Malerstar Johannes Kahrs Im Herz der Finsternis

Wenn der Horror vorbei ist, leuchten die Farben am stärksten. Der Berliner Johannes Kahrs malt die Stille nach dem Schrei. Und ist so zu einem der heimlichen Stars des deutschen Kunstbetriebs geworden. "Monopol"-Autor Harald Fricke hat den Maler in seinem Atelier besucht.


Dass die Welt ein Schlachtfeld ist, hat Künstler selten abgeschreckt. Goya war nah dran, als er die zerfetzten Leiber der napoleonischen Kriege darstellte und mit dem Kommentar "So war es!" versah. Was aber macht Gewalt so anziehend? Worin liegt die Sensation des Fleisches, der Francis Bacon nachspürte? Die Menschen sind schutzlos, das macht sie wütend – kein Künstler versteht es momentan, diese Ohnmacht so genau ins Bild zu setzen wie Johannes Kahrs.

Im Gespräch kann Kahrs schnell aufbrausend werden, auch weil er den eigenen Worten nicht immer traut. Das ist nicht sein Gebiet, da wird es leicht ungenau, unscharf, dann müssen Erklärungen her, die andere längst irgendwo in Bücher geschrieben haben. Wie, scheint er sich dann zu fragen, findet man von dort wieder zurück zu seiner Malerei, die doch eine direkte Konfrontation sein soll?

An diesem Nachmittag im Januar klappt es erstaunlich gut. Kahrs wirkt ungewöhnlich entspannt, offenbar kann er gut mit Druck leben, wenige Wochen vor der Eröffnung seiner nächsten Einzelausstellung. Auf dem Tisch im Kreuzberger Atelier liegen CDs, ein Live-Mix von Ricardo Villalobos, ein paar Dias mit Abbildungen seiner Arbeiten, die dringend in den Katalog sollen, und daneben der Grundriss für das GAMeC, das Museum für zeitgenössische Kunst im norditalienischen Bergamo.

Fünf Stockwerke, knapp 500 Quadratmeter Fläche stehen Kahrs zur Verfügung, daumengroße Fotokopien seiner Zeichnungen und Gemälde sind sorgsam auf dem Plan eingeklebt. Die meisten Künstler hätten über so viel Platz vermutlich freudig in die Hände geklatscht, bei ihren Sammlern und Galerien die besten Stücke abholen lassen, dazu aus dem eigenen Lager mit selten präsentierten Arbeiten nachgerüstet, weil sich so eine Chance nicht häufig bietet. Immerhin findet die Ausstellung in einem namhaften Museum statt, das sonst William Kentridge, Yoko Ono oder Vanessa Beecroft zeigt.

Russisches Roulette

Doch Kahrs setzt auf Konzentration: Für Bergamo hat er gerade einmal 26, oft weniger als eineinhalb mal einen Meter messende Gemälde und Zeichnungen ausgewählt. Jeweils zwei dieser kaum mittleren Formate müssen für eine Wand genügen, etwa das gleich doppelt gemalte Porträt einer blonden Frau, die sich eine Pistole an die Schläfe drückt und dabei so konsequent mürrisch aus dem Bild herausstarrt, dass man sich mit von der Partie wähnt bei ihrem russischen Roulette. Der Titel lautet lapidar "Girl ’n’ gun", das kontrastiert gut mit "Men with music", wie die Ausstellung in Italien heißt, weil Kahrs Gegensätze mag. Denn eigentlich handeln die Arbeiten, wie er mit einem Blick auf den Entwurf für die Ausstellung sagt, "allesamt von einer unmittelbaren, physischen Wucht".

Die Retrospektive kommt im richtigen Augenblick: Spätestens seit seiner Beteiligung an der Blockbuster-Show "deutschemalereizweitausenddrei" im Frankfurter Kunstverein zählt der in Bremen geborene Kahrs zu den wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlern. Seine Arbeiten waren 1998 auf der ersten Berlin Biennale zu sehen, ein Jahr später nahm der Kunst-Werke-Kurator Klaus Biesenbach ihn in die Übersichtsschau "Children of Berlin".

Alle sind beschädigt

Seit 2003 wird der 42-Jährige von der Antwerpener Galerie Zeno X vertreten, die auch mit Luc Tuymans, Marlene Dumas oder Michael Borremans arbeitet. Und neuerdings taucht sein Name auch im Zusammenhang mit Charles Saatchi auf, nachdem der Londoner Sammlermulti bei der vergangenen Herbstauktion von Phillips de Pury ein Kahrs-Ölbild für bald 150000 Dollar gekauft hat. Das schafft Aufmerksamkeit im Kunstbetrieb.

Drastisch und verstörend sind viele der dargestellten Szenen, die seit kurzem so heftige Begehrlichkeiten wecken. Hier ein malträtierter Rücken, dort ein Kerl mit Halbglatze, der sich in einer Peepshow gierig die Nase an einem Sehschlitz plattdrückt. Dazwischen Nancy Reagan, blind vor Trauer bei der Beerdigung ihres Mannes, oder eine nackte Tänzerin, die sich lasziv die Arme verdreht. Frauen sind bei Kahrs stets als entschlossenes Gegenüber positioniert. Ihren eisigen, selbst in der Verletztheit strengen Blick muss man aushalten können. Opfer sehen anders aus, ohnehin geht es um Kämpfe, die sich nicht um dieses oder jenes Geschlecht scheren. Alle sind beschädigt, niemand bleibt verschont.



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