Gedenken und Gleichberechtigung Kennen Sie diese Frauen?

2017 wurden wir ein Jahr mit Luther zugeballert. Die Festlichkeiten zu 100 Jahren Frauenwahlrecht fielen kleiner aus, die Aktivistinnen von damals sind vergessen - dabei ist der Kampf um Gleichberechtigung nicht vorbei.

Olympe de Gouges, Marie Juchacz, Hedwig Dohm (von links)
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Olympe de Gouges, Marie Juchacz, Hedwig Dohm (von links)

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Vor 225 Jahren und zehn Tagen wurde Olympe de Gouges in Paris hingerichtet. Sie hatte, unter anderem, das Wahlrecht für Frauen gefordert. Sie fand die Arbeit der Männer, die 1789 im Zuge der Französischen Revolution die "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" geschrieben hatten, nur mittelmäßig, weil sie nur eine Erklärung der Männer- und Bürgerrechte war, und weigerte sich, eine Regierung anzuerkennen, die Frauen keine politischen Rechte gab.

In der Begründung ihres Todesurteils hieß es: "Olympe de Gouges, die mit ihrer exaltierten Vorstellungskraft geboren war, hielt ihr Delirium für eine Inspiration der Natur. Ein Staatsmann wollte sie sein, und das Gesetz hat die Verschwörerin dafür bestraft, dass sie die Tugenden vergaß, die ihrem Geschlecht geziemen." Vor dem Tribunal erklärte Olympe de Gouges: "Meine Stimme wird sich aus der Tiefe meines Grabes Gehör verschaffen." Sie sollte recht behalten.

In Deutschland gibt es nun seit 100 Jahren und einem Tag das Frauenwahlrecht, es gibt unterschiedliche Feierlichkeiten dazu, aber wenn Sie mich fragen, ungefähr fünfhundertmal zu wenig. Erinnern sich alle noch an das "Lutherjahr"? 2017 wurden wir ein Jahr lang mit allerlei Luther-Content penetriert, Luther hier, Luther da, ja, vielleicht ein Antisemit, aber hey, ein großer Mann!, hier ein Denkmal, dort ein Musical.

Weil Frauen so bescheidene Wesen sind, oder weil immer noch Patriarchat ist, wird das Frauenwahlrecht in geringerem Umfang gefeiert als die Tatsache, dass vor fünf Jahrhunderten ein Mann einen Beschwerdebrief an eine Tür gehängt hat, was Deutsche ja ohnehin ständig tun, nichts für ungut.

Würde man heute auf die Straße gehen und hundert beliebige Leute fragen, ob sie ein paar der Frauen nennen können, die damals das Frauenwahlrecht erkämpft haben, dann könnten - darauf würde ich alle meine reproduktiven Organe verwetten - die allermeisten keine Namen nennen. Marie Juchacz, Hedwig Dohm, Minna Cauer, Helene Lange, kennen Sie die? Sie würden wahrscheinlich alle nicht genannt werden. Vielleicht gerade mal noch Clara Zetkin.

"Wie lange wollen wir noch warten?"

Aber nur weil es diese Frauen gab, konnte es am Montag in Berlin einen Festakt geben, auf dem 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert wurde und auf dem sich viele Frauen einig waren, dass wir immer noch nicht weit genug sind. "Die Quoten waren wichtig. Aber das Ziel muss Parität sein", sagte Angela Merkel und bezog sich damit auch auf die elende Tatsache, dass im Bundestag heute nicht mal ein Drittel aller Abgeordneten Frauen sind.

Ähnlich äußerte sich die Juristin Lore Maria Peschel-Gutzeit, die erklärte, es gebe eine "Förderungspflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass Gleichstellung durchgesetzt wird". Dass es im Bundestag noch keine Parität von Frauen und Männern gibt, "das empfinde ich als empörend", sagte sie. "Wie lange wollen wir noch warten?"

Lange, wenn es nach einigen Männern geht. Die Argumente, mit denen Frauen ruhiggestellt werden sollen, wenn sie mehr Macht fordern, sind heute etwas anders als zu Zeiten von Olympe de Gouges oder Helene Lange, aber so anders dann doch wieder nicht. Wo Olympe de Gouges als unanständig galt, gelten Frauen, die heute dafür eintreten, dass im Bundestag endlich mehr weibliche Abgeordnete sitzen, als undemokratisch.

DER SPIEGEL 54/2018

In der "FAZ" hieß es in einem Kommentar zu Merkels Rede: "Hier irrt die kluge Kanzlerin." So schreibt Redakteur Reinhard Müller, dem die Idee gar nicht gefällt, durch Quoten den Frauenanteil zu erhöhen: "Das Ziel, das Parlament auf einen Frauenanteil von fünfzig Prozent zu bringen, ist weder der DDR noch Nordkorea eingefallen. Aber dort gehört eine solche Idee eigentlich hin." Und weiter: "Quoten, gar die Vorgabe einer Parität in Parlamenten, verstoßen gegen grundlegende demokratische Grundsätze."

Das hat uns natürlich noch gefehlt, dass zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts ein "FAZ"-Redakteur daherkommt, der der Kanzlerin den Rechtsstaat mansplaint. Sehr unangenehm. Vielleicht trauert Herr Müller immer noch, dass in Deutschland die Ehe für alle eingeführt wurde, obwohl er doch vor ein paar Jahren noch geschrieben hat, "dass Kinder im Prinzip bei Vater und Mutter am besten aufgehoben sind", um zu erklären, warum Homosexuelle nicht heiraten dürfen sollen. Man hat es nicht leicht, wenn man Fortschritt anstrengend findet.

Es gab zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte Menschen, die fanden, die Frauenbewegung würde übertreiben. Frauen hätten doch eigentlich längst schon alles, was sie brauchen. Auf den Postkarten, die bei dem erwähnten Festakt verteilt wurden, standen Zitate verschiedener Frauen, darunter war etwa Helene Lange mit einem Satz von 1896: "Dass die Männer die Interessen der Frauen wahren, ist Fiktion."

Und von Hedwig Dohm gibt es das Zitat: "Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor." Immer noch, Hedwig, immer noch.

Im Video: Die Unbeugsamen - Deutschlands starke Frauen

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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
franz01 13.11.2018
1. Ihr Text wäre stärker ...
... hätten Sie Luther aus dem Spiel gelassen, Frau Stokowski.
Alexis_Saint-Craque 13.11.2018
2. In meoriam
Hedwig Dohm. Ja, die ist verträglich. Weswegen es mit dem Wiederkäuen nicht aufhört. Ich plädiere für Sulamith Firestone und andere Kriegerinnen. Wenigstens in memoriam.
Tingletangle 13.11.2018
3. und wieder
werden Gleichberechtigung und Gleichstellung munter durcheinander gewirbelt. "dabei ist der Kampf um Gleichberechtigung nicht vorbei." - Doch. Ist er. Punkt. Der Kampf um Gleichstellung hat den Kampf um Gleichberechtigung ersetzt. Und zu dem Kommentar von Herrn Müller in der FAZ: Leider verzichtet Frau Stokowski darauf, auch nur EIN sachliches Argument dagegen vorzubringen, sonder versteckt sich hinter ideologischen Floskeln à la "mansplaining". Schade.
dark_schneider 13.11.2018
4. Wieviel Feminismus braucht's?
"...aber wenn Sie mich fragen, ungefähr fünfhundertmal zu wenig." 500 mal mehr?! Frau Stokowski, viele Menschen (auch weiblichen Geschlechts) sind doch jetzt schon völlig entnervt von der feministischen Flut im öffentlichen Mainstream. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass Sie damit Ihrer Sachen einen Gefallen täten? "2017 wurden wir ein Jahr lang mit allerlei Luther-Content penetriert..." Wir wurden 2017 auch permanent mit feministisch-radikalen Ideen penetriert. "Wie lange wollen wir noch warten?" Ja, worauf warten sie eigentlich noch? Welche Rechte werden ihnen noch vorenthalten? Warum wünschen sich Frauen auch heute noch mehrheitlich einen männlichen Chef? Fragen über Fragen. Fragen auf die Sie, Frau Stokowski, mit Ihrer Ideologie keine Antworten geben können.
k-d.hollbecher 13.11.2018
5. Genderwahn
Es gibt Menschen - wie die Autorin - die können nur in schwarz/weiß, entweder/oder, in Frontlinien denken und schreiben. Was für eine geistige Armut. Kein intelligenter Mensch macht den Frauen ihre Verdienste streitig. Auch seit 1789 hat sich die Gesellschaft entwickelt und die Menschen mit ihr. Wenn Sie die historische Bedeutung der Leistung Martin Luthers nicht erkennen, kann Ihnen keiner helfen. Aber die Person mit heutigen Moralansprüchen zu messen, ist geistiger Dünnschiß, womit ich mich auch mal auf die Ebene Ihrer Ausdrucksweise herabbegebe. Und dann war Luther auch noch ein Mann. Igitt, wie konnte er nur.
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