Krank in der Leistungsgesellschaft Wie der Kapitalismus den Stress privatisiert

Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.

Von Philipp Rhensius

Entpolitisierung von Gesundheit: Sklaven des eigenen Anspruchs
Corbis

Entpolitisierung von Gesundheit: Sklaven des eigenen Anspruchs


Der jagende Kojote rennt über eine Klippe, hängt einige Sekunden in der Luft und realisiert erst beim Blick nach unten, dass er in die Tiefe stürzen wird. Eine Szene aus den "Road Runner"-Trickfilmen ist für den britischen Kulturtheoretiker Mark Fisher Sinnbild für unsere krisenhafte Gegenwart. In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" beschreibt er eine Welt, in der wir als von neoliberalen Zwängen Gehetzte immer weiter rennen, obwohl wir ahnen, dass der Weg geradewegs in den Abgrund führt.

Doch in einer Zeit, in der die Macht des Neoliberalismus derart groß ist, dass die Kosten der Finanzkrise vor allem über staatliche Austerität und die daraus resultierende Abschaffung sozialer Errungenschaften finanziert wird, ist es, wie Fisher schreibt, einfacher, "sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus". Grund dafür ist seiner Meinung nach der kapitalistische Realismus, "eine alles durchdringende Atmosphäre", die unseren Alltag infiziert hat und in der sich selbst musikalische Subkulturen als traditionelle Labore für Systemkritik der kapitalistischen Einverleibung nicht mehr entziehen können.

So war Gangsterrap einer der ersten Stile, in dem die "naive Hoffnung, dass eine Jugendkultur irgendeine Änderung herbeiführen könnte, bereits durch eine nüchterne Umarmung einer "brutalen, reduktionistischen Version von Realität ersetzt worden" ist. Noch weitreichender sei die Unterordnung aller Lebensbereiche unter neoliberale Marktprinzipien. Diese Erkenntnis mag in Zeiten allgegenwärtiger Kapitalismuskritiken wie Frank Schirrmachers "Ego", in dem der moderne Mensch als von kapitalistischen Algorithmen beherrschtes Subjekt beschrieben wird, keine Neuigkeit sein. Doch im Gegensatz zum technokratischen Kulturpessimismus des "FAZ"-Herausgebers analysiert der Cultural-Studies-inspirierte Autor die alltägliche Lebenswelt.

In der "Kontrollgesellschaft"

Als ehemaliger Lehrer beschreibt Fisher die negativen Effekte dieser Marktbürokratie anhand eigener Erfahrungen mit dem Bildungssystem, das er als "neoliberales Laboratorium" bezeichnet. Die Zielvorgaben, die Bildung messbar machen sollen, als sei sie quantifizierbar wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung, erinnern dabei auch an die europaweite Modularisierung von Studiengängen, die Unis in Kaderschmieden für Unternehmen verwandeln.

Die Folgen dieser Marktbürokratie sind vor allem auf der individuellen, psychischen Ebene spürbar. Denn das ständige Gefühl, gemessen und beobachtet zu werden, erzeugt eine Paranoia, die uns zu kafkaesken Sklaven unseres eigenen oder besser: fremdbestimmten Anspruchs macht. Damit sind wir längst in der "Kontrollgesellschaft" angekommen, ein Begriff mit dem der Philosoph Gilles Deleuze eine Zeit beschrieb, in der die politischen und wirtschaftlichen Kontrollinstanzen weitgehend unsichtbar bleiben, dabei aber kaum an Macht einbüßen.

Dass eine wirksame Kritik etwa am Bildungsbetrieb kaum stattfindet, liegt auch an der Schwierigkeit, einen Schuldigen zu finden, was zu einer "distanzierten Zuschauerhaltung" führt, die schon Nietzsche kritisierte. Das lähmende Gefühl der Alternativlosigkeit ist dabei vor allem dem "großen Anderen" (so der Kulturkritiker Slavoj Žižek) geschuldet, also dem bürokratischen Unbekannten, auf den etwa Beamte mit dem allseits bekannten Satz verweisen, man würde lediglich Anweisungen "von oben" befolgen. Anstatt jedoch aktiven Widerstand zu leisten, reagieren viele mit Zynismus, der die Konformität jedoch nur verstärke. Mit fatalen Folgen, vor allem für die Gesundheit.

So hängt der Anstieg von psychischen Krankheiten eng mit immer höheren Leistungserwartungen zusammen. Hier setzt Fishers zentrale These an, die ihn von anderen Zeitdiagnosen unterscheidet. Dass die Medizin Depressionen stets auf individuelle und biologische Prozesse verkürzt, bewirke eine "Privatisierung von Stress", die den Verkauf von Antidepressiva als kurzfristige Symptomunterdrückung fördert. Da Depressive die Ursachen immer nur bei sich selbst suchen anstatt in ökonomischen Bedingungen, kommt es zu einer "Entpolitisierung von Gesundheit", die gesellschaftliche Solidarität durch individuelle Verantwortung ersetzt.

Wo das kurzweilige Buch eindeutige Lösungen vermissen lässt, deutet es Politisierungspotentiale an und fordert von Gewerkschaften eine thematische Neuausrichtung, da es Fisher zufolge endlich an der Zeit sei, sich von klassischen Lohnverhandlungskonflikten zu lösen und stattdessen die politische Dimension von Krankheiten wie etwa Burnout zu thematisieren. Die Stärke Fishers liegt in seiner Fähigkeit, eine stetige Balance zwischen philosophischer Abstraktion und anschaulichen Beispielen aus der Popkultur zu halten, mit dem ihm eine pointierte Sezierung unserer Realität gelingt. Somit bietet der Essay vor allem eine realitätsfilternde Brille, durch die vieles klarer erscheint

Ob der Kojote auch mit einem solchen Durchblick über die Klippe gesprungen wäre?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
wind_stopper 16.10.2013
1. Ironie
Zitat von sysopCorbisWer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen. Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mark-fisher-kapitalistischer-realismus-ohne-alternative-a-928145.html)
Die Gesellschaft beruht auf zwei großen Lügen: 1) Wirtschaftlicher Wohlstand = Hohe Lebensqualität 2) Wirtschaftliches Wachstum = Wirtschaftlicher Wohlstand Die Ironie dabei ist, dass wir zwar immer mehr haben, es uns dabei aber immer schlechter geht. Für die meisten sind halt ein dickes Auto und das neuste Smartphone ein Zeichen für gute Lebensqualität und Wohlstand. Wenn es einem mal schlecht geht, dann gibt es ja Prozac und Aspirin und weiter rennt der Hamster im Rad herum. Der Kapitalismus nutzt nur einer kleinen Clique, der Rest schuftet sich für deren Mrd. ab. Wenn man dabei noch Glück hat bleiben auch ein paar Kruemmel übrig und man kann sich das neuste Pad kaufen. Unter dem Deckmantel des Kapitalismus hat es eine kleine Gemeinde geschafft, die Mehrheit unter das Joch zu legen. Warum lässt die Mehrheit das mit sich machen?
glen13 16.10.2013
2.
Jetzt ist also bewiesen, dass alle Menschen den Krankenkassen zur Last fallen. Da sind die Alkoholsäufer, da sind die Dicken, da sind die Raucher und wir dachten, die Gesundheitsbewussten und Jogger retten die Statistik. Aber nun erfahren wir, dass die beruflich Burn Out und Depressionen haben. Also ist die Solidarität gegenüber den Krankenkosten wieder hergestellt. Alle kosten Geld.
klaus meucht 16.10.2013
3. Wachstum und Wohlstand
Zitat von wind_stopperDie Gesellschaft beruht auf zwei großen Lügen: 1) Wirtschaftlicher Wohlstand = Hohe Lebensqualität 2) Wirtschaftliches Wachstum = Wirtschaftlicher Wohlstand Die Ironie dabei ist, dass wir zwar immer mehr haben, es uns dabei aber immer schlechter geht. Für die meisten sind halt ein dickes Auto und das neuste Smartphone ein Zeichen für gute Lebensqualität und Wohlstand. Wenn es einem mal schlecht geht, dann gibt es ja Prozac und Aspirin und weiter rennt der Hamster im Rad herum. Der Kapitalismus nutzt nur einer kleinen Clique, der Rest schuftet sich für deren Mrd. ab. Wenn man dabei noch Glück hat bleiben auch ein paar Kruemmel übrig und man kann sich das neuste Pad kaufen. Unter dem Deckmantel des Kapitalismus hat es eine kleine Gemeinde geschafft, die Mehrheit unter das Joch zu legen. Warum lässt die Mehrheit das mit sich machen?
Punkt 1 sehe ich überhaupt nicht ein. Wirtschaftlicher Wohlstand bedeutet ja nicht dass ich mir ein dickes Auto leisten muss. Es ist aber gut zu wissen dass ich bei Bedarf mir ein dickes Auto leisten kann. Ich gehöre zu den Menschen die bewusst auf extremen Luxus verzichten, da ich auch meine dass dieser eher belastet. Wirtschaftlicher Wohlstand bedeutet aber dass ich freiwillig darauf verzichte. Ohne wirtschaftlichen Wohlstand bin ich aber gezwungen darauf zu verzichten. Es gibt nun mal Lebenssituationen da ist ein Auto wirklich ein Segen. Wenn ich z.B. behindert wäre, wäre ein behindertengerechtes umgebautes Auto ein wahrer Segen. Es ist ja richtig dass materieller Wohlstand ab einer gewissen Höhe mehr belastet als hilft. Aber ich muss ja nicht jeden Konsumterror mitmachen. Wem es gut geht, kann ja auf z.B. Arbeit verzichten. Dieses Downsizing geht nur bei materiellen Wohlstand. Ihre Haltung ist gerade denjenigen die einen geringen Wohlstand haben sehr zynisch. Punkt 2 bringt mich auch zum Nachdenken: Wir haben zur Zeit eine Wirtschaftsform die Wachstum benötigt. Der Kapitalismus funktioniert ohne Wachstum nicht. Und da werden wir früher oder später, falls es uns nicht gelingt Ressourcen von anderen Planeten zu holen, massive Probleme bekommen. Nur gibt es viele Wirtschaftsformen, ggf. welche die wir noch gar nicht kennen.
WBöhme 16.10.2013
4. "Glücklich ist wer vergisst was doch nicht zu ändern ist"
Zitat von sysopCorbisWer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen. Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mark-fisher-kapitalistischer-realismus-ohne-alternative-a-928145.html)
"Glücklich ist wer vergisst was doch nicht zu ändern ist" heißt es in Johann Strauss Fledermaus. Ich glaube diese Haltung erklärt die beklagte Apathie vieler Menschen angesichts eines allgegenwärtigen "Kapitalistischen Realismus". Weil der Gegner unsichtbar und "unlokalisierbar" geworden ist, oder einfach systemisch geworden ist scheint die klassische Konfrontation mit einem Gegner - etwa, wie einst im sog. "Klassenkampf" mit Institutionen wie "Gewerkschaften" - jeder Widerstand von vornherein aussichtslos. Man resigniert mit der bei Strauss besungenen Haltung des Vergessenwollens und zieht sich ins verbliebene Private zurück. Dieses "Privatisieren" anstelle von Weltrettung treibt die neoliberale Individualisierung aller Probleme zugleich voran. Die Psychologen wissen davon zu berichten und sind doch zugleich Kollaborateure dieser Entwicklung, weil sie im Unterschied zu Soziologen nur das Individuum betrachten wollen und es - etwa bei Burnout oder Depression - therapieren sollen. Damit jedoch geraten die eigentlichen und ursächlich wirkenden veränderten gesellschaftlichen Institutionen, Werteordnungen und Normen, die dazu führen, dass immer mehr Menschen an ihnen scheitern, verzweifeln oder sich einfach nur "onthologisch" unwohl fühlen aus dem Blickfeld. Wir brauchen einen neuen und intensiveren Diskurs auf Feld Kulturkritik und Soziologie und nicht den zehntausendsten (Selbsthilfe-)Ratgeber im Sinne von "Wie finde ich meinen Traumjob", "Wie werde ich endlich erfolgreich" etc. etc. Im Rahmen dieses Diskurses über unsere Kultur und unsere Institutionen müssen wir zugleich eine neue Begrifflichkeit entwickeln, die uns schließlich hilft "den Gegner" endlich wieder schärfer zu erkennen, um nicht bloß wolkig vom "Kapitalismus", "Mediengesellschaft" oder "Neoliberalismus" daher zu labern.
habnichviel 16.10.2013
5. Sag ich doch.......
Deutschland AG. Jeder soll sich Mühe geben, um mit seinem Job ausreichend Geld zu verdienen und damit die privatisierten Dinge im Leben zahlen zu können. Jeder ist seines Glückes Schmied selbst, habe ich schon seit meiner Kindheit gehört. Aber jetzt hat das eine überragende Bedeutung erlangt. Die Menschen haben das verinnerlicht, es gibt kaum noch einen Schuldigen. Phantastische Zeiten für Politiker, die sind an nichts mehr schuld. Fehlt bloß noch, das dann alles auf den lieben Gott geschoben wird, auch das Ausgebranntsein. Wo leben wir denn?
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