Maria Lassnigs Körperbilder "Der Mensch ist wie ein Gulasch"

Ob das nackte "Landmädchen" auf dem Motorrad, der Sportler mit Bierbauch oder ein dürres Liebespaar: Die jugendlich starken Gemälde der 90-jährigen Wienerin Maria Lassnig sind so krass zugespitzt wie Comics. Jetzt feiert eine Ausstellung in München die Malerin.

Aus München berichtet


"Du hast so einen langsamen Blick", haben die Leute häufig zu ihr gesagt, weil die kleine Maria Lassnig sie so lange und intensiv ansah. Heute verleitet Lassnigs Malerei die Menschen zu langsamen, genauen Blicken. So standen am Donnerstag nach der Pressekonferenz ihrer jüngsten Ausstellung versunkene Betrachter und kleine, diskutierende Gruppen noch ungewöhnlich lange vor den Bildern.

Viele hypnotisierende Gemälde hingen da im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses. Etwa das nackt Motorrad fahrende "Landmädchen", das nicht besonders schön ist, nicht besonders schlau scheint und doch recht keck aufsitzt. Das drastische Selbstporträt "Du oder ich", auf dem sie sich die eine Pistole an die Schläfe hält und mit der anderen den Betrachter anvisiert. Oder das viereinhalb Meter breite "Hochzeitsbild" mit dem auftrumpfend selbstbewussten Mann und der sich verschämt wegduckenden Braut.

Die Schöpferin dieser jugendlich starken Bilder, die wie alle der in München gezeigten Gemälde aus den letzten zehn Jahren stammen, ist heute 90 Jahre alt. In Kärnten geboren, lebte Lassnig zwischen 1961 und 1980 in Paris und in New York. Erst 1980 übernahm sie eine Professur in Wien, erst dann kam der Erfolg. Mehrfache Einladungen zur Biennale und Documenta folgten. In den letzten Jahren wurde sie auch bei Schauen in den USA und London entdeckt und gefeiert. Bei Auktionen erzielen "Lassnigs" Preise von bis zu 280.000 Euro.

"Die Bilder sollen lieber penetrant als elegant sein", beschreibt sie ihre Intention. In ihren düstersten Visionen kommen die Frauen oft perplex bis geschunden, die Männer vierschrötig bis tumb daher. Eine Wut, eine Rage, die an ihre Landsmännin Elfriede Jelinek erinnert, klingt an. Doch nie sind die Bilder ganz humorlos, vielmehr oft comicgleich zugespitzt. Einen durchgehend existentiell-katastrophalen Ton wie etwa bei Francis Bacon gibt es bei ihr nicht.

"Mein Herz schlägt so stark, dass die Außenwelt wackelt"

In den Trümmern der Beziehungen ihrer Mutter aufgewachsen, hat Lassnig wohl schon früh gelernt, sich in sich zurückzuziehen: "Mein Herz schlägt so stark, dass die Außenwelt wackelt", hat sie einmal gesagt. Vielleicht hat sie aufgrund dieser Hypersensibilität ihr eigenes Verfahren entwickelt: das Malen der Körperbewusstseinsbilder.

Schon in den späten vierziger und fünfziger Jahren hat sie ihr Körperempfinden gewissermaßen in die Formen der abstrahierenden und figurativen Tendenzen der Nachkriegsmalerei einfließen lassen und diese von innen her verändert, ausgedehnt. Ein von ihr gemaltes Bein ist kein Bein, sondern mal Stecken, mal ein Kloß.

Arbeitet sie an diesen Empfindungsbildern statt an ihren realistischeren Außenweltgemälden, schließt sie die Augen, pfropft die Ohren zu, geht nach innen. Und malt dann - oft neben dem Bild liegend oder schräg aufgestützt - ihr Körpergefühl. Mit vibrierenden, häufig strahlend hellen Farben kehrt sie es nach außen und gibt ihm eine flirrende Ambivalenz.

Haut malt sie wie eine Membran, die sich über den Körperempfindungen spannt und sie durchscheinen lässt: rot wie entzündet, grün wie erkaltet, eisig grau oder durchscheinend, wenn sich eine Hand in Fühllosigkeit auflöst. Oft aber schnurrt alle Farbe in den Linien der Konturen zusammen.

Damit fixiert Lassnig etwas, das keine Kamera aufzeichnen kann: das körpergebundene In-der-Welt-Sein, diesen Mix aus Körpersensationen, Emotionen und Einwirkung der Außenwelt. "Es mischt sich ja alles. Der Mensch ist wie ein Gulasch", so fasst es die Künstlerin.

Gesungene Lebensgeschichte

Ganz an die Oberfläche kommen ihr Humor, ihre Erfindungslust und mädchenhafte Leichtigkeit in den filmischen Arbeiten, die alle in München gezeigt werden. In der "Kantate" von 1992 singt sie ihre Lebensgeschichte und trifft einen wunderbar moritatenhaften Ton zwischen ländlicher Einfalt und liebevoller Weltweisheit. Tönt sie etwa "Ich steh jetzt oben auf dem Berg der Reife", unterlaufen die Zeichentrickbilder jede Selbstmystifizierung: Sie zeigen dann, wie sie sich, zwischen zwei Gipfeln turnend, mühsam hinaufzuhangeln versucht.

Die Künstlerin lebt und arbeitet heute in einem kleinbürgerlichen Viertel Wiens, den Sommer verbringt sie oft in Kärnten. Einmal hat sie dort junge Leute mit einem Stück Plastikfolie posieren lassen - für die Kamera. Diese Aufnahmen flossen in zwischen 2005 und 2006 entstandene Bilder ein, in denen - selten bei Lassnig - auch die Räume um die Figuren herum sichtbar werden: Fenster, Dunkelheit, eine Lampe. "Hintergrund schafft Stimmung und Atmosphäre, und die brauche ich nicht", hat sie früher einmal gesagt. Vielleicht behält sie da Recht, gewissermaßen gegen sich selbst.

Die Bilder der Münchner Schau aber, in denen ihre introspektive Technik stark ist, sind packend wie nie. So zeigt sich: Neben Lucian Freud und Eric Fischl ist sie heute eine der ganz großen Vertreterinnen der figurativen Malerei.

Lassnig lässt es kalt, wenn man sie auf solche Sockel hebt. Erst kürzlich hat sie erklärt: "Man hat mich so lange unterbewertet, dass ich die jetzige Bewertung gar nicht bewerten kann."


Maria Lassnig. Kunstbau des Lenbachhauses, München. 27. Februar bis 30. Mai

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
André Igler 26.02.2010
1. Da hat wer gepfuscht
Den Typo in der Headline würde ich ja noch verstehen, aber ein simples googeln hätte bewiesen, dass Maria Lassnig in Kärnten geboren ist und daher keine Wienerin sein kann. Da wurde wohl die Pressemeldung (falsch) abgeschrieben. addio
favela lynch 26.02.2010
2. Selbsternährung - Selbsterhaltung
Anlässlich einer Ehrung der Künstlerin im Frankfurter Kunstverein konnte beim anschließenden Souper im Frankfurter Hof die Frage diskutiert werden: Ob man als Künstlerin nicht eine Mantis wäre, die sich selbst verspeist. Das ist nicht neu, aber selten so offensichtlich wie im Werk der Geehrten.
warjaklar 26.02.2010
3. ...
---Zitat--- "Der Mensch ist wie ein Gulasch" ---Zitatende--- "Gulasch" war auch meine erste (und praktisch einzige) Assoziation, als ich mir die Bilder angeschaut habe. ---Zitat--- Die jugendlich starken Gemälde der 90-jährigen.......ihr eigenes Verfahren entwickelt: das Malen der Körperbewusstseinsbilder... ---Zitatende--- Wahrscheinlich rächt es sich jetzt, dass ich durch das Pech einer späten Geburt diese ganzen Selbstfindungsseminare und LSD-Workshops Ende der Sechziger nicht mitmachen konnte. Da hapert es oft genug schon beim Verständnis der Fachbegriffe... Na, was solls. Der Planet wandert weiter, der Schnee ist am tauen und jetzt schauen wir mal, ob das was wird mit der versprochenen Klimaerwärmung. *heizungraufdreh*
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