Manierismus-Ausstellung Jesus wie ein Lausejunge

Den Künstlern des Manierismus waren Schönheit und Harmonie nicht alles - sie experimentierten, wurden zweideutig. 120 hochkarätige Leihgaben werden nun erstmalig in Deutschland gezeigt.

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Zu Beginn des 16. Jahrhunderts standen die jungen, florentinischen Maler vor einem Problem: Mit Leonardo, Michelangelo und Raffael hatte die Kunst der Hochrenaissance eine Qualität erreicht, die kaum zu überbieten war. Sie war so kraftvoll wie zart, so von idealer Schönheit wie von natürlicher Anmut durchdrungen. Besser, harmonischer ging es nicht. Ging es anders?

Was sich die jungen Wilden einfallen ließen, demonstriert jetzt eine Ausstellung im Frankfurter Städel. "Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici" zeigt mit 120 Leihgaben den florentinischen Manierismus so umfassend, wie er noch nie außerhalb der Stadt am Arno gezeigt wurde.

Pontormo und Rosso Fiorentino, beide damals erst um die zwanzig Jahre alt, hatten um 1515 zu experimentieren begonnen. Naturnachahmung und das Streben nach idealisierter Schönheit galten ihnen bald nicht mehr als Dogma. Sie schlugen über die Stränge, was Zentralperspektive und Größenverhältnisse anbelangte, schufen alogische Räume, zitierten häufig und ironisierten auch mal. Pontormo zeichnete meisterlich dynamisierte Figuren, die sich, von nervösen Linien umflirrt, an ihren Rändern in Luft auflösen.

Rosso Fiorentino wurde expressiv, längte hier einen Kopf, dort eine Hand, als zöge Auszehrung an den Gliedern. Gesichter überzeichnete er fast karikierend mit kohleschwarzen Augen und roten Wangen, so dass Jesus wie ein Lausejunge aussah. Die Madonna gab er erotisch: Brust und Bauch vom schleierdünnen Gewand eher betont als verborgen.

Die Künstler des Manierismus nahmen sich gegenüber dem klassisch-einheitlichen Stil der Hochrenaissance das Recht, ihren je eigenen Blick wiederzugeben. In Zeiten, da politische Umbrüche in Florenz, Italien und ganz Europa den Skeptizismus vorantreiben, zählte die individuelle, auch betont artifizielle Handschrift, die "maniera".

Dandyartige Extravaganz überhöht Francesco Salviati um 1547 mit seinem "Bildnis eines jungen Mannes". Sein Protagonist dreht seinen Leib geziert und hält dem Betrachter in Gestalt feiner Lederhandschuhe ein luxuriöses Accessoire vor die Nase. Technisch virtuos und psychologisch genau malt Bronzino. Er ist zehn Jahre jünger als sein Lehrer und Freund Pontormo und bald Hofmaler von Cosimo I., der die Bildproduktion als Machtmarketing einzusetzen weiß.

Esprit und Eleganz

Bronzino porträtiert die Medici und die vornehmen Damen der Stadt, zeigt sie mit sinnendem, kühlem oder herablassendem Blick und begabt mit erlesenem Geschmack und Stilempfinden. Die "Eleonora di Toledo" gibt er um 1540 als unterkühlte Beauty mit trotziger Unterlippe. Den dreijährigen Garzia de' Medici lässt er fast unheimlich zwischen Kind und Respektsperson changieren. Dem Detailfanatiker gelingen Spitzenkrägen, die man meint abknüpfen zu können, oder geschlitzte Manschetten, die so plastisch sind, dass sie fast aus dem Bild hervorzuspringen scheinen.

Bronzinos "Bildnis einer Dame in Grün" - es gehört dem britischen Königshaus und hängt gewöhnlich in den State Apartments von Windsor Castle - zeigt eine fast fotorealistisch gemalte Lady, nachdenklich und eigensinnig wie eine Ibsen-Figur. Seine "Dame in Rot" dagegen wirkt subtil kokett: Halb blockt sie zudringliche Blicke durch ihren quer gehaltenen Unterarm ab, halb lockt sie mit dem filigranen Schoßhündchen in ihrer Armbeuge.

1967 charakterisierte der Kunsthistoriker John Shearman den Manierismus als eine Epoche des Esprit und der Eleganz und ehrte ihn mit dem schönen Beinamen "the stylish style". Davor war die Exzentrik des Manierismus oft kritisch beäugt worden. Im 19. Jahrhundert schäumte der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, sah Pomp und "unwürdige Verwilderung".

Noch 1950 mokierte sich Ernst Gombrich in seiner "Geschichte der Kunst" über manieristische Künstler, die Michelangelos "nackte Figuren in komplizierten Stellungen" in die eigenen Bilder hineinmontierten: "Was dabei herauskam, sah manchmal recht komisch aus: Ereignisse aus der biblischen Geschichte schienen sich im Beisein von trainierten Sportclubs abzuspielen."

Gombrich nennt zwar keine Namen. Aber ja: Pontormos "Hieronymus als Büßer" ist auffällig muskulös und verzwirbelt seine Glieder, als setze ein Yogi zum Drehsitz an. Sein kurioser Geniestreich "Venus und Amor" ist tatsächlich nach einem Entwurf von Michelangelo entstanden, und der Leib der Liebesgöttin wirkt stählern mit Donnerschenkeln und austrainiertem Kreuz. Von der merkwürdigen Genitalanatomie ganz zu schweigen: Diese Venus ist sportlich - und androgyn erst recht.

Heute aber, da Brüche und Differenzen mehr zählen als ideale Vorstellungen, machen gerade solche Normverletzungen die Manieristen-Schau des Städel mit ihren wunderbaren, spannungsvoll und schlüssig arrangierten Exponaten so interessant. An ihrem Ende steht folgerichtig ein Kuriosum: Pontormos Tagebuch.

In Schönschrift und begleitet von comicartig verkürzten Skizzen notierte der Meister mit obsessiver Akribie seine Essens- und Verdauungsgepflogenheiten. Schön lakonisch aber wurde er, wenn es um die Arbeit ging: "Dienstag die Figur unter dem Kopf angefangen. Mittwoch den Leib unterhalb der Brüste. Donnerstag das ganze Bein. Freitag Regen."


Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici. Bis zum 5. Juni im Städel Museum, Frankfurt. Katalog: im Museum 39,90 €

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