten hatte er für das Luxuslabel in New York einen aufsehenerregenden Laden entworfen. Berühmt geworden war Koolhaas lange zuvor mit seiner theoretisch-philosophischen Schrift "Delirious New York" über die Verdichtung der Stadt. Später schuf er spektakuläre Neubauten, wie etwa die Zentrale des Chinesischen Staatsfernsehens in Peking. Für sein Werk erhielt er den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung für einen Architekten.

Seit einigen Jahren interessiert Koolhaas sich mehr und mehr für Umbauten. In Essen verwandelte er mit dem Zollverein eine Zeche in ein Museum, im Moskauer Gorki Park baut er derzeit ein sozialistisches Restaurant in ein Ausstellungsgebäude um. Bewahren statt abreißen.

Sein Entwurf für die Fondazione Prada ist so ein Hybrid aus Alt und Neu. Hier gibt es das ganze Spektrum von fast unveränderten Gebäuden bis zum eingefügten Neubau. An diesem Apriltag ist noch kein Gebäudeteil fertig, aber Architekt van Duijn sagt, es sei "unglaublich", wie viel die Bauarbeiter an einem Tag so schaffen könnten. Der mit Kopfsteinpflaster belegte Hof habe vor zwei Tagen nur einen Sandboden gehabt.

Kaffeebar von Wes Anderson

17.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche entstehen auf dem Gelände gegenüber der Büros von Prada in Mailand. Und das, obwohl die Stiftung des Luxusherstellers Prada schon in Venedig ein Museum betreibt. 2007 hatte die Chefin der Marke, Miuccia Prada, ihren guten Freund Koolhaas gebeten, ein Konzept für die hundert Jahre alte Alkoholfabrik zu entwickeln.

In einer früheren Schaffensphase hätte Koolhaas vielleicht vorgeschlagen, einen originellen Neubau in das öde Industriegebiet zu stellen, einen Monolithen. Doch nun wollte er möglichst viel erhalten und im Wesentlichen zwei neue Gebäude einfügen: einen Querriegel im vorderen Teil des Geländes und einen weißen Betonturm an der hinteren Ecke, dessen Räume pro Stock einen Meter höher werden: Von knapp drei Metern steigt die Deckenhöhe auf neun. Der Turm allerdings wird erst 2016 fertig werden.

"Die Räume sollen so unterschiedlich sein wie die Kunstwerke, die in ihnen zu sehen sind", sagt Koolhaas. Die Randbebauung aus niedrigen Fabrikgebäuden ließ er stehen. Hier ist unter anderem ein Buchladen untergebracht, ein Bereich für Kinder und eine vom Hollywood-Regisseur Wes Anderson entworfene, gefakte Alt-Mailänder Kaffeebar.

"Muss alles neu gemacht werden"

Das höchste der alten Gebäude im vorderen Drittel des Geländes ließ Koolhaas ganz mit Blattgold belegen - ein knalliger Kontrast zu den grau-beigen Altbauten, die vor allem kleinere Ausstellungsräume beherbergen. An den Turm schließt sich der neue Querriegel an. Darin befindet sich das sogenannte Podium, ein an drei Seiten verglaster, gigantischer Raum. An der Stirnseite ist das Podium verkleidet mit Aluminium aus dem Fahrzeugbau: Dieses explodiert während der Produktion, weshalb es eine geflechtartige Oberfläche hat. Der Boden dagegen ist aus poliertem grauen Travertin.

Van Duijn stapft die Stufen hoch zur ersten Etage des Neubaus. Das Treppengeländer besteht aus glatten Aluplatten. Der Architekt beugt sich herunter: eine Platte steht minimal schief, eine scharfe Kante ist entstanden. "Muss alles neu gemacht werden", murmelt er unzufrieden und fügt an, diese Schludrigkeit sei eine Nebenwirkung des Zeitdrucks. Dann geht er in den Ausstellungsraum in der ersten Etage. Der entspreche höchsten internationalen Anforderungen an Museumsbauten: "Hier könnte man auch die Mona Lisa ausstellen", sagt er stolz.

Vorschriften über Vorschriften

Nicht nur der Turm-Neubau an der Ecke des Geländes wird nicht fertig sein bei der Eröffnung. Auch die große Halle, die sich daran anschließen soll, erhält nur eine provisorische Außenwand. Der Termin für die Fertigstellung war nicht zu verschieben, in Venedig beginnt am selben Tag die Biennale.

Doch es verging zu viel Zeit, bis 2014 endlich die Bauarbeiten begannen. Nach verschiedenen Erdbeben traten in Italien Vorschriften in Kraft, nach denen die Alkoholfabrik mit Dutzenden von Stahlträgern erdbebensicher gemacht werden musste. Außerdem stellte sich heraus, dass der Boden stellenweise bis zu einer Tiefe von neun Metern verseucht war und ausgetauscht werden musste.

Überhaupt die Vorschriften: Die Behörden bestanden zum Beispiel darauf, dass nicht das gesamte Außengelände mit Pflastersteinen versiegelt sein dürfe. Da Rasen oder Sand aus Sicht der Architekten den Belastungen des erhofften Besucherstroms aber nicht standhalten würden, liegt nun auf einer Fläche zwischen zwei Gebäudeteilen ein schwarzes Metallgitter. Im Hochsommer sollte man darauf also keine hitzeempfindlichen Latschen tragen.

"Miuccia hat sich auch gerade die Baustelle angeschaut", sagt Koolhaas. "In Sandalen ", ergänzt er, "die trägt sie immer, wenn sie hier vorbeischaut." Er lächelt. Wenn Miuccia Prada am 9. Mai die Fondazione Prada eröffnet, wird das Museum Stiletto-tauglich sein. Höchstwahrscheinlich jedenfalls.



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