"Marias Testament" Nicole Heesters spricht sich heilig

90 Minuten, eine einzige Akteurin. Es geht um Gott, die Welt und das Privatleben der Mutter Gottes. Ein dramatischer Bühnenritt für Nicole Heesters.

Bo Lahola

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"Ich sage die Wahrheit!" Das ist ja mal ein solides Versprechen, mit dem Nicole Heesters ihre Solo-Performance an den Hamburger Kammerspielen beginnt. Performance muss man es wohl nennen, denn der Text des irischen Autors Colm Tóibín (hier in deutscher Erstaufführung) über die Sicht der heiligen Maria, Mutter Gottes, auf ihren Sohn, verspricht von Beginn an radikal zu werden. Tóibín, 1955 in Wexford geboren, gehört seit den ersten deutschen Übersetzungen 1990 auch hierzulande zu den erfolgreichen englischsprachigen Autoren. Viele seiner Werke wurden verfilmt, er arbeitete mit Nick Hornby und Volker Schlöndorff zusammen ("Rückkehr nach Montauk") und sammelte viele Literaturpreise.

Wie effizient er auch die Bühne beherrscht, zeigt sein Stück "Marias Testament": Das Solo einer Mutter, der unendlich viel auf die Nerven geht, die leidet und förmlich zerspringt zwischen all den Wundern, Auftritten, der Politik und der Folter - und letztendlich des qualvollen Todes ihres einzigen Sohnes, von dem behauptet wird, er sei auch der Sohn Gottes. Zu viel für eine Mutter. Aber sie kämpft.

Kofferradio und Thermoskanne

Die Bühne sendet dezente Signale einer etwas angestaubten Zeitlosigkeit aus: Kofferradio, Schreibmaschine, Thermoskanne illustrieren eine sanft prekäre Existenz mit Nachkriegs-Touch. Maria schläft zwar unterm Holztisch, ist aber kein Opfer. Ihre betont einfache Kleidung trumpft dennoch wie hingetupft auf, Rot und Pink Ton-in-Ton, vor einem weit gebogenen, passend grauen Hintergrund. Sehr stylisch. Arm, aber stolz - und Nicole Heesters füllt die scheinbare Leere mühelos mit ihrer Präsenz.

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"Marias Testament": Bewegendes Spiel

Erst mal wird aufgeräumt: Der spartanische Altar im Hintergrund mit Kerze und Lilien ist erstes Opfer von Marias Furor, sie wischt alles wütend hinweg, beginnt ein gründliches Großreinemachen in ihrer bescheidenen Hütte. Diesen penetranten Kult um ihren Sohn, diese neue Religion, will sie nicht mitmachen. Ihre Emotionen zwischen Faszination und Abscheu modelliert Nicole Heesters aus dem erfreulich geradlinig gehaltenen Text sehr plastisch heraus. Routiniert und wirkungssicher kommentiert sie die Wunder als gesellschaftliche Events, die ihr Sohn "und die Truppe" bewusst inszenieren und dabei noch der Schöpfung ins Handwerk pfuschen.

Marias Sohn in der Männergesellschaft

"Weshalb raubt man Lazarus die letzte Freiheit, die des Todes?" entsetzt sich Maria über die Wiedererweckung des Verstorbenen um des Effektes willen (da ist sich Maria sicher). Obendrein muss Lazarus später qualvoll ein weiteres Mal und diesmal endgültig sterben. Für Maria schlichte Folter. Und dieser Mann, der das zu verantworten hat, soll der Sohn Gottes sein? Schließlich ist sich Jesus bei der Hochzeit zu Kana auch nicht zu schade, Wasser in Wein zu verwandeln. Aber Marias Sohn ist ihr längst entschwebt, lebt in seiner Männergesellschaft. Überhaupt Männer! Von denen hält Maria nur dann etwas, wenn sie allein auftreten. Zwei Männer zusammen, schon werden sie für die Mutter lächerlich und anmaßend. Kein Wunder, dass sie dem ganzen Jünger-Ding misstraut.

Es ist in diesem Stück kein langer Weg zur Erkenntnis, dass es hier darum geht, die Heilige Maria, Ikone der Kirche, auf die Figur der Mutter herunterzubrechen, die schlicht um ihren Sohn ringt, sich mit ihm und seinen Zurückweisungen ("Was hast du Weib damit zu schaffen?") abmüht und in Tod und Folter natürlich zu ihm steht. Ihre fassungslose Schilderung des Grauens einer Kreuzigung werden in Nicole Heesters' präziser und akzentuierter Sprache en passant zu einem verbalen Fanal gegen Erniedrigung, Verfolgung und Gewalt. Das kann man als altmodisch brandmarken, doch es trifft mitten ins Zentrum. Und da die Inszenierung von Elmar Goerden immer strikt in der Spur bleibt, gelingt der Spagat zwischen Mutterliebe und Mythos.

Schlüssige Regie

Diese Widersprüche glaubwürdig auszuspielen, diese überzeugende Kraft strömt aus dem bewegenden Spiel der großen Bühnendame Nicole Heesters, die auch mit über 80 Jahren noch einen Orkan des Wortes beschwören kann und allein mit ihrer Stimme einen Saal mühelos füllt. Aber auch dem Regisseur und Bühnenbauer Elmar Goerden (der auch die deutsche Fassung des Textes besorgte) gebührt die volle Punktzahl. Wie er Nicole Heesters über diese 90 dichtgepackten Minuten choreographiert, besticht durch Schlüssigkeit und stets punktgenaue Platzierung. Die Mixtur aus Bewegung und Pose funktioniert perfekt: Wie Nicole Heesters ihre Maria zum Tode ihres Sohnes in die klassische Pieta-Position, der finalen Vereinigung aus Liebe, Trotz und Kampfeswillen, bringt - das ist in seiner Schlichtheit und Kraft bewegend: Nicole Heesters spricht sich quasi heilig. Die ganze Wahrheit zum Finale.

Sehr großer Beifall für minimalen Aufwand mit maximaler Wirkung.


Marias Testament. Regie: Elmar Goerden.

An den Hamburger Kammerspielen, nächste Vorstellungen am 28.2., 1.3-3.3., 8.-11.3., 30.3.-2.4., 17.5.-19.5., 21.5., sowie vom 24.-26.5.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
japhyryderson, 20.02.2018
1. Tolle Künstlerin
OK. Passt hier nicht so richtig hin. Mit Nicole Heesters verbinde ich ein merkwürdiges Erlebnis im Hamburger Schauspielhaus. Dort gastierte sie mit Julian Green´s "Süden". Mitten im Stück fingen die Zuschauer an zu lachen. Immer wieder. Die lachten die Schauspieler aus, wie sie sich abrackerten. Nur vor Nicole Heesters hatten sie Ehrfurcht.
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