Marco Reus' Führerschein-Affäre Spiegelbild statt Superheld

Die Phrase vom Sportler als Vorbild ist hohl. Stars wie Marco Reus fällt es immer schwerer, das Leben in der Kunstwelt vom Leben in der Realität zu unterscheiden.

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Die Welt kennt Andrew Garfield als Spider-Man. Doch wenn er morgens aufsteht, ist er Andrew Garfield. Wenn Marco Reus morgens aufsteht, ist er Marco Reus.

Dies wäre eine Binsenweisheit gewesen in einem Großteil der fünf Jahrzehnte seit Einführung der Bundesliga. Auch damals waren erfolgreiche Fußballprofis Berühmtheiten, verdienten im Durchschnitt deutlich mehr als der Rest der Bevölkerung. Heute aber sind sie Weltstars, Superreiche mit einem Jahresgehalt von mehreren Millionen Euro, Markennamen im Milliardengeschäft einer globalen Entertainmentinszenierung - und werden überhöht wie Superhelden.

Wenn Marco Reus aufsteht, hat er deshalb nicht nur mit sich zu tun, sondern auch mit einem Avatar seiner selbst: Der öffentlichen Person Marco Reus, die in Werbekampagnen, in Computerspielen, in den Medien und den sozialen Netzwerken zur Kunstfigur stilisiert wird. Mit dem realen Reus hat sie wahrscheinlich fast so wenig gemein wie der reale Andrew Garfield mit Spider-Man.

Nicht nur der Fußballsport ist in den vergangenen Jahren immer schneller und technisch brillanter geworden, auch die Vermarktung seiner Stars hat sich, bedingt durch die Champions League und die von der Fifa betriebene Durchkommerzialisierung der Fußball-WM, extrem beschleunigt. Ein Bundesligaspitzenspiel wie Dortmund-Bayern wird in über 200 Länder übertragen.

"Grand Theft Auto" statt "Fifa 15"

Trotzdem reagiert man in Deutschland, wann immer einer der Stars dieses Milliardengeschäfts aus der Rolle fällt, als ob wir uns in den Zeiten Turnvater Jahns oder Sepp Herbergers befänden: als sportliche Saubermänner gemäß dem Wahlspruch "Frisch, fromm, fröhlich, frei" Körperertüchtigung betrieben, bis sich endlich das "Wunder von Bern" ereignete.

Egal, ob Kevin Großkreutz in die Hotellobby pinkelt oder Joachim Löw zu schnell fährt - in der Öffentlichkeit ist die Rede vom Vorbild, das seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden sei. Auch wenn, wie nun bekannt geworden ist, Marco Reus über Jahre ohne Führerschein fährt, und dafür eine halbe Million Euro Geldstrafe zu zahlen hat, liegt der Reflex nahe, einen besonders schrillen Fall von Fehlverhalten anzuprangern.

Reus' Spritztouren - und das auch noch in einem teuren Sportwagen, der traditionell mit James-Bond-Filmen assoziierten Marke Aston Martin - wirken wie ein Stunt aus einem Computerspiel. Nur, dass Reus sich mit seinem Avatar diesmal offenbar in die falsche Serie verirrt hat: "Grand Theft Auto" statt "Fifa 15".

Auch seine beiden Rollen kommen nun in Konflikt. Der Superheld Reus wird wie alle Idole für Grenzüberschreitungen bewundert. Ihm dürfte die Affäre kaum schaden, sondern insgeheim sogar nutzen. Für den Privatmann Marco Reus aber gilt die Straßenverkehrsordnung. Er ist es, der nun kritisiert wird. Doch wer allein Reus kritisiert, macht es sich zu einfach.

So lobenswert es theoretisch sein könnte, dass Spitzensportler der Jugend oder gar der ganzen Gesellschaft als Vorbild dienten - bewundert werden sie von der Öffentlichkeit doch nicht für ihren Anstand. Schon 1980 veröffentlichte der Fußballstar Paul Breitner ein erfolgreiches Buch mit dem Titel "Ich will kein Vorbild sein". Von Stefan Effenberg bis Franck Ribéry oder Zlatan Ibrahimovic genossen vor allem jene Fußballer besondere Aufmerksamkeit, die sich als schillernde Figuren, als Bad Boy inszenierten.

Ein 25-Jähriger wie Marco Reus, der nach Hauptschule Fußballprofi wurde, ist damit aufgewachsen, dass das Mantra vom "Sportler als Vorbild" zur Phrase verkommen ist. Er hat ohne größere theoretische oder gar moralische Vorbereitung Karriere gemacht in einer Welt, in der sich die Erzählung von Erfolg grundlegend verändert hat: Zu Reichtum kommt im beschleunigten Kapitalismus nicht, wer sich an die Regeln hält, sondern der, der sie auf besonders clevere Weise zu seinen Gunsten auslegt oder sogar bricht.

Es ist dieses gesellschaftliche Vorbild, das den Einzelnen prägt und nicht umgekehrt. Die Kunstfigur Marco Reus mag wie ein Held inszeniert werden. Der Privatmann Marco Reus ist es deshalb noch lange nicht. Er wäre mit dieser Rolle völlig überfordert. Sein Verhalten ist kein Vorbild für die Gesellschaft - sondern ihr Spiegelbild.



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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
bpauli 19.12.2014
1. Vertrauen verspielt
Wie kann man als Sportzuschauer darauf vertrauen, dass jemand, der beim Führerschein betrügt, dasselbe nicht auch beim Sport macht: Und z.B. dopt oder sich für das Verschieben von Spielen bezahlen lässt.
h.pylori 19.12.2014
2. Kein Unterschied
Verstehe nicht so ganz was uns der Autor sagen möchte. Als ich die Geschichte in dem Medien las war mein erster Gedanke: "Wie kann man nur so blöd sein!" Wenn jemand in meinem privaten, weniger prominente Umfeld ohne Führeschein gefahren und erwischt worden wäre, hätte ich gedacht: "Wie kann man nur so blöd sein!" Avatar hin oder her...
Mindrock 19.12.2014
3. Hohle Nuss
Der Typ ist eine hohle Nuss mit wahrscheinlich nachgeschmissenem Hauptschulabschluß, der mit einem einzigartigen Talent gesegnet ist. Dass der mit dem ganzen Rummel und dem realen Leben nicht klar kommt, ist sicher keine Überrachung. Zu kritisieren wäre sein Umfeld (Eltern, Freunde, Verein, Berater, Anwalt), die so einer hilflosen Person anscheinend keinerlei Lebenshilfe angedeihen lassen, sondern sich damit begnügen sich in seinem sportlichen Licht zu sonnen.
olsen59 19.12.2014
4. Kluger Kommentar
In der Tat - es ist das System, das die Menschen überfordert. Bei diesen irrwitzigen Summen für jemanden, der gut mit einem Ball umgehen kann, wird es schwer fallen, nicht abzuheben. Es ist dem Kapitalismus eigen, Geld als alleinigen Wertemaßstab gelten zu lassen - und das wird nicht mehr lange gut gehen. Da befindet sich die Geldmaschine Fußball in "bester" Gesellschaft.
altefrau99 19.12.2014
5. Geistig moralische Haltung
Zitat von h.pyloriVerstehe nicht so ganz was uns der Autor sagen möchte. Als ich die Geschichte in dem Medien las war mein erster Gedanke: "Wie kann man nur so blöd sein!" Wenn jemand in meinem privaten, weniger prominente Umfeld ohne Führeschein gefahren und erwischt worden wäre, hätte ich gedacht: "Wie kann man nur so blöd sein!" Avatar hin oder her...
Das zeigt, wes Geistes Kind die meisten sind. Hoffentlich sagten sie dasselbe auch bei Höhnes und allen anderen, die sich erwischen lassen.
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