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Malerei-Kult: Anti-Fernsehen mit Bob Ross

Von Martin Dommer

Die Sendung "The Joy Of Painting" ist der Quotenrenner des Spartensenders BR Alpha. Der vor Jahren verstorbene US-Maler Bob Ross begeistert darin mit ausdauernder Sanftmut und "glücklichen kleinen Wölkchen" ein Millionenpublikum. Kurse, die seine Maltechnik für Jedermann vermitteln, haben Hochkonjunktur.

Posthum populär: Bob Ross in "The Joy Of Painting"
Bayerischer Rundfunk

Posthum populär: Bob Ross in "The Joy Of Painting"

Ob verschneite Bergketten, verträumte Waldlichtungen im Morgendunst oder farbstrotzende Blumenbouquets - bei Bob Ross ist die Welt noch in Ordnung. Nicht einmal eine halbe Stunde braucht der ewig lächelnde Künstler mit der Balsamstimme, um vor laufender Kamera ein romantisches Ölgemälde auf die Leinwand zu pinseln. Der vollbärtige Sohn eines Zimmermanns, der 1943 in Daytona Beach, Florida geboren wurde und aussieht wie eine Mischung aus Paul Breitner und Bob Marley, lässt im Fernsehen "glückliche kleine Wölkchen" mit "heiteren kleinen Bäumchen" wetteifern.

Chronisch gut gelaunt scherzt der Mann mit der Afro-Frisur, während er den Zuschauern Schritt für Schritt vormacht, wie sie niedliche Landschaften um noch niedlichere Hütten bereichern können: "Es ist ganz einfach. Wenn es nicht einfach ist, machen Sie etwas falsch". Seit zwei Jahren strahlt der bayerische Bildungskanal BR Alpha "The Joy Of Painting" in Deutschland aus und erzielt um ein Uhr nachts mit durchschnittlich einer Million Zuschauern Traumquoten. Die Sendungen mit dem sanftmütigen Maler sind zum heimlichen Kult geworden.

Bob Ross studierte zunächst an verschiedenen amerikanischen Universitäten Malerei und entdeckte schließlich seine spezifische Malweise. Nachdem er die schon von Vincent van Gogh benutzte "Nass in Nass-Technik" gründlich ausgebaut und etliche Tricks und Hilfsmittel erprobt hatte, fing er an, auch anderen beizubringen, wie man damit schnell und ohne viel Talent opulente Landschaftsbilder kreieren kann. Ab 1981 reiste er quer durch die USA, um seine Technik vorzustellen. Zwei Jahre später produzierte er für den Discovery Channel die ersten Fernseh-Malkurse. 1995 verstarb er an Krebs. Die Kurse aber liefen weiter.

"Prime Time für einen Toten"

Ikone der Hobbymaler: Bob Ross (in einem Gemälde von Eva Tadewald)
Martin Dommer

Ikone der Hobbymaler: Bob Ross (in einem Gemälde von Eva Tadewald)

Rund 400 Folgen umfasst die Malerei-Orgie des kultig-kitschigen Pinselakrobaten, und der Bayerische Rundfunk (BR), zunächst nur mit 100 Sendungen gestartet, musste angesichts des überraschenden Erfolges schnell in Amerika nachordern und steckte den Quotenbringer am Wochenende gar ins Vorabendprogramm. "Prime Time für einen Toten", mokierte sich unlängst die "Süddeutsche Zeitung".

Allein im letzten Jahr verkaufte der BR rund 12.000 Videos, auf denen der dauer-freundliche Althippie erklärt, wie man mit Fächerpinseln und Paletten die Realität auf der Leinwand verklärt. Landauf, landab gibt es zahlreiche Bob-Ross-Fanclubs, eine Mädchenband mit Namen "Hello Bob Ross Superstar" widmete ihrem Fernseh-Guru gar eine eigene Hymne.

Dank perfekter Vermarktung war Ross in den USA schon zu Lebzeiten eine Ikone. Heute sorgt die "Bob Ross Corporation" mit Sitz in Sterling, Virginia dafür, dass sein Ruhm auch über den Tod hinaus und vor allem weltweit vermehrt wird. "Sie können Bob Ross in England, Deutschland oder Holland ebenso sehen, wie in der Türkei, dem Iran, Japan oder Korea", sagt Bert Effing, 52, Prokurist der Europa-Zentrale des Unternehmens im niederländischen Roermond. "Demnächst sollen noch Russland, Polen und Tschechien dazukommen. Weltweit erreichen wir theoretisch etwa 500 Millionen Zuschauer."

Weltweit vermarktet: Malutensilien mit Bob-Ross-Konterfei
Martin Dommer

Weltweit vermarktet: Malutensilien mit Bob-Ross-Konterfei

Längst ist aus dem Fernseh-Malkurs ein gigantisches Unternehmen geworden, das Millionen von Ross-Schülern mit den nötigen Pinseln, Farben, Anleitungsbüchern und Videos ausstattet. Die patentierten Spezialfarben mit dem Konterfei des TV-Gurus werden von einem Düsseldorfer Ölfarben-Hersteller produziert, Videos und Bücher kommen aus Amerika." Letztlich ist es aber die Person Bob Ross, nicht die Maltechnik, die das Konzept weltweit erfolgreich macht", sagt Effing. "Bob Ross ist friedlich und sanft und damit schon fast Anti-Fernsehen."

Ross-Kurse boomen

Wem passives Zuschauen oder einsames Pinseln vor dem Fernseher nicht ausreicht, kann sich längst zu speziellen Malkursen anmelden. In Roermond werden regelmäßig "Bob Ross-Instructors" geschult, die ihr Wissen später an Möchtegern-Maler vermitteln sollen. So auch in Berlin: "Ein bisschen Van Dijk braun, ein bisschen Dunkelsienna und einen Schuss Ocker", erklärt Eva Tadewald ihren sechs Kursteilnehmern, bevor sie anfängt, mit dem Spachtel die Farben auf ihrer Palette zu vermengen. In blauer Capri-Hose und weißer Bluse steht die 53-Jährige vorne vor einer Leinwand und zeigt ihren Schülern, wie sie dank der Ross-Methode mit ein paar einfachen Pinselstrichen Berge, Tannen, Gras und Blumen auf die Leinwand bannen können. Schon seit Jahren lehrt die gelernte Porzellan-Malerin aus Zwickau in Berlin-Schönweide die Technik des verblichenen TV-Malers, die es jedem ermöglichen soll, zum Künstler zu werden.

Lehrt in Berlin die Bob-Ross-Technik: Eva Tadewald
Martin Dommer

Lehrt in Berlin die Bob-Ross-Technik: Eva Tadewald

Auch Tadewald hat zwei dreiwöchige Seminare in Holland absolviert, um sich zum lizenzierten "Instructor" ausbilden zu lassen. Irgendwann habe sie "The Joy Of Painting" gesehen, das habe sie "fasziniert". "Im Fernsehen geht es aber eigentlich immer viel zu schnell. Wenn man ein Gefühl für das Malen bekommen will, muss man es selbst ausprobieren", sagt sie. Anders als viele ihrer Kollegen hält sie sich bei ihren Kursen nicht zwingend an die vorgegebenen Werke des US-Malers. "Ich vermittle nur die Technik, nicht das Motiv", sagt sie. "Mit der Technik kann man ja auch andere Bilder malen".

"Es geht hier nicht um Malen nach Zahlen"

Vorlage für den Malkurs: Bergseelandschaft
Martin Dommer

Vorlage für den Malkurs: Bergseelandschaft

Heute haben sich die Kursteilnehmer als Vorlage das Bergseemotiv eines anderen Künstlers ausgesucht - gemalt wird in Sechsergruppen mit Original-Ausrüstung aus Holland oder Amerika. Der Trick der von Ross weiterentwickelten "Nass in Nass-Technik": durch die besondere Konsistenz der Ölfarben, die sich ohne weiteres mischen und übermalen lassen, wird langwieriges Skizzieren überflüssig. Man braucht nicht zeichnen zu können. Mit den speziell entwickelten Materialien malt man sofort auf die Leinwand. Aufwendige Bildstrukturen entfallen, bereits Fertiges wird schlicht überpinselt, wenn man etwas vergessen hat. Einige simple Schwünge mit dem Fächerpinsel, schon entsteht ein Baum. Einmal gespachtelt und verwischt - schon hat man hat eine "glückliche Wolke".

Für Kursleiterin Tadewald steht die Entwicklung eines individuellen Stils im Vordergrund ihrer Didaktik. "Es geht hier nicht um Malen nach Zahlen und die möglichst detailgenaue Kopie einer Vorlage", sagt sie. "Sie werden sehen, am Ende werden alle Bilder ein wenig anders sein." Währenddessen pinseln und spachteln die Teilnehmer hoch konzentriert an ihren Werken. Hier ein Baum, dort ein Busch. Ein bisschen Gelb für die Lichtreflexe in den Blättern, ein bisschen Braun für die Treppe im Vordergrund. Die Materialien sind im Kursgeld inbegriffen. 65 Euro kostet die Tagesschulung, am Ende hat jeder ein selbst gemaltes Bild - garantiert.

Malen gegen den Alltagsstress

Die Teilnehmer kommen aus den verschiedensten Schichten: Ein Lkw-Fahrer, zwei Bürokauffrauen, zwei Angestellte, eine Rentnerin, eine Hausfrau. Daniela Läszig, 38, die heute das erste Mal dabei ist, hat vorher noch nie gemalt. Ein bisschen schwierig sei es schon, sagt sie, dennoch kommt sie offenbar spielend mit. Die Qualität ihres Bildes unterscheidet sich dabei nicht merklich von den Entwürfen der anderen. "Ich werde es mir zu Hause aufhängen", sagt sie und lächelt.

Fertige Bilder nach einem Tageskurs in Berlin
Martin Dommer

Fertige Bilder nach einem Tageskurs in Berlin

Lkw-Fahrer Willi Kurzrock, 42, kommt dagegen schon ein wenig ins Schwitzen. Er ist bereits zum zweiten Mal dabei, hatte vor den Kursen noch nie gemalt. Spaß hat er trotzdem. "Wenn man die ganze Woche auf Achse ist, kann man hier am Wochenende sehr gut abschalten", sagt der stämmige Berliner. "Außerdem muss es für mich schnell gehen, länger als drei oder vier Stunden darf es nicht dauern." Wie die meisten Kursteilnehmer ist er durchs Fernsehen auf Bob Ross aufmerksam geworden und wollte wissen, was dran ist am Malen für Jedermann. Als er Freunden sein erstes eigenes Bild zeigte, seien die "begeistert" gewesen, sagt er.

Mit seiner Mischung aus Kitsch und psychedelischem Farbrausch ist Bob Ross längst auch reif für den wissenschaftlichen Diskurs. An der Hochschule für Film und Fernsehen in München gilt der Maler als Paradebeispiel für die Erschaffung übertriebener Wirklichkeiten. Aber ob Kitsch, Kult oder einfach Kuriosum - sicher ist: auch heute Nacht sitzen Bob Ross' Verehrer wieder zu nachtschlafender Zeit vor dem Fernseher und warten auf seinen ewig gleichen Abschiedsgruß: "Happy painting and god bless you."


"The Joy Of Painting", wochentags zwischen 0.00 und 1.00 Uhr, Samstags um 18.15 Uhr, Sonntags um 9.15 Uhr auf BR Alpha

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