Mainstream-Journalismus "Wenn einer ein Thema entdeckt, rennen alle hinterher"

Journalisten und Wissenschaftler haben eine bemerkenswerte Top Ten jener Themen zusammengestellt, die deutsche Medien im vergangenen Jahr glatt übersehen haben. Der bekannte Reporter Hans Leyendecker beklagt, dass immer mehr seiner Kollegen dem "Bild"-Mainstream hinterherlaufen.

Von Jörg Schallenberg


Journalist Leyendecker: "Das ist eine Art Rudeljournalismus"
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Journalist Leyendecker: "Das ist eine Art Rudeljournalismus"

DaimlerChrysler besticht hochrangige Militärs in Afrika, um die Armee zu beliefern. Zahlreiche deutsche Chemieanlagen verwandeln sich mangels ausreichender Sicherheitsvorkehrungen bei Hochwasser in gefährliche Zeitbomben. Deutsche Unternehmen verdienen weltweit viel Geld mit hochgiftigen Pestiziden, die hierzulande wegen Gefährdung von Menschen längst verboten sind.

Nie etwas davon gehört? Kein Wunder, denn diese Meldungen aus dem vergangenen Jahr sind nie in deutschen Medien gelandet. Dafür tauchen sie jetzt in einer Liste auf, die von bekannten Journalisten und Medienwissenschaftlern veröffentlicht wird - die Top Ten der am meisten vernachlässigten Themen des Jahres 2003. Darunter finden sich auch die verlogene Öko-PR vieler Firmen, die Erkenntnis, wie sehr die EU von Brüssel aus den Mitgliedsstaaten inzwischen hineinregieren kann oder das verschwundene Vermögen der Stasi. Das verblüfft, denn eigentlich scheint jedes dieser Themen spannend, wenn auch kompliziert in der Recherche. Doch es ist "kein Zufall", wenn bestimmte Bereiche einfach nicht in deutschen Medien aufgegriffen werden, sagt Hans Leyendecker.

Leyendecker ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten Deutschlands. In den achtziger Jahren deckte er als SPIEGEL-Reporter die Parteispendenaffären von CDU und FDP auf, mittlerweile arbeitet er bei der "Süddeutschen Zeitung". Für Leyendecker gibt es zunehmend "einen Mainstream im Journalismus. Wenn einer ein Thema entdeckt, rennen alle anderen hinterher. Das ist eine Art Rudeljournalismus."

Unglücklicherweise geben, findet Leyendecker, dann auch noch die falschen Medien den Ton an: "Die 'Bild'-Zeitung ist immer mehr Lokomotive für Themen - was eine sehr bedenkliche Entwicklung für das bedeutet, was in seriösen Zeitungen passiert." Ein klassisches Beispiel ist für den Reporter der Tod des kleinen Joseph in Sebnitz im Dezember 2000, "als alle der 'Bild' nachliefen und auch noch ohne Bedenken ihre Intention übernahmen" - nach der angeblich eine Bande rechtsradikaler Jugendlicher das Kind ermordet hatte, was sich später als falsch herausstellte.

"In Deutschland gilt der Meinungsjournalismus immer noch mehr als der Recherchejournalismus"

Leyendecker hat als Konsequenz aus diesen Erkenntnissen das "Netzwerk Recherche" ins Leben gerufen, das den investigativen Journalismus fördern will und gemeinsam mit der Dortmunder "Initiative Nachrichtenaufklärung" alljährlich die Top Ten der vernachlässigten Themen veröffentlicht.

Ertrunkener Joseph A. (Archivbild): Klassisches Beispiel
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Ertrunkener Joseph A. (Archivbild): Klassisches Beispiel

Die Vorschläge schicken zumeist Journalisten oder Wissenschaftler ein, die irgendwo über diese Geschichten gestolpert sind. So entdeckte ein Afrika-Tourist zufällig in der ghanaischen Zeitung "Accra Mail" die ausführliche Berichterstattung über den DaimlerChrysler-Bestechungsskandal, in dessen Folge die gesamte Militärspitze des Landes ausgewechselt wurde. Dass gerade diese spektakuläre Geschichte unterging, hat allerdings auch noch andere Gründe. Zum einen halten selbst große Magazine und Zeitungen mehr als zwei Korrespondenten für ganz Afrika meist für überflüssig, zum anderen "ist Korruption bei internationalen Geschäften ein Thema, das in Deutschland immer noch kaum wahrgenommen wird", sagt Joachim Weidemann, Leiter der Düsseldorfer Holtzbrinck-Journalistenschule, der neben Leyendecker und anderen in der Jury saß, die für ihre Liste aus über 100 Einsendungen auswählte.

Diese Ignoranz erklärt sich laut Weidemann zum einen daraus, dass deutsche Journalisten viel zu wenig über den nationalen Tellerrand hinausblicken, zum anderen ist seiner Meinung nach das Handwerk der harten Recherche hierzulande sowohl in der Journalisten-Ausbildung als auch in den Redaktionen lange Zeit vernachlässigt worden - was auch Hans Leyendecker bestätigt: "In Deutschland gilt der Meinungsjournalismus immer noch mehr als der Recherchejournalismus."

Ganz anders sieht es dagegen in Großbritannien oder den USA aus, wo der investigative Stil nicht erst seit der Watergate-Affäre 1972 zum guten Ton gehört und fast jedes größere Medium über spezielle Reporterteams verfügt. In Deutschland dagegen, sagt Leyendecker, unterhält "meines Wissens nach nur der SPIEGEL eine eigene Recherche-Redaktion". Joachim Weidemann sieht ähnliche Ansätze auch bei der "Financial Times Deutschland" oder der "Süddeutschen Zeitung", zudem hakten Fernsehmagazine wie "Panorama" oder "Monitor" gerne mal nach.

Andere, einst hervorragende Publikationen dagegen haben sich mittlerweile zu sehr dem Mainstream angepasst, findet Leyendecker: "Dreißig Jahre hatte ich die 'Weltwoche' abonniert, jetzt habe ich sie abbestellt. Ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie geschmeidig die geworden sind."

Allerdings liegt der bisweilen mangelnde Recherchegeist in Deutschland nicht nur in einer Tradition begründet, sondern auch in der tiefen finanziellen Krise, die in den vergangenen Jahren fast alle Medien betroffen hat. Denn aufwändige Recherchen sind teuer und nicht jeder Verlag oder Sender ist bereit, diese Kosten zu tragen, zumal über die meisten Redaktionen ohnehin drastische Sparmaßnahmen verhängt wurden. Hoffnung bietet da vorerst nur die Journalisten-Ausbildung.

In seiner Holtzbrinck-Schule, versichert Joachim Weidemann, wolle er auch vermitteln, dass Wirtschaftsjournalisten härter gegen Unternehmen recherchieren, schließlich "gilt die Kontrollfunktion der Presse nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft". Das macht dann selbst Hans Leyendecker Hoffnung: "Auch die Medienkrise geht irgendwann vorbei. Dann kommen viele junge Journalisten zum Zuge, die viel besser ausgebildet sind, als ich es war."



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