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29. Dezember 2012, 18:42 Uhr

Künstler-Kaff Marfa in Texas

Hipster-Hölle in der Halbwüste

Aus Marfa, Texas berichtet

Mein Gott, ist das öde hier - wie cool! Marfa in Texas war kaum mehr als ein Wasserloch am Wüstenrand, bis sich ein US-Kunststar in das Kaff flüchtete und eine Künstlerkolonie begründete. Nun fallen dort die Coolen und Eitlen ein, die Oase der Ruhe verkommt zur Hochburg für Hipster.

Donald Judd war sozusagen der Ur-Hipster von Marfa. Der legendäre Allround-Künstler kam, sah und kaufte. Die Bank. Häuser, Hallen, ein Hotel, eine Ranch, einen Flugzeughangar. Schließlich die verlassene Kaserne - Dutzende Baracken auf anderthalb Quadratkilometern Halbwüste, seither ein Mausoleum seines Lebenswerks.

Marfa, Texas: Das Courthouse, ein Zuckerbäckerpalast von 1886, ragt in den Himmel wie eine vergessene Filmkulisse. Wildwest-Fassaden verstecken sich zwischen Wasserturm und Eisenbahn. Jenseits: ödes, dürres, heißes Land. Die nächste Stadt, El Paso, liegt drei Stunden Autofahrt entfernt, die mexikanische Grenze hundert Kilometer südlich.

"Judd war verrückt", sagt Ann Marie Nafziger über den exzentrischen, 1994 verstorbenen US-Minimalisten, der als Maler, Bildhauer und Architekt arbeitete. "Aber er ist auch der Grund, weshalb wir hier sind. Und natürlich dieser Ort. Das einzigartige Lebensumfeld." Sie blickt sich um, atmet tief durch. "Die Zeit dehnt sich hier."

Am Ende der USA

Nafziger, selbst Malerin, sitzt vor besagter Ex-Kaserne, die heute eine Kunststiftung und ein Museum beherbergt. Sie ist eine von vielen, die Judds Nachlass hüten und Marfa in eine spleenige Künstlerkolonie verwandelt haben. "Was mich fast schockierte", erinnert sie sich an ihre Ankunft, "waren die vielen Sterne." Hier stört kaum Kunstlicht den Blick auf den Nachthimmel. Marfa, nach letzter Zählung 1981 Einwohner, liegt inmitten einer der größten, menschenleersten Einöden der Vereinigten Staaten. Hier sind die USA zu Ende.

Für Nafziger und andere aber, die sich in diese Weltferne geflüchtet haben, verwirklicht sich in Marfa ein Traum - der Traum von Freiheit, Selbstverwirklichung, kreativer Schaffenskraft. "Hier", sagt Nafziger, "konnte ich endlich mal denken."

Ein Traum, den viele träumen. Zu viele. So überlaufen ist Marfa heute von einer selbsternannten Avantgarde, dass es zum Klischee seiner selbst geworden ist, zu einer Hipster-Hochburg - so wie Brooklyn/Williamsburg in New York, bloß am Rande der Wüste.

Das zeigt sich schon am Bahnübergang, wo alle paar Stunden die Güterwaggons der Union Pacific Railroad vorbeirumpeln. Unter einem Stahlbaldachin treffen sich dort täglich Maler, Designer, Fashionistas, Autoren, Studenten und die Indie-Rock-Typen mit ihren Röhrenjeans und den ironischen Schnurrbärten. Auch im "Food Shark" hockt die Hipsteria, dort futtert sie sich voll. Der Imbiss-Truck gehört dem Schickie-Gastronom Adam Bork, der nebenher Kunstinstallationen bastelt. Spezialität seines "Food Trucks": Marfalafel - eine Tortilla mit Hummus, Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebeln, Oliven, Feta-Käse und Harissa-Paste. Die Karte gibt's auch online, unter den 1838 Facebook-Fans findet sich ein gewisser Bob Dylan.

Von der Wasserstelle zur Kunst-Oase

Wilder Westen? Von wegen. Marfa hat Museen, Galerien, eine Theatergruppe, ein Kulturzentrum, Gourmettempel, Retro-Motels, einen alternativen Buchladen und einen linken Radiosender, der Beethoven spielt. Und seit hier zwei weitere, sehr erfolgreiche Filme gedreht wurden ("No Country for Old Men", "There Will Be Blood"), explodieren die Immobilienpreise. "Texas-Boheme", lästerte "Vanity Fair".

Dabei war Marfa eigentlich ein unwahrscheinlicher Kandidat für so eine Hipster-Oase. Gegründet 1883, war es lange kaum mehr als eine Wasserstelle. Im Zweiten Weltkrieg waren in der Kaserne deutsche Kriegsgefangene interniert. Später kam Hollywood: George Stevens drehte hier 1955 das Epos "Giganten" mit Liz Taylor und James Dean in seiner letzten Rolle, woran heute ein Schrein im Edel-Hotel Paisano erinnert. Danach versank Marfa wieder in Vergessenheit.

Donald Judd entdeckte den entlegenen Flecken 1971, als er hier ein Häuschen mietete, um Sohos Kunstklüngel zu entfliehen. Ein Jahr später zog der Bildhauer ganz her, um an seinen abstrakten Riesenskulpturen zu werkeln.

Über die Jahre kaufte Judd zahlreiche weitere Gebäude in Marfa, allen voran die seit 1946 verlassene Kavalleriekaserne. Er baute sie zu seinem Privatmuseum um, Geld dafür bekam er von der Dia Art Foundation der texanischen Ölerbin Philippa de Menil und ihres deutschen Ehemanns, des Kunsthändlers Heiner Friedrich.

Heute verwalten zwei Stiftungen Judds Erbe in Marfa: Die Chinati Foundation, ansässig in der einstigen Kaserne im Süden des Orts, kümmert sich um seine künstlerische Hinterlassenschaft, die Judd Foundation in einer aufgemöbelten Lagerhalle im Zentrum um die persönliche.

"Lourdes des Minimalismus"

Der Anfang war schwer: Judd starb berühmt, aber pleite. "Wir begannen mit weniger als 400 Dollar", sagt Nafziger, die offiziell als Öffentlichkeitschefin von Chinati amtiert, sich aber meist um den Gemeinschaftsgarten kümmert, in dem Biogurken der Wüstensonne trotzen.

Nafzigers Geschichte ist eine typische Marfa-Biografie. Die Malerin, die abstrakte Öl-Collagen erschafft, lebte zuvor im regnerischen Oregon. In Marfa landete sie erstmals auf einem Roadtrip, lernte dann hier 2002 ihren künftigen Mann Peter Stanley kennen, einen Architekten - und blieb. Seit 2008 arbeitet sie bei der Chinati-Foundation.

Als künstlerisches Zentrum Marfas bestreitet die Stiftung ihren heutigen Zwei-Millionen-Dollar-Jahresetat durch Spenden, Zuschüsse und Mitgliederbeiträge. Davon unterhält sie ihr Museum mit den Monumentalwerken Judds und den Arbeiten etlicher namhafter Zeitgenossen, darunter Dan Flavin und John Chamberlain - viele davon sind unter freiem Himmel zu bewundern.

Dabei ist Chinati eher ein Anti-Museum. So wollte es Judd: Man kann hier nicht mal kurz vorbeischauen, sondern muss stundenlang fahren und dann eine Führung mitmachen, für die man sich zuvor angemeldet haben muss. Kulturkritiker Michael Kimmelman bezeichnete Marfa in der "New York Times" einst als das "Lourdes des Minimalismus".

"Menschenmassen wie im Metropolitan Museum sehen wir selten", sagt John White, ein 20-jähriger Kunststudent aus Rhode Island, der Cinati für sein Praktikum gewählt hat. "Wir haben allerhöchstens 20 Besucher am Tag."

Ein Leben im Museum

Das ist Marfas neuer Künstlergeneration nur recht, die sich sowohl von den Auswärtigen als auch von den Alteingesessenen absetzt. Das erlebt auch die Bildhauerin Ester Partegàs so. Die gebürtige Spanierin ist über Berlin, New York und Virginia nach Marfa gekommen, wo sie ein zweimonatiges Residenz-Stipendium der Chinati-Stiftung wahrnimmt - eine Tradition, die Judd einst begonnen hat.

"Es gibt eine riesige Kluft hier", sagt Partegàs. "Die Einheimischen, meist Latinos, und wir, diese synthetische Künstlerschicht, interagieren kaum miteinander. Wir haben unseren schicken Kaffee und unsere Lesungen und unsere Konzerte. Fühlt sich schon komisch an."

Die Latinos dagegen haben sehr wenig. Marfa liegt in Presidio, einem der ärmsten Bezirke der USA, die örtliche Schule hat kein Geld, normale Lebensmittel sind teuer, da sie von weit herangeschafft werden müssen. All das lässt die importierte Coolness nur umso seltsamer erscheinen.

Auch Partegàs nimmt an der "elitären" Szene selten teil: "Wer nur kurz hier ist, kommt schwer rein." Chinati stellt ihr ein Atelier zur Verfügung, in der ehemaligen Kühlhalle einer Metzgerei. "Ich bin alleine mit der Landschaft und der Kunst", sagt sie. "Ich wache auf und gucke auf Donald Judd. Ich gehe joggen und sehe Claes Oldenburg. Als ob man im Museum lebt."

Das war sogar Donald Judds Intention. Alles andere aber erinnert längst an den Rummel, vor dem er einst nach Marfa floh.

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