"Mario Barth präsentiert" Der Deutsche braucht nicht viel zum Lachen

Der Mann ist so anarchisch wie ein Bausparvertrag: Bei Mario Barth wirft sich der deutsche Spießer vor Lachen weg. Jetzt bedient der Spaßmacher sein kleinbürgerliches Lachvolk mit einer erbärmlichen neuen Anti-Talkshow bei RTL.

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Damit dem Deutschen vor Freude die Tränen aus den Augen schießen, reicht schon eine Schramme im Auto. Es sollte nur nicht das eigene sein. Und wenn der Deutsche mal richtig hemmungslos seinen Humor von der Leine lässt, stellt er sich drei fabrikneue Mittelklasse-Wagen ins Fernsehstudio und hält Kandidaten dazu an, mit verbundenen Augen einzuparken. Danach taxiert er den Schaden und wiehert eine Viertelstunde über die Dellen im Blech.

So ging es jedenfalls gestern bei der neuen Sendung von Mario Barth zu. Der Berliner gibt gerne den entfesselten Spießer und füllt so auf seinen Touren die ganz großen Hallen mit weniger entfesselten Spießern. Barth spricht dann über die Einkaufsgewohnheiten seiner Freundin und den eigenen Stuhlgang, manchmal auch über die eigenen Einkaufsgewohnheiten und den Stuhlgang seiner Freundin. Nie aber spricht er dabei mit anderen Menschen, er monologisiert einfach nur monothematisch in sich hinein.

Die entscheidende Frage gestern Abend also war: Wie wird der autistische Komiker in dem neuen Format "Mario Barth präsentiert" mit seinen Gästen kommunizieren? Die Antwort: Gar nicht. Denn Barth holte sich mit Gaby Köster und Ingo Appelt einfach zwei weitere Ego-Talker auf die Couch. Auf diese Weise kam ein bisschen das Flair einer Panel-Show auf, eines Formats also, das inzwischen glücklicherweise fast schon wieder aus dem deutschen Fernsehen verschwunden ist und bei dem Witzbolde einander einstudierte Stichworte reichen, um dann ganz spontan lustige Texte vom Teleprompter abzulesen.

"Ey Alter, die Stoßstange"

Was aber mit den Menschen machen, die sich Barth dann und wann aus dem Publikum in die Promi-Runde winkte? Die wurden schnell beschäftigt, zum Beispiel eben mit dem Einparkspiel. Köster und Appelt mussten einer Kandidatin und einem Kandidaten dafür über Funk Anweisungen geben, Barth bilanziert danach mit gewohnt redundantem Wortschatz den Blechschaden. Er rief wie euphorisiert: "Alter, guck mal, was da alles kaputt ist!". Oder auch: "Ey Alter, die Stoßstange!" Und schließlich: "Ey, wie geil ist das denn, die Kühlerhaube!" Die Reparaturarbeiten, merkte Barth später in der Show begeistert an, würden sich summa summarum bestimmt auf neuntausend Euro belaufen.

Barth steht somit für die kleinbürgerlichste aller Humor-Varianten: Man macht sich für sein Publikum ein bisschen locker – und denkt dann sofort darüber nach, was das alles kostet. Comedy à la Mario Barth ist frei von jedem Funken Subversion. Und leider auch von jedem Hauch Humor. Der Witz des Alleinunterhalters ist so anarchisch wie ein Bausparvertrag, vielleicht macht ihn das so attraktiv für die Massen.

Aber selbst für das kleinbürgerlichste Lachvolk gibt es ja immer noch eine Schicht, auf die man hinabschauen kann. Okay, das eigene Sprachniveau hält sich in Grenzen, aber dieser Umstand lässt sich leicht verschleiern, indem man einen Trupp authentischer Freaks zum allgemeinen Amüsement engagiert. So baute Barth die Schrottplatzbrüder in sein Programm ein, die mit ihrer Sendung "Die Ludolfs" zurzeit beim Sender DMAX für Furore sorgen. Die vier älteren Jungs, bei denen das deutsche Schulsystem offensichtlich gänzlich versagt hat, mussten bei "Mario Barth präsentiert" stotternd und strauchelnd Begriffe umschreiben, die dann die Studio-Gäste zu erraten hatten.

So offenbarte sich bei Barths neuer Anti-Talkshow am Freitag noch einmal auf denkbar unappetitlichste Weise, was das Geheimnis seines Erfolges ist. Die Zuschauer dürfen bei ihm mal ordentlich die Sau rauslassen – und sich dabei immer noch als etwas Besseres fühlen. Da jubiliert die deutsche Spießerseele.

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