Antifaschistisches Manifest: Deutschgriechen machen mobil

Von Christoph Twickel

"Nichts Goldenes an dieser Morgenröte": Mit einem Manifest positionieren sich in Deutschland lebende Griechen gegen die Neonazi-Partei Chrysi Avgi, die bei Umfragen inzwischen auf zwölf Prozent kommt. Die meisten der Unterzeichner haben am eigenen Leib erfahren, was Rassismus ist.

Griechenlands Neonazis: Solidarität unter Migranten Fotos
dapd

Die Schauspieler Maria Ketikidou ("Großstadtrevier") und Adam Bousdoukos ("Soul Kitchen") haben unterschrieben, aber auch der TV-Wirt Kostas Papanastasiou aus der "Lindenstraße" oder der Journalist Mark Terkessidis. In ihrem Alltag als Migranten in Deutschland seien sie es gewohnt gewesen, über Rassismus und Gewalttaten zu reden, heißt es in einem Manifest, mit dem sich die Deutschgriechen zu den Vorgängen um die neonazistische Chrysi Avgi - auf Deutsch: "Goldene Morgenröte" - äußern.

"Wir werden nie die Bilder von den Angriffen der Neonazis auf Migranten und Flüchtlinge 1992 in Rostock vergessen, bei denen Schaulustige Beifall klatschten und die Polizei tatenlos zuschaute, während all das live im Fernsehen übertragen wurde", heißt es im Manifest. Und um so wütender sei man nun angesichts der Erfolge der militanten Faschisten in Griechenland: "Wir können es nicht fassen, dass in einem Land, in dem der Faschismus Hunderttausende Opfer und tiefe Wunden hinterlassen hat, kriminelle Neonazis zu Abgeordneten gewählt wurden, ihrer Partei im Fernsehen eine Bühne geboten wird, ihnen mit Feigheit begegnet wird und sie offensichtlich mehr als unterschätzt werden."

Der Aufruf unter dem Titel "Nichts Goldenes an dieser Morgenröte" reagiert auf den rasanten Aufstieg der Chrysi Avgi, die seit den Parlamentswahlen im Juni, bei der sie 6,9 Prozent der Wählerstimmen bekam, ihre Popularität fast verdoppeln konnte. Laut aktuellen Umfragen liegt die Partei mit zwölf Prozent in der Wählergunst.

500 Angriffe in sechs Monaten

Parallel zum Einzug ins griechische Parlament, wo die "Goldene Morgenröte" mit 18 Abgeordneten vertreten ist, machen Kader und Anhänger der Partei auch außerparlamentarisch mobil. Im Juni prügelte der Parteisprecher Ilias Kasidiaris vor laufenden Kameras in einer Talkshow auf die kommunistische Abgeordnete Liana Kanelli ein. Im Juli kündigte die Partei die Einrichtung einer Blutbank an, die sich nur an Griechen wende und migrantischen Einwohnern ihre Hilfe verweigert - außerdem richtete sie Armenspeisungen ausschließlich für Griechen ein.

Für Einwanderer ist das Leben mit dem politischen Aufstieg der Chrysi Avgi gefährlich geworden: Migrantenorganisationen sprechen von über 500 tätlichen Angriffen auf Nichtgriechen und Minderheiten allein in der ersten Jahreshälfte 2012 - oft weisen sich die Schläger durch T-Shirts mit dem hakenkreuzähnlichen Parteiemblem als Mitglieder oder Anhänger der Chrysi Avgi aus.

Der Zuspruch für die militant fremdenfeindliche Partei hat das politische Klima im Land weit nach rechts verschoben. Im August ließ Nikos Dendias, Minister für öffentliche Ordnung, in der größten Razzia der Landesgeschichte rund 6000 Migranten festnehmen und über tausend von ihnen abschieben. "Inzwischen können die Neonazis der Chrysi Avgi, sogar unter den Augen der Polizei, ungehindert zuschlagen", heißt es in dem Manifest der Deutschgriechen. Weil in Griechenland Polizisten in besonderen Wahllokalen wählen, weiß man, dass die Unterstützung für die "Goldene Morgenröte" in Polizeikreisen besonders hoch ist - zwischen 17 und 25 Prozent.

"Vor kurzem hat die Frau des Parteichefs der Chrysi Avgi im Parlament erklärt, man könne die griechischen Migranten im Ausland nicht mit den migrantischen 'Untermenschen' in Griechenland vergleichen", sagt Charalambos Ganotis, einer der Initiatoren den Aufrufs. "Das hat uns noch mal darin bestätigt, dass für uns die Zeit gekommen ist, uns als Einwanderer in Deutschland klar zu positionieren. Wir wollen mit dieser Aktion den Migranten in Griechenland unsere Solidarität aussprechen und eine Diskussion auslösen."

Einen ersten Erfolg hat der Protest per Manifest bereits erreicht: Das griechisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt in Deutschland, Metropolit Augustinos, erklärte in einem Interview mit der Deutschen Welle: "Die orthodoxe Kirche verurteilt jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wer solche Ideen propagiert, stellt sich selbst außerhalb der Kirche."

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insgesamt 39 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die gemeinsame Währung verstärkt den Nationalismus!
FreeEurope 07.11.2012
Die gemeinsame Währung ermöglicht es den Nationalisten, den europäischen Nachbarn die Schuld am eigenem Versagen zu geben. Nur so ist zu erklären, das seit der Eurokrise der Nationalismus derart aufkeimt. Wären die Euro-Länder nicht so stark verbunden - die europäischen Nationen müssten die Schuld bei sich selbst suchen - und vor allem endlich wirksame Reformen einleiten!
2. Bravi! Danke!
Europa! 07.11.2012
Zitat von sysop"Nichts Goldenes an dieser Morgenröte": Mit einem Manifest positionieren sich in Deutschland lebende Griechen gegen die Neonazi-Partei Chrysi Avgi, die bei Umfragen inzwischen auf 12 Prozent kommt. Die meisten der Unterzeichner haben am eigenen Leibe erfahren, was Rassismus ist. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/manifest-deutschgriechen-machen-mobil-gegen-die-chrysi-avgi-a-865943.html
Sehr gut! Europa wächst über die Menschen zusammen. Dieses Manifest ist ein Stück "Europa von unten". Wenn wir den Nazionalismus endgültig besiegen wollen, brauchen wir mehr solche Initiativen.
3. Sehe ich anders
Europa! 07.11.2012
Zitat von FreeEuropeDie gemeinsame Währung ermöglicht es den Nationalisten, den europäischen Nachbarn die Schuld am eigenem Versagen zu geben. Nur so ist zu erklären, das seit der Eurokrise der Nationalismus derart aufkeimt. Wären die Euro-Länder nicht so stark verbunden - die europäischen Nationen müssten die Schuld bei sich selbst suchen - und vor allem endlich wirksame Reformen einleiten!
Sie haben insofern recht, als die rechten Parteien die Eurokrise benutzen, um an diesem Problem ihr trübes Süppchen zu wärmen. Aber eine wirtschaftliche Krise befördert leider immer die radikalen und totalitären Parteien, die scheinbar "einfache" Lösungen anbieten, indem sie einzelne Gruppen oder Institutionen beschuldigen, sie wären "an allem schuld". Griechenland war in den 70 Jahren eine Militärdiktatur mit Folter und Mord! Dass die nötigen Reformen jetzt durch demokratische Wahlen herbeigeführt werden, ist ein großer Fortschritt, der sicher auch auf die Einbindung in die EU zurückzuführen ist.
4. Doppelmoral
schwabenstreich 07.11.2012
Unserer wirtschaftlicher Erfolg und unser "WohlstandsSozialstaat" ist nur möglich, weil wir andere Länder (vor allem Drittweltländer) übervorteilen. Ist einfach nun mal so! Dies ist doch auch eine Form von Nationalismus (uns, meiner Verwandtschaft, Nachbarn geht es "gut"). Das ist im gesunden Maße auch völlig normal und richtig so (Moralisch ???? erklären sie das mal einem Marsmännchen!!!!). Ergo, wenn der Kuchen kleiner wird (wie in Griechland) ist ebenfalls normal das man die Menschen welche nicht aus Griechland kommen, "los werden will". Auch ein normales Menschliches verhalten. Denn Solidarität (ich hasse das inzwischen mißbrauchte Wort) hört bei der eigenen Existens auf. Auch das ist richtig und normal (siehe Verhaltensforschung) Egal was die Roten und solventen Europolitiker gerne hätten, denn mit einem EuroPolitiker Einkommen könnte ich auch spendtabler sein und zeit- und weltfremdes Meinungsgut verbreiten.
5. Warum sehen wir sowas nicht öfter ?
Jörn Gerrit Hanke 07.11.2012
Das nenne ich doch mal eine tatkräftige Initiative mit erheblicher Symbolwirkung !!! Migranten in Deutschland helfen Migranten in ihrer Heimat. Ich kann mich nicht erinnern wann dies das letzte mal und in einem solchen Umfang geschehen ist...
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