Mammut-Ausstellung in New York Picassos neueste Enthüllungen

Eine Mega-Show im New Yorker Metropolitan Museum widmet sich einem altbekannten Thema - Picasso. Dass die Ausstellung "sexuell eindeutiges Material" enthält, sorgt dabei für das kleinste Erregungspotential: Spektakuläre Technik ermöglicht einen neuen Blick auf zentrale Bilder des Meisters.

Von , New York


Der Patient war alt, sehr alt. 105 Jahre, um genau zu sein. Er war schon ramponiert, "etliche Vorfälle über die Jahre", seufzt sein Pfleger. Doch das war sein schlimmstes Unglück bisher: eine 15 Zentimeter lange, tiefe Wunde, rechts unten, direkt über der Signatur.

Pablo Picassos "L'Acteur", ein 1,80 Meter hohes Ölgemälde von 1905, ist eines der kostbarsten Stücke im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Sein Wert wird auf bis zu 130 Millionen Dollar geschätzt. Der Schock war also groß, als eine Museumsbesucherin im Januar ausrutschte und in die Leinwand stürzte.

Jetzt ist "L'Acteur" wieder da, nach drei Monaten auf der Intensivstation. Am Dienstag eröffnet das Met die bisher größte Picasso-Ausstellung seiner Geschichte, mit einem spektakulären Repertoire aus fast 300, teils noch nie öffentlich gezeigten Werken aus dem Fundus des Museums, die einen ganzen Flügel füllen. Anker dieser Mega-Show, die enorme Menschenmassen anlocken wird: ein geflickter, restaurierter, genesener "L'Acteur" - diesmal allerdings hinter Plexiglas. Sicher ist sicher.

"Der Riss ist fast unsichtbar", freut sich Gary Tinterow, der Met-Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst. Wochenlang haben die Restauratoren das Bild behandelt, von einer Notoperation am Tag des Unfalls über Röntgentests bis zur Reha-Pflege. Das Drama hatte jedoch noch eine unerwartete Nebenwirkung. Fast nebenbei entdeckten die Met-Leute, dass das Gemälde viele weitere, spannende Geheimnisse barg. "L'Acteur" begann, seine lange Geschichte zu offenbaren.

Picasso hatte es mehrmals geändert, übermalt und korrigiert. Und auf der Rückseite befand sich ein grob überpinseltes Bild, von dem man zwar gewusst hatte, das nun aber in Konturen erschien.

"L'Acteur" war nicht das einzige Werk, das Überraschungen preisgab. Bei zahlreichen Exponaten unter den Gemälden, Zeichnungen, Drucken und Skulpturen stießen die Restauratoren dank moderner Technologie auf verschollene Schätze.

Warnung vor expliziten Inhalten

Kritiker werfen dem Met vor, es wähle in Zeiten der Finanzkrise den billigen Weg, indem es einfach nur die eigenen Bestände abstaube. Genau dieser Weg erweist sich aber als Geistesblitz: Die Legende Picasso, von der man geglaubt hatte, sie gebe nichts Neues her, zeigt unbekannte Seiten.

Den Forschern enthüllten sich übermalte Szenen, verworfene Versionen, Picassos Arbeitsabläufe, Hinweise auf Lebensumstände. Sogar ein verloren geglaubtes Bild fand sich wieder - unter einem bestehenden. Manches war bekannt, aber noch nie so klar hervor getreten. Eine Video-Installation am Ende des Rundgangs erläutert die Verfahren anschaulich.

Es ist eine kunsthistorische Schnitzeljagd. Audio-Führer steuern den Besucher chronologisch durch Picassos turbulentes Leben - von den frühen Jahren durch die "blaue Periode", die "rosa Periode", die Geburt des Kubismus, Weltkriege, Affären und Ehen. Ein Ölbild zeigt Picasso nackt, in den Armen einer Frau. "Die Ausstellung", warnt ein Schild, "enthält sexuell eindeutiges Material." Man ist eben in Amerika.

Ziemlich am Anfang steht "L'Acteur": Picasso malte das Werk im Winter 1904/05, gerade mal 23 Jahre jung. Er war arm und wohnte auf dem Pariser Montmartre. Aus Geldmangel recycelte er gebrauchte Leinwände, manchmal verbrannte er zum Heizen auch Zeichnungen.

Das Bild zeigt einen spindeldürren Schauspieler auf der Bühne. Für Experten markiert es den Übergang zwischen Picassos "blauer" und "rosa Periode". Er hatte gerade seine Geliebte Fernande Olivier kennengelernt. Statt kühler Porträts von Bettlern und Krüppeln malte er jetzt wärmere von Akrobaten und Gauklern.

Das Met besitzt "L'Acteur" seit 1952, es war eine Schenkung von Thelma Chrysler Foy, einer Tochter des Autobarons Walter Chrysler. Doch erst mit der Rettungsaktion im Januar gab "L'Acteur" seine gesamten Geheimnisse preis. So verschob Picasso den linken Fuß des Schauspielers mehrmals hin und her, änderte den Winkel, übermalte die vorherige Version. Auch die rechte Hand änderte er mit der Zeit. Am interessantesten jedoch war die Rückseite. Dort hatte sich mal, wie Experten schon länger wussten, ein anderes Gemälde befunden. Doch niemand wusste, von wem es stammte: Von einem bekannten Künstler? Von Picasso selbst?

Fast geologisch anmutende Farbschichten

Die Röntgenstrahlen brachten zumindest eine Antwort. Auf die Seite gedreht, kristallisierte sich eine Landschaft mit Bäumen heraus. Pinselstrich und Farbpalette bewiesen: Die ursprüngliche Leinwand war kein Picasso. Der hatte die Unterlage von einem anderen gehabt.

Röntgen war nicht die einzige Technik, die die Met-Forscher anwandten. Die Picassos wurden einer ganzen Batterie von Tests unterzogen: Infrarot-Reflektografie, Ultraschall, UV-Licht, Scanning, Spektralanalyse, Computeranalyse, Pigmentanalyse.

Fast ein Jahr dauerte es, bis die Ausstellung komplett war. Dutzende Experten packten mit an, um den Met-Bestand aus insgesamt 493 Picassos zu durchforsten. "Es war aufregend", sagt Kurator Tinterow, "aber auch strapaziös."

"La Coiffure", aus der gleichen Zeit wie "L'Acteur", gab im Röntgenlicht sogar gleich vier frühere Gemälde preis - ein Mann mit einem Mädchen, ein Bettler, ein Jongleur, das Gesicht einer Frau. Der mikroskopische Querschnitt enthüllte fast geologisch anmutende Farbschichten.

Auch "Gertrude Stein", ein Porträt der mit Picasso befreundeten Schriftstellerin, durchlief Reinkarnationen. Allein den Kopf änderte Picasso viermal, bis er maskenhaft wurde. Darunter steckte ein früheres Landschaftsbild.

Es ist das einzige Bild, das Stein in ihrem Testament explizit nannte. 1946 vermachte sie es dem Met. Es war dessen erster Picasso.


"Picasso in The Metropolitan Museum", New York City, 27.4. bis 1.8.2010.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
saul7 26.04.2010
1. ++
Zitat von sysopEine Mega-Show im New Yorker Metropolitan Museum widmet sich einem altbekannten Subjekt - Pablo Picasso. Dass die Ausstellung "sexuell eindeutiges Material" enthält, sorgt dabei für das kleinste Erregungspotential: Spektakuläre Technik ermöglicht einen neuen Blick auf zentrale Bilder des Meisters. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,691183,00.html
Bei diesem Mann überrascht nichts mehr. Er ist und bleibt das größte Genie unter den Malern des vorigen Jahrhunderts...!
Nachtschwester Ingeborg 26.04.2010
2. Titel
Dass Picasso seine Bilder während des Arbeitsprozesses immer wieder veränderte sollte doch nichts wirklich neues sein, das ist doch spätestens seit dem wunderbaren Film von Henri-Georges Clouzot bekannt. "Le Mystère Picasso" zeigt Picasso bei der Arbeit: http://www.youtube.com/watch?v=d1_hv24_Usg&feature=related
Plethon 26.04.2010
3. Die Maßlose Überbewertung...
Tausend mal abgelutscht dieser Picasso… Eine geniale Vermarktungsstrategie und ein Brandingverhalten die zu seinen Lebzeiten angefangen hat und von seinen Nachfahren emsig weitergeführt worden ist, um zu Reichtum zu gelangen… Mehrere Klugscheißer a la Werner Spieß haben die Promotiontour erfolgreich weitergeführt, natürlich, ohne die eigene Bereicherung, Positionierung und Karriere außer Auge zu lassen... Was bleibt ist die Tatsache, dass Picasso am Besten von außereuropäischen Kulturen und anderen Vorreiter der Avantgarde -Künstlern schlau kopiert und geklaut hat, um seinen eigenen Mythos zur Unsterblichkeit zu bringen. Ohne die anderen wäre er das Nichts, was er auch letztendlich ist.
Plethon 26.04.2010
4. Warum?
Zitat von saul7Bei diesem Mann überrascht nichts mehr. Er ist und bleibt das größte Genie unter den Malern des vorigen Jahrhunderts...!
Wie kommen Sie zu dieser Erkenntnis?
mark anton, 27.04.2010
5. Also war die Bezeichnung "entartete Kunst" doch nicht so weit her geholt?
Es gibt Bilder, da geht einem das Herz auf, dazu gehoert nicht unbedingt Picasso.
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