"Markus Lanz" im ZDF: Kerner-Klon lädt zum Verona-Trallala
Bei seinem Debüt als Sommerpausenvertreter für Johannes B. Kerner setzte Markus Lanz gleich auf eine Paradedisziplin des ZDF-Talkers: Verona Pooth befragen. Und auch sonst erwies sich der Neue als fit in allen Boulevardbelangen.
Wer sich gestern schon vor der Ausstrahlung über die erste Ausgabe von "Markus Lanz" informieren wollte, dem machte der Internet-Auftritt des ZDF ein umfassendes Angebot: Neben der bangen Frage "Wie geht es weiter im Hause Pooth?" stand dort das komplette jüngste Kerner-Gespräch mit Verona Pooth, vormals Feldbusch, vom Februar dieses Jahres zur Verfügung.
Moderator Lanz mit Pooth: "Ich bin ja eh nur 'n Unterhaltungsfaktor"
Ja, hat sich denn seither so viel verändert, mochte man sich da etwas beckenbaueresk fragen, dass schon eine Pooth-Neuauflage bei Kerners Sommerpausenvertretung Markus Lanz vonnöten ist?
Inhaltlich nicht. Jedenfalls vermochte es die Sendung des 39-jährigen Ersatzmanns Lanz nicht zu vermitteln. Bis auf die bereits im Vorfeld lancierte Information, dass Verona Pooth wegen eines nicht bezahlten Foto-Shootings selbst Gläubigerin der Maxfield GmbH sei, aber nicht auf Ausgleich ihrer Forderungen dränge ("Ich bin in der Situation, dass es nicht mein Anstreben ist, jeden Tag um dieses Geld anzufragen"), gab es kaum neue Erkenntnisse.
Absolviert wurde die bereits bekannte Plappertour durch das Privat- und Geschäftsleben der inzwischen 40-Jährigen ("ich bin am Ende des Tages ’ne normale Ehefrau"). Dass er nicht in investigativer Absicht fragen würde, hatte Lanz schon mit seiner Begrüßungsanrede ("Strahlend schön wie eh und je ...") deutlich gemacht. Bühne frei für das Verona-Trallala.
Teilweise im Wortlaut mit dem Kerner-Interview identisch durfte die TV-Prominente noch einmal darlegen, wie "super nervös" ihr als MP3-Entrepreneur gescheiterter, dem Verdacht der Insolvenzverschleppung ausgesetzter Gatte Franjo sei, wie viel er abgenommen habe und dass er vor lauter Pein unablässig rauche.
Ergänzt wurden ihre Einlassungen über Unternehmertum im Allgemeinen und den "toughen" Elektronik-Markt im Besonderen durch die Einschätzungen eines Insolvenz-Experten, der ihr Absolution erteilte: Es sei gängig, dass sie als Ehepartnerin nichts von den Schwierigkeiten gewusst habe, und natürlich hafte sie nicht persönlich. Auch für den just auf dem Boulevard zelebrierten Dubai-Urlaub des Paares zeigte der Gutachter Verständnis. Die Lanz-Redaktion entblödete sich nicht, dazu auch noch eine Forsa-Erhebung zu verkünden: 39 Prozent der Befragten, so das beruhigende Ergebnis, glaubten nicht, dass Verona Pooth in die Insolvenzaffäre ihres Mannes verstrickt sei; 71 Prozent gaben an, ihr Verona-Bild sei von der Pleite unbeeinflusst.
"Ich bin ja eh nur ’n Unterhaltungsfaktor", erklärte die Geschäftsfrau da gerührt – eine hübsche Anspielung auf den vom SPIEGEL so benannten und von Lanz mehrfach erwähnten "Verona-Faktor", nach dem die Marke Maxfield mithilfe ihres Namens aufgewertet wurde. Mit solchen Pointen erntete sie Lacher, warmen Applaus und kam davon.
Für die Exegese des Lanz-Auftritts muss das Treffen jedoch nach speziellen Kriterien eingeordnet werden: Schließlich gehörte die effektvolle Feldbusch/Pooth-Befragung seit je zu den Paradedisziplinen des Allround-Moderators Kerner. Man denke nur an die tränenreiche Bohlen-Beziehungsbeichte und das "Brain trifft Body"-Rededuell mit Alice Schwarzer 2001!
Und da Lanz, während sich sein Vorbild zunächst der Fußball-EM und dann den Olympischen Spielen widmen will, schrittweise zum Ersatz-JBK aufgebaut werden soll – bereits im April debütierte er im ZDF mit einer Karlheinz-Böhm-Spendengala, am kommenden Freitag moderiert er seine erste Kochshow – , fällt der Beherrschung der Kern(er)-Disziplinen zentrale Bedeutung zu.
Koch- und Emo-Talk-Schlachtfelder
Doch nicht nur dank der routinierten Verona-Prüfung meisterte der bei RTL-"Explosiv" gestählte Lanz sein Debüt als Kerner, der Zweite, in fast erschreckend cooler Doppelgängermanier: Auch in den nach 30 Pooth-Minuten noch folgenden Gesprächen über Elitekindergärten sowie das Zugunglück von Eschede legte er alle in dem Jobprofil geforderten Qualifikationen an den Tag: keine Scheu vor wohlfeilen Zuspitzungen und abrupten Wechseln – TV-Boulevard eben.
Gegenüber den Begründern des Kita-Projekts "Little Giants", feurigen Propagandisten frühkindlicher Hochbegabtenförderung, gab er sich populär-antielitär ("Rennen im Park, das find’ ich gut"), gegenüber dem Eschede-Überlebenden Udo Bauch dramatisch-empathisch: Es herrschte Totenstille nach dem Crash? "Versuchen Sie das mal zu beschreiben!"
Kaum ein Unterschied war da zu Kerner auszumachen; vielleicht wirkt Lanz sogar ein bisschen unverbrauchter, flotter, weniger devot, wenn er die gleichen Fragen stellt. Einer umfassenden Nachfolge auf allen Koch- und Emo-Talk-Schlachtfeldern scheint nichts im Wege zu stehen. Fast drängen sich eher zu Kerner Fragen auf: Was soll denn nach der Sommerpause aus dem Mann werden? Etwa der neue Thomas Gottschalk? Andererseits wäre Sorge auch nicht angebracht: Schon heute ist er mit einer neuen Auflage der Quizshow "Wie schlau ist Deutschland?" zu sehen.
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- Mittwoch, 04.06.2008 – 09:37 Uhr
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