Frauen in der Politik Wenn alles gegen die Wand gefahren ist

Was haben die SPD und Saudi-Arabien gemeinsam? Frauen kommen erst ans Steuer, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ein Armutszeugnis.

Andrea Nahles (SPD)
Getty Images

Andrea Nahles (SPD)

Eine Kolumne von


Es geht nicht immer vorwärts. Alter schützt vor Torheit nicht, und Zukunft nicht vor Rückschritt. Im neuen Bundestag werden nicht mal ein Drittel der Abgeordneten Frauen sein, so wenige wie seit 19 Jahren nicht: 30,7 Prozent. Das ist offensichtlich sehr schlecht. Man könnte sagen, ja, die Leute haben halt so gewählt: Wer nicht links wählt, wählt mehrheitlich Männer - und wenn sich nicht genug Frauen zur Wahl stellen, selbst schuld. Stimmt natürlich. Die Menschen sind immer schuld, aber das macht es nicht besser.

Der französische Frühsozialist Charles Fourier hat geschrieben: "Der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau, und der Verfall der Gesellschaftsordnung vollzieht sich entsprechend der Abnahme der Freiheit der Frau." Fourier war der Meinung, solange Frauen in der Gesellschaft nicht "an allen Einrichtungen jeweils zur Hälfte beteiligt sein werden", könne von Freiheit und Gleichheit nicht die Rede sein. Er schrieb das vor 200 Jahren. Zwei-hun-dert.

Seitdem ist zwar viel passiert, und wir sehen eine Frau als Kanzlerin, eine Frau als Oppositionsführerin, aber die nackte Freude darüber kommt nicht so richtig auf. Unter welchen Umständen ist Andrea Nahles jetzt SPD-Fraktionschefin geworden? Exakt zu dem Zeitpunkt, als alle verfügbaren und irgendwie relevanten Männer den Wagen einmal vollständig vor die Wand gefahren haben. In der "Süddeutschen Zeitung" schrieb Nico Fried dazu: "Merkel wie Nahles wurden in ihren strukturkonservativen Parteien erst vorgelassen, als auch der letzte Mann an der Wiederaufrichtung des jeweiligen Ladens gescheitert war. Nahles ist somit wie Merkel eine politische Trümmerfrau."

Schleift Martin Schulz endlich in die Zukunft!

Martin Schulz hat sich in Frauenfragen an diversen Ecken blamiert, es ist nicht mehr lustig, es ist nur noch tragisch, und wie er sich nach seiner brutalen Niederlage im Willy-Brandt-Haus von Frauen umringt fotografieren ließ, macht alles nur noch elender. Seht ihn an, den gescheiterten, und schleift ihn in eine Zukunft, in der er Frauen nicht mehr "Trulla" nennt.

Frauen sind so praktisch. Man lässt sie freudig ihre Chancen ergreifen, wenn alles scheißegal geworden ist oder nicht mehr anders geht. Kann sein, dass sie es dann überhaupt nicht besser machen als die Männer vor ihnen, das kann man ihnen dann immer noch vorwerfen.

Das ist in der SPD nicht anders als in Saudi-Arabien, wo Frauen demnächst auch Auto fahren dürfen. Schön für die Frauen. Allerdings kommt die Reform nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, da das Land immer mehr darauf angewiesen ist, dass Frauen selbst fahren können: Wenn das Öl billiger wird, braucht das Land zusätzliche Einkommensquellen durch arbeitende, flexible Frauen, die auch allein zur Arbeit fahren können und nicht ihr ganzes Gehalt für einen Fahrer ausgeben müssen. Es sieht schön fortschrittlich aus, wenn Frauen selbst die Straßen ihres Landes entlangfahren, aber es ist nicht unbedingt einer Idee von gesellschaftlicher Freiheit geschuldet, dass sie es dürfen.

Apropos Straßen. Die Essayistin Rebecca Solnit hat mal geschrieben, es sei ein irreführendes Bild, sich gesellschaftlichen Fortschritt als eine Straße vorzustellen, die die Gesellschaft linear abschreitet, in Tausenden mühsamen Kilometern. Solnit findet ein anderes Bild passender: das der Büchse der Pandora, deren Öffnen sich nicht mehr rückgängig machen lässt. So seien Ideen, die Revolutionen bewirken, nicht mehr aus der Welt zu kriegen, auch wenn die Umstände widrig erscheinen. Ich fand das beim ersten Lesen keine besonders schlaue Metapher, weil in der Büchse der Pandora bekanntlich das Übel der Welt steckte.

Andererseits, ach. Im Moment stelle ich mir meinen Missmut über den Zustand der Gleichberechtigung vor wie diesen widerlichen Fettberg in der Londoner Kanalisation. Da kommt keiner dran vorbei, nein, er ist entstanden aus der Art, wie Menschen leben, und er bleibt oder wird immer wieder neu zu bizarrer Monstrosität anwachsen, bis sich etwas Grundlegendes ändert.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RebeccaVanderbilt 03.10.2017
1. geniale Erkenntnis - Danke!
...Da kommt keiner dran vorbei, nein, er ist entstanden aus der Art, wie Menschen leben, und er bleibt oder wird immer wieder neu zu bizarrer Monstrosität anwachsen, bis sich etwas Grundlegendes ändert. .. Welch wahres Wort, Frau Stokowski! Erst wenn sich die grundlegende Haltung der Frauen ändert, weg von weinerlicher DauerNörgelei, vorzugsweise an die Adresse der bösen, bosen Buben, hin zu verantwortungsvoller Tatkraft, wird sich die Gesellschaft emanzipieren. Frau Dr. Merkel macht es vor. Unsere Wirtschaft brummt, Merkel steckt all dieses widerwärtigen Anwürfe mit verschmitztem Lächeln weg und ackert eine Fettberg nach dem anderen weg undzwar ohne zu heulen. Manche Jobs sollten eben nur "echte Kerle" erledigen und keine Heususen und Trullas, so wie Seehofer und Söder.
Affenhirn 03.10.2017
2. Geschichtsklitterung?
Frau Merkel wurde Bundeskanzlerin nach einer Phase, in der ihr Vorgänger aus der CDU, Helmut Kohl, alle Widersacher innerhalb seiner Partei (z.B. Barzel, Biedenkopf) in irgendeiner Form abserviert hatte. Die junge Frau Merkel hat er damals wohl nicht als Konkurrentin wahrgenommen. Die Wachablösung durch Schröder war zwangsläufig, da Kohl - intern ohne noch vorhandene Widersacher - dem Wähler nicht mehr richtig vermittelbar war. In sofern ist in der Gesamtschau die Herabstufung von Frau Merkel zur politischen Trümmerfrau vielleicht etwas zu einfach. Aber was macht (schreibt) man nicht alles, um einen schrägen Artikel zu rechtfertigen.
seiplanlos 03.10.2017
3. Man kann auch alles schlecht reden...
Ist alles perfekt? Nein. Machen wir alles aus den richtigen Gründen? Nein. Ist es besser als vor 50 Jahren? Ja War es da schon besser als vor 200 Jahren? Ja. Also scheinen wir auf dem richtigen Weg zu sein. Es geht halt einigen nur nicht schnell genug. Anderen geht es zu schnell. Vielleicht gehen wir also gerade in der richtigen Geschwindigkeit, das viele eine Verbesserung fühlen, und nur wenige eine radikale Umkehr fordern. Vielleicht sind einige die fordern aber auch eher eine Raupe nimmersatt. Und haben selbst wenn alle Forderungen erfüllt sind immer noch einen hungrigen Magen und fordern mehr, weil man nichts anderes kennt als fordern. Glücklich sein haben diese schon lange verlernt
akkronym 03.10.2017
4. Was für ein Bullshit!
"Frauen kommen hier erst ans Steuer, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ein Armutszeugnis." Gerade im Fall Nahles ist es so, dass Frau Nahles mit verantwortlich für die saftige Niederlage der SPD ist, aber immer noch eine riesen Klappe schwingt. Dann SOLL sie beweisen OB sie es tatsächlich besser kann. Ich wage jetzt schon das Postulat: Nie und NiImmer! Meine Lebenserfahrung hat mir gezeigt: Frauen machen in der Summe nicht besser, leben aber gz.Z. im FDP-Syndrom "Wir sind die besseren, die klügeren, die weitsichtigeren uns was weiss ich noch alles...". Die Zukunft wird es weisen, mein Postulat bleibt bestehen.
Europa! 03.10.2017
5. Stimmt!
Die SPD hat es auf grandiose Weise versäumt, sich in den 70er Jahren an die Spitze der 2. Frauenbewegung zu setzen, und stattdessen den Grünen das Feld überlassen. Ein strategischer Fehler, der letztlich beiden Parteien geschadet hat (weil sich die Grünen zu viele Aufgaben gleichzeitig gestellt und damit ihr grünes Profil fast völlig verloren haben). Jetzt soll Andrea Nahles es richten. Ich wünsche ihr viel Erfolg. Sie hat in den letzten Jahren die größten SPD-Erfolge (Mindestlohn, Rente mit 63 und Verbesserung der Mütterrente) errungen und sich damit Anerkennung verschafft, als andere an den Bahnhöfen "Hosiannah!" schrien. Der Wiederaufstieg der SPD kann jetzt sehr schnell gehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.