Dutschke-Sohn: Springer war Meinungsmacher, kein Opfer

Marek Dutschke hat seinen Vater Rudi nie kennengelernt. In einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE erhebt der Autor Vorwürfe gegen den Springer-Verlag. Die Parolen der "Bild"-Zeitung hätten die Schüsse auf seinen Vater provoziert, der Medienkonzern habe die Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet.

Der ewige Kampf: Springer und die Linke Fotos
DPA

In Wolf Biermanns Gedicht "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" schrieb der Liedermacher nach dem Attentat auf meinen Vater vom 11. April 1968: "Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald. Ihr habt dem Mann die Groschen auch noch dafür bezahlt". Mit dem Mann meinte Biermann keinen Geringeren als Axel Springer selbst, der am 2. Mai 2012 100 Jahre alt geworden wäre. Mein Vater starb 1979 in Dänemark an den Spätfolgen des Attentats.

Um heute mit den Worten Biermanns etwas anfangen zu können, müssen wir uns die Stimmung in West-Berlin am Ende der sechziger Jahre vergegenwärtigen.

Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg durch Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 wurde die Stimmung in West-Berlin immer aggressiver. Die aufgeladene Atmosphäre entlud sich fulminant bei einer Kundgebung des Berliner Senats am Rathaus Schöneberg im Februar 1968. Dort versammelten sich um die 80.000 Menschen, um gegen die Studentenbewegung zu protestieren.

Scheinbar normale West-Berliner Bürger streckten zu Hunderten Transparente mit Parolen wie "Dutschke, Ihr Hunde, bald ist es Schluß mit Euch - Ihr werdet umgelegt!", "Dutschke, raus aus West-Berlin!", "Dutschke, Volksfeind Nummer Eins" oder "Politische Feinde ins KZ!" in die Luft. Anwesende Vertreter der Gewerkschaften, der SPD und des Senats haben in Redebeiträgen gegen die Studenten und die vermeintliche Gefahr für West-Berlin Stellung bezogen. Anwesend war auch ein junger Mann, der meinem Vater wohl sehr ähnlich sah. Demonstranten haben sogleich angefangen, brutal auf ihn einzuprügeln, und er konnte sich nur mit viel Glück in Sicherheit retten - ironischerweise in die Arme der Berliner Schutzpolizei.

Muff und kleinbürgerliche Moral

Heute wäre solch eine hysterische Veranstaltung unvorstellbar. Das Deutschland von damals ist für mich ein anderes, ein düsteres Land. Der Staat wurde immer noch an entscheidenden Stellen von ehemaligen Nazis geführt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit wurde unter den Tisch gekehrt. Das Bestreben der Bürger galt dem eigenen Wohlstand. Auch die kleinbürgerlichen Moralvorstellungen mit dem Kuppeleiparagrafen, der Verfolgung von Homosexuellen oder dem Verbot von Kondomen für Unverheiratete passen wunderbar ins Bild der verstockten, traumatisierten, uneinsichtigen Republik. Der Slogan "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren", mit dem die Studenten gegen die Professorenschaft protestierte, beschreibt diese Zeit ganz treffend.

Der Springer-Verlag, mit seinem Flagschiff "Bild"-Zeitung, war das Sprachrohr für diese muffige Gesellschaft. Das Verlagshaus verfügte in den sechziger Jahren über eine weitreichende Zeitungsmacht - und eine überwältigende in West-Berlin. Die Leute ließen sich gern von Springer belehren und berieseln. Sein Einfluss auf die Stimmung in West-Berlin war maßgeblich. Am 7. Februar 1968, zwei Wochen vor der besagten Kundgebung am Schöneberger Rathaus, hatte die "Bild"-Zeitung die Devise für die Berliner bereits vorgegeben.

Unter der Überschrift "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!" schrieb ein Redakteur: "Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen... Unsere Jung-Roten sind inzwischen so rot, dass sie nur noch rot sehen, und das ist gemeingefährlich und in einem geteilten Land lebensgefährlich. Stoppt ihren Terror jetzt!" Ein dunkel gerahmtes Foto meines Vaters wurde zusammen mit dem Artikel abgedruckt.

Die Springer-Parolen zeigten Wirkung

Aus heutiger Sicht betrachtet wirken die alten hinterlistigen Karikaturen über die Studentenbewegung grotesk. Die Studenten wurden wahlweise als fünfte Kolonne Moskaus oder SA-Truppe verunglimpft. Diese Vorwürfe sind aberwitzig. Mein Vater ist ja aus der DDR geflüchtet, weil er mit den diktatorischen Verhältnissen dort nicht einverstanden war. Aber an einer differenzierten Auseinandersetzung gab es kein Interesse. Die Springer-Parolen waren einfach und drastisch und zeigten ihre Wirkung. Und was für eine.

Es ist für mich unerheblich, ob Josef Bachmann selbst die "Bild"-Zeitung gelesen oder die Parolen irgendwo aufgeschnappt hat, als er beschloss, meinen Vater zu erschießen. Die Parolen der Springer-Presse waren längst in die Mitte der Gesellschaft gedrungen.

Hat Axel Springer in der Studentenbewegung wirklich eine Bedrohung für Westdeutschland gesehen? Woher rührte das krasse Feindbild und die Hetzjagd durch seine Scharfmacher in der Redaktion? Fand er es unverschämt, dass vermeintlich privilegierte Studenten einen Machtanspruch formuliert hatten? Hatte der große Medienmogul Axel Cäsar Springer einen Minderwertigkeitskomplex, weil er selbst nicht studiert hatte? War er neidisch auf Jugend und Tatendrang der Studenten? Oder kalkulierte er trocken, je drastischer die Schlagzeile, desto größer die Auflage? Wie dem auch sei, er ist mitverantwortlich für das Attentat auf meinen Vater und für die weitere Eskalation der Gewalt.

Als ich im Jahr 2000 längere Zeit in Berlin lebte, wohnte ich bei Freunden zufällig genau in der Straße, in der Friede Springers Villa steht. Ich war Anfang Zwanzig und naiv. Ich schrieb einen formlosen Brief an sie und fragte, wieso ihr späterer Mann damals eine solch verantwortungslose und gefährliche Berichterstattung zugelassen hat. Warum musste alles so kommen, wie es gekommen ist?

Ich ging zu ihrem Haus und steckte den Brief einfach in den Kasten. Die Antwort folgte prompt. "Erstaunt, aber auch erfreut", sandte Friede Springer mir ("dem lieben Herrn Dutschke") "freundliche Grüße von Tür zu Tür". Es sei eine "aufregende Zeit" gewesen damals. Ihr verstorbener Mann sei von allen Seiten angefeindet worden. Die "Ursachen der ganzen Entwicklung" könne man "im Archiv nachlesen". Der Brief war freundlich und milde. Im wichtigsten Punkt blieb Friede Springer der alten Linie treu: "Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein". Begründet hat sie das nicht. Es ist ein starkes Stück, Springer als Opfer darzustellen. Er, der reiche Meinungsmacher, ein Opfer der Studenten? An dieser Argumentation hat sich, soweit mir bekannt ist, bis heute nichts geändert. Es hat beim Springer-Verlag keine Aufarbeitung der Geschichte gegeben.

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1. ...
deus-Lo-vult 30.04.2012
Zitat von sysopDPAMarek Dutschke hat seinen Vater Rudi nie kennengelernt. In einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE erhebt der Autor Vorwürfe gegen den Springer-Verlag. Die Parolen der "Bild"-Zeitung hätten die Schüsse auf seinen Vater provoziert, der Medienkonzern habe die Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829694,00.html
Und? Dutschkes Parolen haben die Berichterstattung der BILD provoziert. Insofern ist Dutschke selbst schuld. Die Berichterstattung war Reaktion auf seine Aktionen.
2. War das nicht die Stasi?
qranqe 30.04.2012
Hat der Polizist nicht auf Geheiß der Stasi geschossen, um die ganze Situation eskalieren zu lassen? Oder bin ich da auf Propaganda hereingefallen?
3. ...
deus-Lo-vult 30.04.2012
Zitat von qranqeHat der Polizist nicht auf Geheiß der Stasi geschossen, um die ganze Situation eskalieren zu lassen? Oder bin ich da auf Propaganda hereingefallen?
Nein, nur falsch informiert. Das war Benno Ohnesorg. Dutschke wurde von einem Neonazi angeschossen.
4. BILD-Gift
wiseguyno1 30.04.2012
Zitat von qranqeHat der Polizist nicht auf Geheiß der Stasi geschossen, um die ganze Situation eskalieren zu lassen? Oder bin ich da auf Propaganda hereingefallen?
Sie verwechseln das mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der von dem Polizisten Kurras erschossen wurde. Das Attentat auf Dutschke wurde von einem, dem rechten Spektrum zugehörigen, Auszubildenden verübt.
5. nee
dadanchali, 30.04.2012
Zitat von deus-Lo-vultUnd? Dutschkes Parolen haben die Berichterstattung der BILD provoziert. Insofern ist Dutschke selbst schuld. Die Berichterstattung war Reaktion auf seine Aktionen.
Genau, und die Trägerin eines Minirocks ist Schuld an Ihrer Vergewaltigung! So viel zu logischem Denken. Dutschke war mit Sicherheit ein provozierender Mensch, aber einer der was bewegen wollte, und dies auch tat. Seine Ansichten sicher auch militant, aber einen Menschen wegen dessen Ansichten töten zu wollen, oder dies zu rechtfertigen ist abstrus. Springer hat in der Zeit gehetzt wie es schlimmer nicht geht. Der Mob, immer noch die BILD-Klientel, wurde heiß gemacht. Rausreden wird sich der Konzern damit, dass die bei dem Attentäter gefundene Zeitung die - Deutsche National-Zeitung - (lt. Wiki, habe irgendwas mit Soldatenzeitung im Kopf, vielleicht weiß jemand genaueres) war. BILD ist mit Sicherheit mitverantwortlich. P.S.: Wer wie ich am 23.06. kein Freiexemplar dieser Postille im Brifkasten haben möchte kann das mit einer mail unter www.campact.de/bild wie bislang knapp 200000 andere Menschen unterbinden.
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Zum Autor
  • DPA
    Marek Dutschke wurde 1980 in Dänemark als jüngster Sohn von Rudi und Gretchen Dutschke geboren - wenige Monate nach dem Tod seines Vaters. Er ist Autor und lebt in Berlin.