Manipulations-Verdacht Grand-Prix-Kandidatin Gracia aus Charts verbannt

Der Produzent der deutschen Popsängerin Gracia, David Brandes, wird verdächtigt, durch CD-Käufe die Charts manipuliert zu haben. Der Bundesverband Phono hat daher sechs Titel aus der Hitparade verbannt. Der Auftritt Gracias beim Eurovision Song Contest in Kiew ist laut NDR jedoch nicht gefährdet.


Sängerin Gracia beim deutschen Vorentscheid: Hat ihr Produzent die Charts gezielt beeinflusst?
DDP

Sängerin Gracia beim deutschen Vorentscheid: Hat ihr Produzent die Charts gezielt beeinflusst?

Berlin - Schon Ende März war David Brandes ins Visier des Marktforschungsunternehmens Media Control GmbH geraten. Das Unternehmen, das im Auftrag des Bundesverbandes Phono wöchentlich die Platzierung der 100 bestverkauften Singles und Alben ermittelt, hatte Manipulationsversuche bei von Brandes betreuten Songproduktionen festgestellt.

In den vergangenen Tagen, so der Sprecher des Bundesverbandes, Hartmut Spiesecke, habe sich durch weitere Ermittlungen der Media Control und "konkrete Hinweise von Privatpersonen" der Verdacht erhärtet, Brandes habe durch massenhafte CD-Ankäufe die deutschen Charts beeinflussen wollen.

Deshalb hat sich der Bundesverband Phono jetzt dazu entschlossen, die Songs "Run & Hide" (Gracia), "I Know" und "Blue Tattoo" (Vanilla Ninja) und "Heaven Is A Place On Earth" (Virus Incorporation) aus der deutschen Hitparade zu verbannen. Außerdem tauchen die Alben "Traces Of Sadness" und "Blue Tattoo" (Vanilla Ninja) nicht mehr in den Charts auf. Noch in diesem Monat soll entschieden werden, ob die Titel sich künftig wieder platzieren dürfen oder nicht. Ein Prüfungsausschuss des Bundesverbandes Phono wird den Manipulationsverdacht zuvor eingehend prüfen.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte Spiesecke: "Diese Sanktion ist schon ein ziemlich starkes Instrument, weil der Platz in der Hitparade ja nicht nur ein Indikator für Erfolg ist, sondern auch ein Marketingtool. Wenn ein Titel aus der Hitparade ausgeschlossen wird, bedeutet das einen Verlust an Aufmerksamkeit. Das Produkt hat es schwerer."

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet, dass in der 28-jährigen Geschichte der Chart-Ermittlung noch nie Songs aus der Hitparade ausgeschlossen worden seien. Hartmut Spiesecke meint dazu, dass ein Verdacht auf Chart-Manipulation durchaus "öfter, um nicht zu sagen regelmäßig" im Raum stehe, aber nur bei eindeutigen Hinweisen werde mit einer Verbannung aus den Charts reagiert.

Gracia-Produzent Brandes weist auf genau dieses Phänomen hin, um sich zu verteidigen. Nicht nur der Manager der Beatles, Brian Epstein, habe 10.000 Singles seiner Band kaufen lassen, schreibt Brandes auf der Homepage seiner Firma Bros Music. Es sei in der gesamten Musikbranche üblich, "zu Zwecken der Distributionsüberprüfung auch eigene Produkte zu kaufen". Er wolle aber die Unterstellung, CD-Käufe eigener Produktionen getätigt zu haben, "ohne Ansehen von Personen, Verantwortlichkeiten und Vorbehalt aufklären".

Der Musikproduzent sieht sich als Opfer einer "gezielten Kampagne". Man habe durch den Manipulationsvorwurf "mich persönlich, aber auch die Qualität dieser Künstler [Gracia, Vanilla Ninja, Virus Incorporation, Anm. d. Red] und ihr Können in Frage gestellt."

Spiesecke widerspricht dieser Darstellung: "Mir ist ganz wichtig, dass der Ausschluss aus der Hitparade sich weder gegen Gracia und die anderen Künstler noch die Vertriebsfirmen wendet. Es ist eine Sanktion gegen den Produzenten."

Die Frage, ob Brandes die Charts mutwillig beeinflusst hat, ist auch deshalb so brisant, weil die Hitparaden-Platzierung von Gracias Single "Run & Hide" erst den Ausschlag für ihre Teilnahme am deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gab. Die ehemalige "DSDS"-Kandidatin war erst durch eine sogenannten Wild Card zu dem Songwettbewerb zugelassen worden.

Am Stichtag (8. Februar 2005) musste Gracia einen Platz unter den ersten 40 der offiziellen deutschen Single-Charts vorweisen können. Wie das Sat.1-Magazin "Akte 05" berichtete, gelang ihr das mit Platz 20, obwohl ihre Single erst am 31. Januar dieses Jahres auf den Markt gekommen war. Schon am 19. Februar war Gracias Single dann auf Platz 28, am 26. Februar auf Platz 38 abgerutscht. Kurz vor der deutschen Entscheidung am 12. März war ihre Platte gar nicht mehr unter den 40 bestverkauften Singles und Alben vertreten. Für einen Zusammenhang der Manipulationsvorwürfe mit der Eurovisions-Entscheidung könnte auch sprechen, dass das ebenfalls von Brandes betreute Frauen-Quintett Vanilla Ninja kurz zuvor als Gewinner aus dem Schweizer Vorentscheid ermittelt wurde.

Der für den Eurovision Contest zuständige NDR lehnte eine Revision der Entscheidung ab. "Gracia bleibt die Vertreterin Deutschlands beim Eurovision Song Contest am 21. Mai in Kiew", erklärte NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer. Zur Begründung fügte er hinzu, dass es nicht erkennbar sei, dass die Zuschauerentscheidung bei einer regulären Anmeldung ohne Chartsplatzierung anders ausgefallen wäre. Die Korrektheit der Zuschauerentscheidung sei zudem durch eine nachträgliche Überprüfung der Firma digame bestätigt worden, die die Abstimmung per Telefon und SMS organisiert hatte.

Auch die Münchner Sängerin will an ihrem Auftritt beim Grand-Prix-Finale am 21. Mai in Kiew festhalten. "Im Endeffekt hat mich Deutschland gewählt und nicht eine Chart-Position. Wir können auf unsere Leistung stolz sein. Das wird uns keiner streitig machen", sagte sie der Nachrichtengentur ddp und fügte hinzu: "Ich sehe, dass zu jeder meiner Shows wahnsinnig viele Fans kommen. Das ist Beweis für mich genug, dass viele meine Platten kaufen."

Mirjam Gollmitzer



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