Verkleidet auf der Buchmesse Auch nackte Hasen sind politisch

Wo beginnt Politik, wo hört der Spaß auf? Muss die heilige Ernsthaftigkeit einer Buchmesse vor verkleideten Teenagern geschützt werden? Nein, muss sie nicht.

Cosplayer auf der Leipziger Buchmesse
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Cosplayer auf der Leipziger Buchmesse

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Darf man halbnackt an etwas vorbeilaufen, wo es um Massaker geht? Mit Häschenohren auf? Wenn man, sagen wir mal, 15 ist? Und wenn man, sagen wir mal, 45 ist, muss man das aushalten, dass da jemand halbnackt mit Häschenohren vorbeiläuft, während man versucht, über verbrannte Menschen nachzudenken?

Ich finde, ja. Auf der Leipziger Buchmesse in den vergangen Tagen gab es solche Szenen, denn diese Buchmesse war eine, auf der es viel um politische Themen ging. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ließ sehr groß "Für das Wort und die Freiheit #freeTheWords" auf die Treppen schreiben. In vielen Veranstaltungen wurde an inhaftierte Journalisten oder Autorinnen erinnert, die nicht da sein konnten. Gleichzeitig fand wieder die Manga-Comic-Con statt, das ist ein Event, wo sehr viele Jugendliche in Cosplaykostümen rumlaufen (und Cosplaykostüme sind Kostüme, in denen man aussieht wie jemand aus einem Comic, Film, Spiel usw.).

Comicfiguren stören die "neue Ernsthaftigkeit"

SWR-Literaturredakteur Carsten Otte fordert, die Cosplayer sollten "endlich von der Messe verbannt werden", denn "die Diskussionen über die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb" passen nicht mit Comicfiguren zusammen. Otte beschreibt eine Szene auf der Buchmesse, als eine türkische Autorin aus Istanbul interviewt wurde, die derzeit nicht ihr Land verlassen darf, weil ein Prozess gegen sie läuft. Ihr droht eine lebenslängliche Strafe: "Als die Schriftstellerin Asli Erdogan [...] aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde, liefen halbnackte Hasen und düstere Ritter mit Riesenschwertern an dem Veranstaltungsort vorbei."

Ich kann das nicht bestätigen, weil ich nach vorne auf den Bildschirm geguckt habe, auf dem Asli Erdogan versuchte, zu erklären, wie es ihr geht. Beschissen, natürlich. Vorher las einer ihrer Übersetzer einen Auszug aus ihren Texten, und es war schwer erträglich. Es gibt darin Sätze wie diesen: "Ich will nichts zu tun haben mit dem schrecklichen Verbrechen an der Mutter, die wochenlang vor einem Krankenhaus wartet, um nur einen Knochen ihres Kindes zu ergattern." Das hört man sich nicht so nebenbei an.

Es kann sein, dass gleichzeitig als Hasen oder Ritter verkleidete Jugendliche vorbeiliefen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, denn Asli Erdogan war zurecht zum zentralen Veranstaltungsort der Buchmesse zugeschaltet, dem Blauen Sofa, und das ist ziemlich genau in der Mitte der Buchmesse, viele Wege führen dran vorbei.

Get over it, Feuilleton

Ich fand es auch schwierig, das alles im Kopf zusammenzukriegen. Nicht die Cosplayer, sondern die ganze Messe, das Durchschleusen von Büchern im Halbstundentakt, egal ob es darin um Völkermord, Sexkinos, Luther oder einen Ostfriesenkrimi geht. Aber es geht, die Leute hören zu. Nur ab und zu wird ein Literaturredakteur von den nackten Schultern eines Hasenmädchens abgelenkt, aber da ist eigentlich ziemlich klar, wessen Problem das ist. (Die allermeisten Cosplayer tragen übrigens sehr viel Stoff, sie gehen als Pokémon, Zauberer oder Esel, davon viele als Ganzkörperkostüm.)

Dass Schriftstellerinnen eingesperrt werden und lebenslange Haftstrafen fürchten müssen, wird nicht leichter oder besser, wenn man die richtige Atmosphäre schafft, um ihre Stimme zu hören - sondern, wenn sich die Politik in der Türkei ändert.

Es ist auch Politik, dass auf der Buchmesse gleichzeitig Cosplayer rumlaufen, und dass die Jugendlichen da halbnackt rumlaufen oder als fette Orks - oder beides gleichzeitig. Get over it, Feuilleton. Die Cosplayer sind auf der Buchmesse definitiv weniger betrunken als der Literaturbetrieb, die meisten benehmen sich sehr anständig und sind Teil einer Subkultur, in der man auch als Junge Prinzessin sein kann oder als Mädchen Superheld, und davon könnten einige Intellektuelle noch etwas lernen.

Es wäre falsch, die kostümierten Jugendlichen jetzt wegzuschicken, weil "die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb" das angeblich nötig machen. Als habe es nicht in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer auch Literatur über Diktaturen und Völkermord gegeben sowie politische Situationen, die todernst und hoffnungslos waren.

Gerade weil es zurzeit im Politischen an vielen Orten um so grundlegende Dinge wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, die Freiheit der Kunst, Religionsfreiheit und körperliche Selbstbestimmung geht, dürfen wir nicht so tun, als seien diese Fragen getrennt von unserem sonstigen Alltag zu behandeln. Es wird auch die nächsten Jahre noch so bleiben, dass es einerseits um sehr ernste Dinge geht und irgendwo daneben Leute Glitzerperücken tragen und Selfies machen. Sie stehen auch für die Freiheit, über die wir reden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
Dark Agenda 28.03.2017
1. Schön, dass ich Fr. Stokowski mal politisch zustimmen kann
Der Artikel hätte ja so oder so ausgehen können aber wenn freiheitliche Werte gegenüber politisch korrekten Kulturelitisten verteidigt werden bin ich auch dabei.
Newspeak 28.03.2017
2. ...
"SWR-Literaturredakteur Carsten Otte fordert, die Cosplayer sollten "endlich von der Messe verbannt werden", denn "die Diskussionen über die politische Weltlage und die neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb" passen nicht mit Comicfiguren zusammen." Leute, die sich fuer zu wichtig halten. Carsten Otte will also in Ruhe ueber Pressefreiheit etc. diskutieren, waehrend er die Freiheit anderer einschraenkt, oh man.
ute_thalheim 28.03.2017
3. Genau das ist Freiheit und Demokratie!
Man sollte nicht vergessen, dass die ComicCon auf der Buchmesse schon ihrer Geschichte nach eine sehr demokratische Veranstaltung ist. Die wurde nämlich nicht von irgendeinem Sponsor aufgezogen! Um die Jahrtausendwende sprachen sich einfach ein paar (damals, *hust*) junge Leute in Internetforen ab, sich mangels Alternativen einfach auf der Buchmesse zu treffen, wo es Neuvorstellungen von Mangas zu kaufen gab - einem Genre, das damals noch wirklich schwer zu bekommen war und das genau wie seine Fans von Mediengrößen wie dem Spiegel meist regelmäßig auf böse Art abgekanzelt, im besten Falle überlegen belächelt wurde. Und dann, man stelle sich vor, treffen sich einfach Leute, die sich nicht kennen, diskutieren, tauschen sehr friedliche Meinungen aus, werden Freunde oder auch nicht, gründen (analoge und digitale) Netzwerke und verabreden sich fürs nächste Jahr ("Übers Jahr in Leipzig!", quasi), so dass nach und nach eine eigene Verantstaltung daraus erwächst. Und alles das aus Freude an der Literatur! Und dann nutzen diese Leute auch noch ihr freiheitliches Recht, sich selbst auf ungewöhnliche Art künstlerisch auszudrücken und Freude dran zu haben. Und das alles auch noch in Ostdeutschland! Freilich, das ist ein bisschen zuviel der Freiheit, nicht wahr?
Phenar 28.03.2017
4. Handzahmer Kommentar
Ein sehr handzahmer Kommentar, fast der Versuch einer rechtfertigenden Erklärung verbunden mit dem Angebot eines Friedensschlusses mit dem "seriösen" Literaturbetrieb. - In Anbetracht der drastischen, schmähenden Worte des SWR-Literaturkritikers Otte, die vom hohen, elitären Ross herab dem vermeintlich unreifen Publikum entgegengeschleudert wurde, hätte dieser Kommentar auch gerne schärfer formuliert ausfallen dürfen.
kleinbürger 28.03.2017
5. buchmesse
zum aller, aller ersten mal stimme ich ihnen zu. dem betroffenheits-establishment welche so gerne über der masse als moralisch-ideologische instanz thronen und gehuldigt werden möchte, wird durch die verkleideten jungen leute die quer durch eine faschismus-diskussion laufen um sich eine gelbe brause zu kaufen auf den platz verwiesen auf den sie gesellschaftlich gehören - nicht über sondern in die mitten der gesellschaft. das macht den reiz der leipziger buchmesse aus : elite trifft auf pubertäre verwirrung und die elite muss sich zeigen und sich anstrengen um nicht selbst für die verwirrten gehalten zu werden.
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