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Umstrittene Manifesta-Schau in Russland: "Wir wollen politisieren"

Internationale Kunstschau: Manifesta 2014 Fotos
Courtesy Annet Gelink Gallery

Homophobe Gesetze, gegängelte Medien, der Ukraine-Konflikt - Kollegen legten Joanna Warsza nahe, auszusteigen. Doch die polnische Kuratorin beteiligt sich am umstrittenen Kunst-Großereignis Manifesta in Russland. Warum?

Am Wochenende beginnt in Sankt Petersburg die Kunstschau Manifesta, namhafte Künstler aus verschiedenen europäischen Ländern beteiligen sich, viele Werke sind eigens für diese Ausstellung geschaffen worden. Seit Monaten wird in der Kunstwelt darüber gestritten, ob ein Boykott nicht angemessener wäre angesichts der innen- und außenpolitischen Haltung Moskaus. Die Kritiker der Schau verweisen auf das Gesetz, das sich gegen Homosexuelle richtet, auch auf die Situation in der Ukraine.

Einige Teilnehmer zogen sich tatsächlich zurück. Es wird zwar künstlerische Arbeiten geben, die mehr oder weniger deutlich die politische Lage thematisieren, den Maidan, die Homophobie. Aber das dürfte alle jene nicht besänftigen, die nach wie vor gegen das Spektakel sind.

Die Manifesta findet nicht zum ersten Mal statt, aber zum ersten Mal in Russland. Alle zwei Jahre wird sie an einem anderen Ort in Europa veranstaltet. Zuständig für die Auswahl der Künstler ist in diesem Jahr Kasper König, ein bekannter deutscher Kurator. Die meisten Bilder und Objekte - darunter auch solche von den Deutschen Katharina Fritsch, Gerhard Richter und Wolfgang Tillmans - werden in den Räumen der Eremitage zu sehen sein. Das Museum, 250 Jahre alt und eine der berühmtesten Kulturinstitutionen der Welt, wurde gerade großzügig erweitert.

Zur Person
  • DPA
    Joanna Warsza, Jahrgang 1976, ist eine polnische Kuratorin für darstellende und bildende Kunst. Sie war Co-Kuratorin bei der 7. Berlin Biennale und sie kuratierte den georgischen Pavillon bei der 55. Biennale in Venedig. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Warschau.
Die polnische Kuratorin Joanna Warsza wiederum ist für die Kunst zuständig, die außerhalb der Eremitage im Rahmen des sogenannten "Public Program" zu sehen ist. König hatte sie gebeten, ihn zu unterstützen. Vor zwei Jahren wirkte sie an der Berlin Biennale mit, einer Ausstellung, die wegen ihres Bekenntnisses zur Agitationskunst stark polarisierte. Ihre Kollegen von damals wollten sie davon überzeugen, aus dem Petersburger Projekt auszusteigen. Sie blieb, und ließ sich kurz vor der Eröffnung von SPIEGEL ONLINE zur Situation vor Ort befragen.

SPIEGEL ONLINE: Sind jetzt, so kurz vor dem Start dieser besonderen Biennale, alle Beteiligten besonders nervös?

Warsza: Es gibt 400 Biennalen auf der Welt, und Sie werden es bei keiner erleben, dass kurz vorher jemand einen entspannten Eindruck macht. Denken Sie insbesondere an die Biennale von Istanbul, die anlief, als gleichzeitig und ausgehend von den Protesten im Gezi-Park überall im Land gegen den Staat aufbegehrt wurde. Wie hätte da jemand nicht nervös sein können? Auch hier ist jeder unter Druck, und einige sind es eben wegen des politischen Hintergrunds. Sie erhoffen sich eine politische Debatte, ich natürlich auch.

SPIEGEL ONLINE: Oder wollen Sie mehr als das, vielleicht sogar einen Skandal?

Warsza: Nein. Ich strebe es immer an, an Projekten mitzuwirken, die eine echte Aussage riskieren, die den Status quo und damit auch die politischen Strukturen infrage stellen. Wir wollen also politisieren, aber wir sind nicht Pussy Riot.

Manifesta
Die Manifesta findet von Ende Juni 2014 zum zehnten Mal statt - und ist schon im Vorfeld umstritten. Es handelt sich um eine Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst, die alle zwei Jahre in einer anderen Gegend Europas veranstaltet wird, 2012 zum Beispiel in der belgischen Provinz, in diesem Jahr in Sankt Petersburg und dort vorwiegend in den Räumen der Eremitage.
  • Hinter dieser Biennale, die sich seit ihrer Gründung in den neunziger Jahren schnell etablierte, steht die Manifesta Stiftung in Amsterdam. Wegen der Krise in der Ukraine, aber auch wegen neuer russischer Gesetze (etwa das gegen "Homosexuellen-Propaganda") forderten Kulturschaffende aus dem In- und Ausland sogar schon die Absage der gesamten Schau.
  • Die Manifesta 9 - Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst
SPIEGEL ONLINE: Aber wollen die Russen diese Politisierung? Wie würden Sie die Stimmung im Land beschreiben?

Warsza: Das ist es ja, was mich immer wieder umhaut, wenn ich in Russland ankomme: In diesem Land, in dem es einen konservativen Ruck gegeben hat, in dem Unterdrückung herrscht, wird man empfangen von einer Atmosphäre, die tatsächlich eher friedlich und entspannt wirkt. Fast niemand spricht darüber, was hier geschieht. Das Land reagiert mit Passivität. Das ist also die Stimmung, und ich finde sie schrecklich. Aber ich denke eben auch, dass Kunst das richtige Mittel ist, an dieser Haltung etwas zu ändern. Sie regt zum kritischen Denken an, vielleicht auch zum zivilen Ungehorsam, womöglich spitzt sie Konflikte zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie setzen Sie das um in dem Teil, den Sie für die Manifesta verantworten?

Warsza: Die meisten unserer Programmpunkte sind Performances, und da wird das sichtbar werden. Es gab in der Kunstwelt auch die Aufrufe an die Künstler, die Manifesta zu boykottieren und auf diese Weise ein politisches Statement zu setzen. Wir wollten keinen Boykott, aber wir haben es uns zur Bedingung gemacht, auf die politische Situation zu reagieren. Sie werden das sehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zweifeln demnach nicht an der Richtigkeit dieser Schau, an Ihrer eigenen Mitwirkung?

Warsza: Doch. Ich habe und hatte - gerade als jemand, der aus Polen und damit auch aus dem ehemaligen Ostblock stammt - sehr wohl meine Zweifel. Aber ich stelle mich der Situation in Sankt Petersburg, ich will nicht vor ihr flüchten. Wir mussten uns angesichts von Russlands Vorgehen in der Ukraine einfach zwischenzeitlich die Frage stellen, bleiben wir oder gehen wir? Wir haben uns entschieden, weiterzumachen, und das wegen des festen Glaubens daran, dass das einer der seltenen Momente ist, in denen Kunst wirklich gebraucht wird.

SPIEGEL ONLINE: Und das sehen alle Künstler genauso?

Warsza: Jeder hat sicherlich gemischte Gefühle. Alle Künstler unseres Teiles der Manifesta stammen aus Städten, die man von dem ältesten Bahnhof in Sankt Petersburg aus erreichen kann, Städte wie Tallinn, Vilnius, Warschau, Chisinau oder auch Kiew. Wir sind alle irgendwie weit weg und doch dicht dran. Wir können Russland nicht romantisieren, wir kennen es zu gut, auch wegen unserer gemeinsamen Ostblock-Vergangenheit. Niemand von uns hätte Zensur hingenommen, auch keine vorauseilende Selbstzensur, keine Form der Einschüchterung oder andere Einschränkung. Eine der Künstlerinnen hat russische und estnische Wurzeln, sie sagt, Russland wird immer da sein, es ist in unserem Interesse, den Dialog mit diesem Land zu suchen. Es ist besser, das zu tun, als gar nichts zu machen.

Das Interview führte Ulrike Knöfel

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