Marcel Reich-Ranicki Letztes Solo des ersten Geigers

Marcel Reich-Ranicki nimmt vorerst Abschied vom Fernsehen. Der 82-Jährige hat sich entschlossen, seine im Februar begonnene ZDF-Sendung "Solo" nicht fortzuführen. Am Dienstag wird die letzte Folge ausgestrahlt, ein neues TV-Magazin mit dem Literaturkritiker ist jedoch bereits in Planung.


Kritiker Reich-Ranicki: Polemische Anmerkungen im Finale
DDP

Kritiker Reich-Ranicki: Polemische Anmerkungen im Finale

Mainz/Frankfurt - Die neunte Ausgabe der Sendung werde seine letzte sein, sagte Reich-Ranicki am Montag in Frankfurt. Er habe mit diversen Buchprojekten und seinen Beiträgen für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu viel zu tun. Ein Ende der Fernsehkarriere des Literaturkritikers sei jedoch nach fast 14 Jahren "Literarisches Quartett" und einem Jahr "Solo" noch nicht in Sicht: Das ZDF feil derzeit an einem Konzept für eine neue Literatur-Sendereihe mit dem 82-Jährigen. Sie startet möglicherweise schon im April 2003.

Anders als das monatliche "Solo", in dem Reich-Ranicki vor der Kamera frei über die Welt der Bücher und der Kultur plaudert, giftet und doziert, soll die neue Sendung wahrscheinlich nur noch alle zwei Monate laufen. "Alle vier Wochen fünf aktuelle Themen haben, über die zu reden lohnt, ist gar nicht leicht in einer Epoche, wo das literarische Leben nicht so fabelhaft ist", begründete Reich-Ranicki seine Entscheidung für das Ende seines "Solos". Seit Start der Sendung Anfang Februar sahen im Schnitt rund 700.000 Zuschauer die acht Ausgaben, immerhin ein Marktanteil von knapp über vier Prozent.

Die "Solo"-Sendung war von Anfang an auf ein Jahr angelegt. Danach wollten beide Seiten prüfen, ob sie fortgesetzt werden solle. Die Einschaltquoten waren nach Angaben eines ZDF-Sprechers nicht Ausschlag gebend für das Aus. Die seien für ein Minderheitenprogramm am späten Dienstagabend wie eine Literatursendung durchaus respektabel gewesen.

In seiner letzten "Solo"-Sendung, die am Dienstagabend ausgestrahlt wird, beschäftigt sich der Literaturexperte nach ZDF-Angaben unter anderem mit dem Dichter, Satiriker und Zeichner Robert Gernhardt, der am 13. Dezember seinen 65. Geburtstag feiert. Außerdem will Reich-Ranicki noch einmal mit sich und seinen Kollegen hart ins Gericht gehen, wenn er über das Wesen und Unwesen der literarischen Kritik spricht.

Wie die neue Sendung genau aussehen soll, stehe noch nicht fest. "Auf keinen Fall wird es etwas sein, was auch nur im Entferntesten an das 'Quartett' erinnert", sagte der Kritiker. "Ich habe aber keine Zeit, ein Konzept zu entwerfen. Ich warte ab, bis mir das ZDF einen konkreten Vorschlag macht." Dann wolle er entscheiden, ob er wieder vor die Kamera gehe.

ZDF-Intendant Markus Schächter sparte zum vorläufigen Abschied Reich-Ranickis nicht mit Lob. Sein Haus sei dem Kritiker zu großem Dank verpflichtet. "Der erste Geiger des 'Literarischen Quartetts' hat auch als Solist unsere Zuschauer begeistert und mit seinen brillanten polemischen Anmerkungen manche Schneise in die Unübersichtlichkeit unserer kulturellen Welt geschlagen." Reich-Ranicki habe sich "für immer in die Geschichte des ZDF eingeschrieben".

Bis zum Start der neuen Sendung wird Marcel Reich-Ranicki nicht untätig sein. Der von ihm herausgegebene Literaturkanon sei "eine unendlich große Arbeit", die noch mindestens zwei Jahre benötigen werde, sagte er. Der zweite Teil den Kanons mit den wichtigsten deutschen Dramen ist für nächsten Herbst geplant. Im Frühjahr erscheint außerdem "Meine Gedichte", ein Band mit den Lieblingsgedichten des Kritikers. Ebenfalls im nächsten Herbst folgt darauf das Buch "Meine Geschichten". Außerdem ist der langjährige "FAZ"-Redakteur für die "Frankfurter Anthologie" verantwortlich, eine "FAZ"-Reihe mit Gedicht-Rezensionen, sowie für die Reihe "Meine Bilder", die wöchentlich in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gedruckt wird. Dazu sei im Juni eine Ausstellung im Buddenbrook-Haus in Lübeck geplant.

All seine zahlreichen Aktivitäten unter einen Hut zu bekommen, falle dem 82-Jährigen manchmal schwer. Das allein sei der Grund für seinen Rückzug vom Fernsehschirm: "Ich bin nicht fernsehmüde, ich habe nur sehr viel Arbeit."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.