Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mario Barth im Olympia-Stadion: Die Dauerwurst, die jedem schmeckt

Von Christoph Cadenbach

Eine Portion Zerstreuung, bitte: Mario Barth ist der Dienstleister unter Deutschlands Komikern. Mit immergleichen Witzen bietet er erwartbare Pointen und Entspannung für die Massen. Im Berliner Olympiastadion schauten ihm 70.000 dabei zu und hatten Spaß - bis zur Rückfahrt.

Berlin - Der erste Eindruck soll ja manchmal spielentscheidend sein: Samstagabend, auf dem Fußweg zum Berliner Olympiastadion. Ein Wolfgang-Petry-Hit schwappt über das Stadiondach.

"Es ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle" - leider ein allzu wahrer Satz für das, was nun bevorsteht: Mario Barth, Deutschlands zielstrebigster Massenkomiker, feiert den Abschluss seiner Tournee und 70.000 Menschen sind gekommen, um ihn dabei anzufeuern - der blanke Wahnsinn eben.

Schließlich versteht es Barth besser als jeder andere Scherzbold in Deutschland, sich spontanen Eingebungen strikt zu erwehren. Sein Programm ist die stete Wiederholung des Immergleichen. Er spult die Texte seines Bühnenprogramms "Männer sind primitiv, aber glücklich" ab wie ein überfleißiger Laienschauspieler. Immer strikt auf Kurs bleiben, nie vom Text abweichen.

Sein Motto: Wer Mario kauft, soll auch Mario bekommen, da ist der Komiker spießig wie sein Publikum, aber eben auch ein echter Dienstleister. Dieses Konzept hat den gelernten Elektrotechniker zum erfolgreichsten deutschen Komiker gemacht. Drei Mal in Folge hat er den Preis für die "Beste Live Comedy" gewonnen, sein aktuelles Bühnenprogramm haben mehr als 1,5 Millionen Fans gesehen.

Glotze gucken in der Gruppe

Warum schauen die Menschen sich das an? Warum bezahlen sie für etwas, das sie schon im Fernsehen gesehen haben und das höchst wahrscheinlich auf DVD gepresst zu Hause im Wohnzimmerschrank steht? An dem Erlebnis, den Mario einmal "in echt" zu erblicken, kann es in Berlin eigentlich nicht gelegen haben.

Als Barth die Bühne im Olympiastadion betritt, muss man schon die Augen zusammenkneifen, um ihn aus der Ferne zu erkennen. Wie ein hyperaktives Kind, dem das Beruhigungsmittel ausgegangen ist, huscht das winzige Männchen dort umher. Im Hintergrund die Pappmascheeversion des Brandenburger Tors, mit der Quadriga als aufblasbarer Gummipuppe auf dem Dach.

Barth ist in Berlin geboren und zelebriert das Heimspiel mit Kulisse und Feuerwerk - die 70.000 Menschen bei dieser Guinness-Buch-reifen "größten Comedy-Show der Welt" schauen ihm auf einem der sechs Videoleinwände dabei zu: Glotze gucken in der Gruppe, das kennt man doch irgendwo her.

Die Männer johlen, wenn Barth von Actionfilmen mit Will Smith erzählt und weltumgreifend anmerkt, "wir Männer sind 'nen bisschen asi." Die Frauen jubilieren, wenn er anschließend auf den Kinohit "Titanic" zu sprechen kommt (was die Männer mit vereinten Buh-Rufen quittieren). Alles ist schön einfach gehalten im Mario-Barth-Land, selten scheint die Welt so aufgeräumt, so unkompliziert wie bei ihm: reinste Entspannung für die von Gesundheitsreform, Koalitionsgezeter und hohen Preisen gestressten Massen.

30 Euro pro Ticket - es lohnt sich, sagen die Fans

Hier geht es stattdessen um simple Fragen: Akkuschrauber oder Handtasche? Wodka Red Bull oder Rotwein - und ab und an einfach um Hörerlebnisse, wie Barths minutenlangem Lippenfurzen.

Fragt man die, die rund 30 Euro für den Abend ausgegeben haben, was das Tolle an Mario Barth ist, bekommt man immer die gleiche Antwort. "Weil er die Wahrheit sagt. Männer sind nun mal genervt, wenn ihre Frauen Shoppen gehen", resümiert eine Berlinerin und rührt dabei mit einem Cocktailschirmchen die Erdbeeren in ihrem Prosecco um. Ihre Schwiegertochter merkt noch an: "Mit dem kann man sich identifizieren." Mario Barth verkauft sich als saufender Fernsehjunkie, der Nahrung nur aus der Mikrowelle oder der Fritteuse akzeptiert, während seine Freundin ausschließlich Handtaschen im Kopf hat. Identifikation? Na dann, Prost!

Irgendwie muss noch etwas anderes dran sein, wenn 70.000 Menschen über mehrere Stunden Arm an Arm im Innenraum des Olympiastadions stehen, ohne zu tanzen, ohne Feuerzeuge in den Abendhimmel zu recken wie bei einem Konzert. Denn eigentlich mag der Mensch dieses Eingepferchtsein, diese unmittelbare Nähe zu seinen Mitbürgern nicht, das kennt jeder aus dem Fahrstuhl.

In der Masse, so erklärt es Elias Canetti in seinem Buch "Masse und Macht", fühlt sich der Einzelne von der Last seiner Individualität, seiner Pflicht, einzigartig zu sein, befreit und kann Aufgehen in den Vielen. Die Masse dient der Zerstreuung. Sie ist ein Ventil.

Identifikation mit Mario - es klappt!

Vielleicht zieht also das Erlebnis an sich die Menschen in ihren Bann. Endlich mal gemeinsam jubeln, zusammen lachen, da ist es egal, ob man den Auftretenden nur auf einer Videoleinwand begutachten kann. Mario Barths Live-Performance funktioniert wie das Public Viewing während der Fußball-Europameisterschaft - Laolawelle inklusive.

Nach eindreiviertel Stunden hat Mario Barth dann genug mit den Armen in der Luft herumgewirbelt, ist weit gerannt und hat ausreichend geschwitzt, um sein Publikum mit dem Gefühl zu entlassen: Der Mario, der hat echt alles gegeben.

Dieses körperliche Engagement passt perfekt zu seiner Inszenierung als kleiner Mann, als durchschnittlichste Dauerwurst Deutschlands. Nein, er spendiert seiner Freundin keine teuren Schuhe, wie er in Interviews gerne betont, und er wohnt - obwohl er es sicher kaum nötig hätte - immer noch zur Miete. Man soll sich mit dem Mario identifizieren können. Und siehe oben: Es klappt!

Als die Menschen nach dem Auftritt das Stadion schließlich verlassen und mit der S-Bahn Richtung Innenstadt fahren, wird allerdings nicht mehr gelacht. Kaum einer redet, man schaut zu Boden oder fixiert einen Punkt an der Decke. Das Fahrstuhlgefühl ist wieder da. Und damit die Erkenntnis, dass wahrscheinlich nicht alles so simpel ist wie im Mario-Barth-Land.

Diesen Artikel...
Forum - Mario Barth - Meister der Klischeegags?
insgesamt 1048 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
DoubleU, 26.11.2007
Teilweise wirklich witzig, aber so schlicht und redundant, daß es sicher für weniger seichte Gemüter nicht abendfüllend ist.
2.
Kauderwelsch 26.11.2007
Ich bin peinlich berührt und bekomme regelrecht Angst, wenn ich so viele Leute über so flache Witze lachen sehe. Absolut unterirdisch.
3.
Stephantastisch, 26.11.2007
Zitat von sysopSuperstar des Schenkelklopfens: Der frühere Urlauberanimateur Mario Barth ist mit Klischeegags über Männer und Frauen zum erfolgreichsten Live-Entertainer des Landes geworden. Wie gefällt Ihnen Mario Barth?
Zum Wegschalten. Ich kann mit dieser Art Humor jedenfalls nix anfangen.
4.
Beratungssepp, 26.11.2007
Über Mario Barth lachen die Leute, die nicht erst nachdenken wollen, ob und warum sie jetzt lachen sollten oder müssen. Und es lachen die, denen es egal ist, was die Leute denken, die erst einmal darüber nachdenken müssen, ob sie darüber lachen dürfen. Insbesondere, wenn deren Ehefrauen darüber miteintscheiden. Deshalb lache ich :-)
5.
matthias schwalbe, 26.11.2007
Zitat von KauderwelschIch bin peinlich berührt und bekomme regelrecht Angst, wenn ich so viele Leute über so flache Witze lachen sehe. Absolut unterirdisch.
Es soll ja Leute geben,die wenn sie lachen wollen,in den Keller gehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Mario Barth: Live und in echt - boah ey!


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: