Bayern Kippa statt Kruzifix!

Während Deutschland gerade über Antisemitismus spricht, kümmert sich CSU-Chef Markus Söder um die Kreuze. Er will sie in jeder Behörde sehen - als Bekenntnis zur bayerischen Identität.

Markus Söder
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Gott segne Twitter! Denn hier spricht die Vernunft. Einen Tag nachdem der bayerische Ministerpräsident sein "klares Bekenntnis zur bayerischen Identität" an die Staatskanzlei "genagelt" und verkündet hat, ab Juni herrsche Kruzifix-Zwang in bayerischen Behörden, geht es ab! "Schade, dass Jesus nicht mit einem Feuerlöscher erschlagen worden ist", schreibt ein Werbetexter namens Peter Breuer. Ein Feuerlöscher wäre wenigstens praktisch in Amtsstuben.

Ein anderer Tweet zeigt eine Fotomontage: Statt eines Kreuzes hängt Söder einen Davidstern an die Wand. "So ist es schon viel besser", schreibt die Urheberin. Und sie hat recht! Die Nachricht aus Bayern ist mehr als grenzwertig in einer Zeit, in der ganz Deutschland über Antisemitismus redet.

Söder und ich kommen aus der gleichen Region, daher müsste der bayerische Obermufti das Folgende eigentlich wissen: In Bayern und besonders in unserer gemeinsamen Heimat Franken gab es früher ein reges jüdisches Leben - bis zur Nazizeit. Hätte Söder seinen peinlich bemühten Wahlkampf vor hundert Jahren geführt, hätte er tatsächlich einen Davidstern aufhängen müssen. Doch dann setzte sich die "deutsche Identität" mit samt ihrem Antisemitismus durch und machte das jüdische Leben platt. So gesehen hat der CSU-Ministerrat recht damit, dass das Kreuz für die "kulturelle Prägung" der Region steht. Nur ist es eben geschmacklos.

Das wollte die CSU bestimmt nicht. Kann ja keiner ahnen, dass die Kippa zum großen Thema wird. Eigentlich wollte die CSU doch nur klarstellen, dass Muslime nicht dazu gehören. Um zu beweisen, dass Juden mit dem Ausschluss gar nicht gemeint sind, erlebt die fragwürdige Formulierung der "christlich-jüdischen Kultur" eine Renaissance.

Söder und das PR-Desaster

Nur: Wo genau findet man sie? Kennen Sie eine Kantine, die koscheres Essen anbietet oder auch nur eine deutsche Behörde, die jüdische Feste feiert? Ich nicht.

Wohlgemerkt, Söder geht in seiner Wortwahl auch nicht so weit, bei ihm wird differenziert: "Wir sind christlich-abendländisch geprägt mit jüdisch-humanistischen Wurzeln." Nach der Ankündigung von Dienstag wird klar, was das politisch heißt: Juden und Humanisten werden hier und da mal erwähnt, ihre Symbole werden aber nicht in die Eingangshallen genagelt.

Bei Söder fragt man sich unweigerlich: Wer berät diesen Mann? Nicht nur die draculahafte Inszenierung mit dem urigen Kreuz, die Söder von sich gepostet hat, ist ein PR-Desaster.

Auch die Erklärung der Staatskanzlei liest sich eher wie Realsatire denn als ernst zu nehmende Politik: "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen."

Ich übersetze das mal kurz: Ab dem 1. Juni ist das Kreuz kein christliches Symbol mehr. Es ist ein patriotisches Abzeichen. Und wehe, ein Amt hängt es in einer schlecht belichteten Ecke auf! Das wären Staatsverräter!

Das Kruzifix-Urteil

Warum das Jesuskreuz plötzlich nicht mehr den Christen gehören soll, ist nachvollziehbar. Es ist der Versuch des Ministerrats, nicht in die Illegalität abzurutschen. Denn Söder und seine Posse ist alt genug, um sich an das Kruzifix-Urteil zu erinnern. Das Bundesverfassungsgericht hat sich 1995 gegen das Recht ausgesprochen, Kreuze in bayerischen Klassenzimmern aufzuhängen.

Laut Verfassung gelte eben "der Grundsatz staatlicher Neutralität gegenüber den unterschiedlichen Religionen und Bekenntnissen". Und als hätten die Richter geahnt, dass die CSU das Kreuz einfach umdeuten könnte, wird extra erläutert: Das Kreuz ist "das markante Symbol und Repräsentationsmerkmal der Religion des Christentums".

Die bayerischen Minister klauen also nicht nur den Christen ihr Markenzeichen, sie widersetzen sich auch der Judikative. Das nenne ich konservative Revolution!

Blöd nur, dass die CSU damit ausgerechnet jene gegen sich aufwiegelt, die sie qua Parteinamen auf ihrer Seite wissen will. Der katholische Studierendenpfarrer Burkhard Hose bittet Ministerpräsident Söder in einem Offenen Brief: "Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam." Er habe mit vielen Christen gesprochen, die es "als Heuchelei" empfinden, wie Söder öffentlich über das Christentum rede.

Auch auf dem Internetportal der katholischen Kirche wird vehement protestiert: Das Kreuz sei nicht "irgendein Symbol für einen Staat oder die Geschichte eines Volkes, oder gar ein Emblem einer Leitkultur." Die bayerische Staatsregierung betreibe eine "blasphemische Profanierung".



insgesamt 231 Beiträge
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hausfeen 25.04.2018
1. Als bayerischer MP hat man offensichtlich zu wenig zu tun.
Aber hat einer mal dem armen gelangweilten Mann erklärt, dass der typische AfD-Wähler auf das Kreuz pfeift? So klappt das mit der Rückholung des rechten Randes jedenfalls nicht.
lagioconda 25.04.2018
2. Auch im Freistaat sind Staat und Religion getrennt
In einem säkularen Staat gehören religiöse Symbole nicht in öffentliche Gebäude. Befremdlich, dass man das überhaupt betonen muss. Genauso wie ich verschleierte Richterinnen und Lehrerinnen ablehne, bin ich gegen den Missbrauch christlicher Symbole für den Parteiwahlkampf.
foskolo 25.04.2018
3. Vergaloppiert
Und das alles um die Wahl im Herbst zu gewinnen. Dazu gehört übrigens auch die Ausstellung "Mythos Bayern" die rein zufällig auch dieses Jahr läuft und im Herbst endet. Ich glaube, Söder und die CSU unterschätzen die Intelligenz der eigenen Wähler. Das geht nach hinten los.
skeptikerjörg 25.04.2018
4. Unterste Schublade
Die christliche Religion und ihr wichtigstes Symbol (neben dem Fisch) für parteipolitische, propagandistische Wahlkampfzwecke zu missbrauchen, ist unterste Schublade. Und "Wir sind christlich-abendländisch geprägt mit jüdisch-humanistischen Wurzeln" enthält auch eben die wichtige Prise versteckten Antisemitismus, um bei den ganz Rechten punkten zu können. Ich bin so gut wie nie mit Christian Lindner einig, aber hier hat er Recht: Markus Söder gibt den Recep Tayyip Erdoğan. Aber vielleicht ist das ja gewollt, Viktor Orbán ist schließlich auch einer seiner besten politischen Freunde. Seehofer lag doch nicht so falsch, dass er Markus Söder verhindern wollte.
SethSteiner 25.04.2018
5. Religiöser Fanatismus
Um nichts anderes handelt es sich hier. Was für eine Heuchelei, auf der einen Seite den Islam angreifen und vor seinem Einfluß warnen, auf der anderen Seite die Trennung von Religion und Staat für das Christentum aufweichen und insgeheim damit natürlich jeden anderen Glauben bekämpfen wollen. Islamisten und radikale Christen sind dasselbe Pack aber das ist eben das was man kriegt, wenn man religiöse Parteien zulässt und Religionsfreiheit hat, es wird nur für Missionierung und Machterhalt ausgenutzt zu werden.
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