Mainzer Mediendisput Kulturgut Fernsehen

Auf dem 11. Mainzer Mediendisput diskutierten Medienmacher über die digitale Revolution und den Erhalt des Qualitätsjournalismus. ZDF-Intendant Markus Schächter warnte davor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zum Wirtschaftsfaktor zu reduzieren.


Mainz - Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland sei nicht nur ein Wettbewerber auf dem Medienmarkt, sondern auch ein Kulturgut, sagte ZDF-Intendant Markus Schächter auf dem 11. Mainzer Mediendisput. Damit kritisierte er Versuche der EU, das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf den Status eines reinen Wirtschaftsgutes zu reduzieren.

ZDF-Indendant Schächter: Grundlegender Wandel von Fernsehformen
DDP

ZDF-Indendant Schächter: Grundlegender Wandel von Fernsehformen

Das Kulturgut Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus müsse mit mehr Herzblut verteidigt werden, forderten Medienschaffende, aber auch Politiker. Rund 600 Teilnehmer diskutierten auf dem Mainzer Lerchenberg über aktuelle Entwicklungen im Journalismus wie Kommerzialisierung, Medienkonzentration und die Abgrenzung zur PR. Im Mittelpunkt standen das Thema der digitalen Revolution und die Frage, wie sie die Medienlandschaft in Deutschland verändern wird. Die Einschätzungen reichten von einer schleichen Evolution bis hin zu einem "Epochenwechsel".

Schächter prophezeite einen grundlegenden Wandel bei Fernsehformen und Werbemodellen durch die neue Technik. Das Fernsehen werde "immer stärker in Richtung Pay TV abdriften". Diese Entwicklung dürfe aber "nicht dazu zwingen, eherne Grundsätze der Verfassung auf den Kopf zu stellen", mahnte er zu einem Erhalt der Pressefreiheit. Damit befand sich der ZDF-Intendant in guter Gesellschaft: "Wie können wir erreichen, dass guter Qualitätsjournalismus bleibt", wenn zugleich "die Form den Inhalt bestimmt", fragte die Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, Anke Fuchs, und räumte ein: "Eine gewisse Ratlosigkeit befällt uns alle."

Bereits am Vorabend hatte der designierte ARD-Chef und Intendant des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, eingeräumt, die ARD habe vielleicht "durch Behäbigkeit und Verkrustung" jüngere, kreative Mitarbeiter abgeschreckt. Die Digitalisierung biete auch die Chance, wieder "Leute ausprobieren und machen zu lassen". Bisher habe sich die ARD aber zu wenig mit den Inhalten der neuen Technik befasst.

Für eine neue Gestaltung der Rundfunk- und Fernsehgebühren schlug Schächter drei Kriterien vor: Es dürfe nicht weniger Geld als bisher eingenommen werden, die Regelung müsse Bestand in der Europäischen Union haben, und "einfach, klar und fair" sein. Der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) zeigte sich skeptisch gegenüber einer Umstellung der Gebühr von dem derzeitigen gerätebezogenen System auf eine Haushalts- und Personengebühr. Die Rundfunkkommission werde dennoch andere Systeme prüfen. Ein Problem der Haushaltsgebühr seien Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes.

Mehrere Sprecher warnten vor der Übernahme der privaten deutschen Senderfamilie ProSiebenSat.1 durch den italienischen Konzern Mediaset von Silvio Berlusconi. Mediaset schied jedoch am Donnerstag aus dem Bieterkreis aus. Der Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation, Manfred Helmes sagte dazu: Wenn Finanzinvestoren, Plattformbetreiber und große Medientycoone die Landschaft bestimmen, werde die Qualität weiter sinken. Beck nannte die Sorgen um Berlusconis Einstieg "berechtigt", die rechtlichen Möglichkeiten zur Einschränkung aber "nicht üppig". Beck sprach sich deshalb dafür aus, über eine Sperrminorität von 25 Prozent für ausländische Investoren in deutschen Medienunternehmen nachzudenken. "Wir müssen gegenüber europäischen und globalen Playern handlungsfähiger werden", sagte Beck.

Der Kommunikationswissenschaflter Siegfried Weischenberg appellierte an die Journalisten "Es gibt Indikatoren für einen schwindenden Mut unter den Akteuren" und warnte vor einer "Krise der Kritikfunktion". Journalisten müssten aber wieder stärker auf Inhalte und Vielfalt achten - und aufhören, "das Publikum chronisch zu unterschätzen."

amg/ddp/dpa



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