Malerei Aufstieg der Penisbilder

Seit 50 Jahren malt US-Künstlerin Judith Bernstein männliche Geschlechtsteile. Lange war sie verpönt, jetzt wird sie weltweit ausgestellt. In Donald Trump erkennt sie ihre vor vielen Jahren erschaffene Figur "Cockman".

Judith Bernstein

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Judith Bernstein ist ihres Motivs nie müde geworden. Seit fünfzig Jahren malt sie vor allem eines: Genitalien. Und davon am liebsten: Penisse. Ihre Werke hießen früher "Supercock" (1966), "Dick Balloon" (1969) oder "Half-Cock" (1980), heute tragen sie Titel wie "Dick in a Head" (2007) oder "Cockman always Rises" (2016): Bernstein objektiviert das männliche Geschlecht und ist damit eine klassische Feministin, die seit den Sechzigerjahren gegen Sexismus und das Patriarchat kämpft. Eine Pionierin.

Fünfzig Jahre Geschlechtsteile - doch erst in den vergangenen Jahren sind Bernsteins grellbunte Arbeiten, die ursprünglich einmal von drastischen Schmierereien in Männertoiletten inspiriert wurden, überall präsent. Nach zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in den USA und Europa sowie der Art Basel ist nun der Bildband "Dicks of Death" in der Edition Patrick Frey erschienen.

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Judith Bernstein: Fünf Dekaden Dickpics

"In den vergangenen fünf Jahren wurde meine Kunst mehr beachtet als in den vierzig Jahren davor", bestätigt Bernstein. Über Dekaden sei sie "zum Schweigen gebracht worden", erst die dritte Feminismuswelle habe ihr eine Bühne gebracht. "Visuelle Wucht, Aggression und Humor haben früher zur Verbannung meiner Bilder geführt, heute werden sie deshalb gefeiert."

Früh rückte Bernstein die männliche Anatomie als Symbol für Sexismus und Patriarchat, Aggression und Krieg in den Mittelpunkt ihres Schaffens - zunächst in politisch motivierten Arbeiten zum Vietnamkrieg, dann in Form von phallisch anmutenden Schrauben. Monumentale Darstellungen wie etwa die Holzkohle-Zeichnung "Horizontal Screw" (was mit "Schraube, horizontal", aber auch mit "Horizontalfick" übersetzt werden kann) provozierten 1974 einen Skandal. Der Bürgermeister von Philadelphia verbannte "Horizontal Screw" als "moralisch verderblich" aus der Gruppenausstellung Focus: Women's Work - American Art 1974. Befreundete Künstler und Galeristen protestierten, es gab eine Petition - doch Bernsteins provokante Gemälde blieben zensiert, wurden kaum mehr ausgestellt oder verkauft.

Heute erregt Kunst mit sexuell expliziten Inhalten nicht mehr unbedingt die Gemüter, feministische Kunst hat sich verändert. Doch die Szene würdigt weibliche Künstlerinnen einer älteren Generation nun als Pioniere, auch die Werke von Mary Heilmann, Jo Baer, Judy Chicago, Miriam Schapiro oder den Guerilla Girls sind quer durch die USA und Europa wieder präsent. Judith Bernsteins Arbeiten von früher werden mit ihren heutigen Anliegen kontextualisiert, etwa in Ausstellungen in der Mary Boone Gallery New York, in der Kunsthalle Stavanger, der Art Basel und der Galerie Karma International in Zürich.

Bernsteins Fokus verschob sich über die Jahre nur leicht. Stilistisch blieb sie der Graffiti-Anmutung mit drastischen Werktiteln treu, bezieht nun aber auch weibliche Genitalien mit ein, etwa in ihrer Werkserie "Birth of the Universe" von 2013. "Ich beschäftige mich nun mit weiblicher Wut, symbolisiert durch aktive, aggressive Vaginas in Leuchtfarbe oder knalligen Ölgemälden", sagt Bernstein. "Ich breche mit der Romantik weiblicher Geschlechtsteile. Die Vagina ist das Zentrum des Universums und schwarzes Loch in einem, sie gebiert und verschlingt."

Bernsteins Phallusdarstellungen werden in jüngster Zeit wieder politischer und zunehmend grotesk-humoristisch: Die Werkserie "Cockman always rises" (in etwa: "Der Schwanzmann setzt sich immer durch") zeigt Penis-Gesichter mit Krawatte, um auf den in Gesellschaft und Politik vorhandenen Männlichkeitswahn hinzuweisen. "Meine 1966 begonnene 'Cockman'-Serie ist durch den Präsidentschaftswahlkampf aktueller denn je", sagt Bernstein. "Donald Trump ist für mich die Inkarnation von Korruption, Sexismus und Rassismus. Er ist eine rohe, unbearbeitete Version des 'Cockman', den ich vor so langer Zeit erschaffen habe. Wie ich schon sagte: 'Cockman always rises'!"

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