Marlene Dietrich und Remarque: "Madonna meines Blutes"
Von 1937 bis 1940 waren der Schriftsteller Erich Maria Remarque und die Schauspielerin Marlene Dietrich ein Paar. Ihr Briefwechsel, jetzt erstmals veröffentlicht, zeigt den Autor des Bestsellers "Im Westen nichts Neues" als Schwärmer, der die schwierige Beziehung verklärte.
Verklärte Verliebtheit: Schriftsteller Erich Maria Remarque
Es war, kein Zweifel, eine große Liebe, und wie jede große Liebe zerfraß sie das Leben der Liebenden mit den maßlosen Ansprüchen, die sie stellte. Sie war Drama und Ekstase, Qual, Raserei und Sehnsucht, Alltagsplackerei, Selbstkasteiung, Bosheit und selbstvergessener Rausch.
Jenen Abend im September 1937, an dem er sich an Marlene Dietrich verlor, hat der Schriftsteller Erich Maria Remarque später in einem Brief an seine ferne Geliebte beschworen: "Doch dann, am Lido das erste Wort und deine erste Frage, als wir tanzten wozu wollen wir uns wehren, es war ein Blitz, ein Wetterleuchten, weit her aus den Zeiten vor uns."
Das Wetterleuchten hielt drei Jahre an. Von der Beziehung, die schließlich in eine Freundschaft mündete, zeugen rund 300 erhaltene Briefe, die Remarque seiner Angebeteten schickte von Marlenes Depeschen sind dagegen nur rund 20 erhalten, allesamt aus der Zeit nach der Liebesbeziehung, denn ihre anderen Schreiben wurden von Remarques späterer Ehefrau, der Schauspielerin Paulette Goddard, zerstört. Doch selbst der hier erstmals dokumentierte Dietrich-Brief von 1945 lässt erahnen, wie innig das Verhältnis der ungleichen Liebesleute einst gewesen sein muss.
Anhand einer Auswahl aus diesem bislang unbekannten Briefwechsel lässt sich jetzt nachlesen, wie Remarque die Dietrich umwarb und becircte, sie anschmachtete, verklärte und mit immer neuen Wortexplosionen in Bann zu schlagen suchte.
Sie war sein "süßestes Herz, blauester Traum, Geleucht über allen Wäldern", sein "kleiner, süßer Affe", sein "kleiner, blonder, melancholischer Panther aus dem Zoo", sein "süßer Regenbogen vor dem abziehenden Gewitter meines Lebens". Als "goldenes Gewölk im Abend" umgurrte er sie, als "Delphin am Horizont, du mit den Taubenfüßen, leuchtendes Gespinst"; als "süßes Nordlicht, Flamme über dem Schnee" besang er sie, als "Engel, Blitz der Verkündigung, Madonna meines Blutes, ach ich will hinaus und fahren und dich suchen auf allen Straßen".
Remarques schwärmerische Gegenwelt lag weitab von Wirklichkeit und Zeitgeschehen. Der Autor hatte einen gigantischen Briefausstoß: Schriftwechsel mit mehreren tausend Adressaten sind verbürgt. Geschmeidig passte sich Remarque den Erwartungen der Empfänger an; selten aber war seine Verwandlung so dramatisch wie bei der Dietrich-Korrespondenz, in der außer Anbetung kaum etwas Platz fand.
Fast keine Spur findet sich im Papieridyll von den dramatischen Umbrüchen jener Jahre: Remarque selbst, der seit Anfang der dreißiger Jahre seinen Wohnsitz im Schweizer Porto Ronco hatte, wurde im Juli 1938 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, weil sein Werk das Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs verunglimpfe, und floh unmittelbar bei Kriegsausbruch in die USA zur Dietrich.
Kein Wort darüber in den Briefen, kein Wort auch zu Hitler, der in Remarques Tagebüchern durchaus auftrat: Vom "Privatkrieg eines Deklassierten" ist dort am Tag nach dem "Anschluss" 1938 zu lesen. "Damit man in Braunau gezwungen wird, anders über ihn zu denken." An die Dietrich aber schrieb Remarque in jenen Tagen, er wisse noch, dass sie bei ihrem ersten Treffen "ein hellgraues Kostüm mit sehr geraden Schultern" trug, und "ich passe doch sonst auf so etwas überhaupt nicht auf".
Teilweise ist diese Weltlosigkeit damit zu erklären, dass die Liebenden sich häufig sahen, einander kabelten und Ferngespräche führten ("Herr Jesus, wenn man durchs Telephon vögeln könnte! Das wäre ein Fortschritt."). Vor allem aber wirkt es, als wolle Remarque alles Schäbige, Hässliche aus dem Paradiesgärtchen fern halten, das er in seinen Briefen bestellt.
Ihre Liebhaber brauchten ein strapazierbares Fell: Marlene Dietrich als Lola-Lola in Josef von Sternbergs "Der blaue Engel"
"Ich glaube, wir sind einander geschenkt und gerade zur rechten Zeit", schrieb er an Marlene, wenige Monate nach ihrem Treffen. "Wir hatten uns bitter nötig beide. Wir hatten viel zu viel Vergangenheit und überhaupt keine Zukunft." Doch die Zukunft der Beziehung wurde hart. Auch die private Realität der Eifersucht, Kräche und Abstürze fehlt in den Briefen, von wenigen Andeutungen abgesehen. Längst nannte er sie zärtlich-bewundernd "das Puma", klagte im Scherz: "Ich sei zerschrammt, meint ihr, an der Stirn klaffe ein Riß, und ein Büschel Haare fehle mir auch? Man lebt nicht umsonst mit Pumas, Freunde! Sie kratzen manchmal, wenn sie streicheln wollen, und selbst im Schlaf kann man eins abkriegen!"
Jeder Liebhaber Marlenes brauchte ein strapazierfähiges Fell, denn sie umgab sich mit einem Tross, dem (aus ihrem Bett seit langem verstoßenen) Gatten, dessen Geliebter und der Tochter Maria. "Es gibt keine Liebe mit Familienanschluß", seufzte Remarque im Tagebuch. "Es tötet das Fliegende, es macht mich verstaubt und grau."
Dazu stießen wechselnde Lover. 1938 musste Remarque Marlenes wieder aufflammende Affäre mit Filmstar Douglas Fairbanks Jr. ertragen, später ihren Sommerflirt mit der kanadischen Milliardärin Jo Carstairs. "Los vom Puma! Los, Los!", beschwor er sich im Tagebuch, seiner papiernen Klagemauer, im Herbst 1938. Aber wenige Wochen darauf schrieb er dem "süßen Morgenstern über zerschossenen Wäldern", es gebe "kein Unglück mehr, denn du bist ja da".
Remarque versuchte zu schreiben, soff und litt. Er sei "nicht an Marlene Dietrich zerbrochen", urteilt sein Biograf Wilhelm von Sternburg, "aber diese Beziehung hat ihm bittere Stunden beschert und sein Künstlertum für einige Jahre fast blockiert. Er fühlte das Unwürdige seines Verhaltens und verachtete sich deswegen."
Ende 1940 brach die Liebesgeschichte ab laut Remarques Tagebuch mit "gegenseitigem Türengeballer". Eine Freundschaft aber blieb. "Sei ein Engel u. beglücke mich noch einmal ... mit einer Ladung Kalbfleisch und Reis", bat der Dichter die Dietrich im April 1949; sie schrieb zurück: "Mein Pressurecooker ist kaput gegangen deshalb so spät. Küsse Puma. Dreh oberen Deckel nach rechts zum öffnen."
Aus der Poesie war Prosa geworden.
Die Dietrich-Tochter Maria Riva erinnerte sich an ein Gespräch mit Remarque, in dem sie ihm gestand, dass sie ihre Mutter nicht liebe. "Das musst du aber", antwortete er. "Sie liebt dich so, wie sie die Liebe versteht. Nur liegt ihre Drehzahl bei tausend Umdrehungen pro Minute, während wir uns mit hundert begnügen. Wir brauchen eine Stunde, um sie zu lieben, doch sie liebt uns in sechs Minuten genauso."
SUSANNE WEINGARTEN
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