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Maischberger-Runde zu Georgien: Aggression des Westens im ARD-Ältestenrat

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Wie viel Schuld hat Russland an der neuen Ost-West-Krise? Weniger als gedacht, befanden die alten Kalten Kriegsbeobachter Scholl-Latour, Krone-Schmalz und Eppler bei Maischberger - und kritisierten den Westen. Die alten Partner Genscher und Schewardnadse rieten zur Mäßigung.

Ein Trailer wie aus dem Rundfunklehrbuch. Stichwort Georgien. "Kommt der Kalte Krieg zurück?", fragt Sandra Maischberger besorgt in die Kamera. Und verspricht Antworten von ihrer "hochkarätigen Runde". Das alles in der "ersten Sendung nach der Sommerpause". Da muss man doch ausharren, da wird nicht weggezappt.

Schließlich kommt es noch besser, in der Begrüßungsrunde: "Meine Gäste sind fast alle in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts geboren, haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, den Kalten Krieg. Diesen Sachverstand brauchen wir heute!", sagt Maischberger und stellt uns die Problemlöser vor.

Da sind Hans-Dietrich Genscher, "der ewige Außenminister" sowie der "Weltenkenner" Peter Scholl-Latour. Es folgen Erhard Eppler, die "Ikone der Friedensbewegung" und, zugeschaltet aus Tiflis, der ehemalige sowjetische Außenminister und georgische Präsident Eduard Schewardnadse, "der vielleicht berühmteste Georgier unserer Zeit".

Und da auch die ARD Personal von entsprechendem Rang und Namen hat, sitzen noch Lothar Loewe, früher Korrespondent in Moskau und Washington, sowie die Russlandexpertin Gabriele Krone-Schmalz auf dem Sofa.

Die Runde der Alten bei Maischberger – kann sie helfen? Erst mal die Grundanalyse.

"Die Lage ist ernst", formuliert Genscher bedächtig.

Alle nicken.

"Einen Teil ihres eigenen Landes überfallen"

Differenzen aber bei den Begrifflichkeiten: "Der Kalte Krieg kommt nicht, er ist schon da", dekretiert Scholl-Latour lässig. Genscher sagt, er "folge dem nicht ganz". Die Auseinandersetzung jetzt habe eine andere Struktur, eine Eigendynamik, die schnell außer Kontrolle geraten könne.

Und Eppler, der zuletzt ein Buch über die Privatisierung der Gewalt geschrieben hat, assistiert: "Die Kriege zwischen Staaten werden weniger, die innerstaatlichen Auseinandersetzungen mehr." Die Georgier hätten "einen Teil ihres eigenen Landes überfallen, dann sind die Russen in diese Angelegenheit verstrickt worden".

Hier deutet sich die mehrheitliche Haltung dieses öffentlich-rechtlichen Ältestenrates an: dass nämlich die Russen in der gegenwärtigen westlichen Bewertung zu schlecht wegkommen.

Die Europäer würden "so ungeheuer antirussisch agieren", meint Scholl-Latour. Eppler verweist auf das Kosovo, das die Europäer "genauso anerkannt" hätten wie die Russen jetzt Südossetien und Abchasien.

Schade, dass Maischberger hier nicht einhakt. Denn sind die Fälle wirklich vergleichbar? Gab es doch im Kosovo eine Uno-Verwaltung und war Russland gemeinsam mit USA und EU Mitglied der Kosovo-Kontaktgruppe.

"Jetzt viel gefährlicher als Kalter Krieg"

Nur Genscher merkt an, dass Kosovo "in der Sache" nicht vergleichbar sei, "aber es war klar, dass es beispielhaft wirken würde".

Krone-Schmalz findet "das jetzt viel gefährlicher als Kalter Krieg" - und der Westen trägt ihrer Meinung nach offenbar Mitschuld: "Man hat die Nato aufgeblasen und keine Sicherheitsarchitektur geschaffen, in die Russland eingebunden ist." Der Westen habe gedacht, er könne "der Supermacht Russland auf der Nase rumtanzen". Die beabsichtigte US-Raketenstationierung in Polen sei "eine unnötige Provokation". Russland wolle nur Ruhe an seinen Grenzen haben und wolle sich nicht "irgendwie Polen oder irgendjemanden einverleiben".

Es ist auch eine ARD-interne West-Ost-Konfrontation: Denn Loewe berichtet eindrücklich von seinen Erfahrungen bei den Volksaufständen in Berlin 1953, in Budapest 1956 und in Prag 1968. Maischbergers Frage nach den Parallelen zu Georgien will Loewe nicht direkt beantworten, sagt nur: "Wann immer die Sowjets Panzer in Bewegung setzen, wird Porzellan zerschlagen, die Russen neigen bei solchen Aktionen immer zu Brutalität."

Da muss Krone-Schmalz intervenieren: "Wo sind wir hier eigentlich?" Georgien habe "doch nicht die Bohne" mit der Tschechoslowakei, der DDR oder Ungarn zu tun. Und Scholl-Latour ruft dazwischen: "In Ossetien kamen die Russen nicht als Feinde, sondern als Befreier!" Auch Eppler lehnt jeden Vergleich mit '53, '56, '68 ab: "Die Tschechen wollten freie Menschen sein, die sind ja nicht in Polen eingefallen und haben die dortigen sowjetischen Truppen angegriffen."

"Auch im kältesten Kalten Krieg das Gespräch weitergeführt"

Die scharfe Kritik am Westen und Georgien überrascht. Sie macht Maischbergers Sendung spannend bis zur Schlussminute. Es zerfasert hier und da. Man redet über John McCain in den USA. Loewe verharrt bei den Ungarn 1956, und Scholl-Latour fällt noch was zu den deutschen Truppen in Afghanistan ein.

Maischberger lässt das meist laufen - sie hat als Stamm-Interviewerin von Altkanzler Helmut Schmidt Erfahrung mit dem Rat der Alten.

Es ist immer wieder Hans-Dietrich Genscher, der mit besonnenen Kommentaren auffällt. Erstens mahnt er, dass man mit Russland im Gespräch bleiben müsse. Es sei falsch, den Nato-Russland-Rat ausgesetzt zu haben, der doch insbesondere für solch schwierige Situationen konzipiert worden sei: "Wir haben in Zeiten des kältesten Kalten Kriegs das Gespräch weitergeführt, nie haben wir es abgebrochen, auch nicht beim Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan." Genscher nennt das "Politik des Gesprächs".

Zweitens verteidigt Genscher das westliche Bündnis und wirkt dabei manchmal wie der amtierende deutsche Außenminister: Die Nato sei ein "elementares Bündnis" - problematisch aber seien die Alleingänge mancher Mitglieder, etwa in Sachen Raketenstationierung.

Schewardnadse kann kaum etwas entgegnen

Und was ist mit Eduard Schewardnadse? Der Mann ist zugeschaltet, kann sich also nicht an der recht russlandfreundlichen Diskussion beteiligen. Sein Kopf im Flachbildschirm hängt wie ein Gemälde an der Wand hinterm Sofa, auf dem Scholl-Latour lümmelt. Schewardnadse attackiert die russische Anerkennung der abtrünnigen georgischen Provinzen als "freche Entscheidung", als "dumm und töricht". Doch auch der 80-Jährige betont, dass sich Georgien nicht gegen Russland wenden dürfe, "wir müssen auch mit Russland freundschaftliche Beziehungen pflegen".

Was bleibt?

"Wir stehen nicht vor einem Weltkrieg", sagt Loewe.

Scholl-Latour gibt noch zu Protokoll, dass da mit Nordkorea, Iran, Pakistan "noch ganz schön große Gefahren sind".

Gut, das müsste man dann noch mal separat besprechen. Bei der nächsten Ratsversammlung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. 1
R Panning, 27.08.2008
Zitat von sysopWie viel Schuld hat Russland an der neuen Ost-West-Krise? Weniger als gedacht, befanden die alten Kalten Kriegsbeobachter Scholl-Latour, Krone-Schmalz und Eppler bei Maischberger - und kritisierten den Westen. Die alten Partner Genscher und Schewardnadse riefen zur Mäßigung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,574635,00.html
Der Artikel tut überrascht, daß die Leute da fast alle der Meinung sind, daß Russland in der derzeitigen Darstellung zu schlecht wegkommt. Das wiederum überrascht micht.
2. Das Gebot der Stunde- Mäßigung!
mws, 27.08.2008
Zitat von sysopWie viel Schuld hat Russland an der neuen Ost-West-Krise? Weniger als gedacht, befanden die alten Kalten Kriegsbeobachter Scholl-Latour, Krone-Schmalz und Eppler bei Maischberger - und kritisierten den Westen. Die alten Partner Genscher und Schewardnadse riefen zur Mäßigung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,574635,00.html
In der Tat-Mäßigung täte unseren jetzigen Politikern gut. Danke an den Spiegel, dass er das ganze Panoptikum der deutschen Scharfmacher beim Namen nennt: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,574629,00.html Es ist wirklich erstaunlich, wie ansonsten kritiklos die sog. "freie Presse" angesichts dem dilettantischen Krisenmanagement unserer Bundesregierung ist.
3. Interessante Sendung
Dylan1941, 27.08.2008
die sich von dem üblichen Talkshow Niveau -auch von Frau Maischberger- durch die hochkarätigen Gäste absetzte. Der Verweis auf einseitige TV Bilder antirussisch auf deutschen Sendern sollte zu denken geben. Die USA zusammen mit einigen Mitgliedsstaaten der Nato spielen vor der russischen Haustür wilde Sau und schieben Moskau den schwarzen Peter zu .
4. ..
bundy007, 27.08.2008
Auch mich wundert es, dass es den Author wundert, dass der sog. Ältestenrat sich nicht an dem Russen-Bashing auf Bildzeitungsniveau beteiligt sondern das ganze differenziert betrachtet. Inzwischen scheinen sich selbst die einst seriösen Medien immer mehr auf das leicht "zu verkaufende" Schwarz/Weiss, Gut/Böse Konzept zu berufen.(Zuviele Hollywood Filme gesehen ??) Schlimm ist, dass natürlich auch "unserer Angela" der Durchblick fehlt und sich zu 100% hinter die Amis stellt.
5. ...
JohnD 27.08.2008
Merkt keiner, wie selbst in diesem Artikel Propaganda gemacht wird? Scholl-Latour, der unabhängige, klar sehende wird hier abgekanzelt - und Formulierungen wie "lümmelt" haben in solchem Kontext absolut nichts zu suchen. In Amerika versucht man ebenfalls, die Wahrheit zu unterdrücken. Schön zu sehen in diesem Video: http://www.youtube.com/watch?v=H8XI2Chc6uQ
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