"Marleni" Golden Girls mit Vergangenheit

In ihrem Theaterdebüt inszeniert Jungdramatikerin Thea Dorn ein Treffen der beiden deutschen Jahrhundert-Diven Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl. Am Sonnabend feierte das Stück Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus.

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Die fragile Marlene und die grotesk vitale Leni raufen ...
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Die fragile Marlene und die grotesk vitale Leni raufen ...

Es ist der 5. Mai 1992, die Nacht in der Marlene Dietrich in ihrem Pariser Appartment starb. Ausgerüstet wie Bergsteiger Reinhold Messner klettert eine Frau über den Balkon herein. Sie hat ein Lichtmessgerät und eine Kamera dabei, ihr toupiertes Haar muss früher einmal blond gewesen sein. In dem Bett mitten im Zimmer liegt ein Haufen Elend unter speckigen Wolldecken, entstellt, verwahrlost, fast glatzköpig. "Entsetzlich", keift die Fassadenkletterin. "Nazinutte", schimpft die Bettlägrige. "Amihure", schallt's zurück - der Schlagabtausch der beiden deutschen Diven beginnt.

Früher waren Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl blond, berühmt und in Deutschland für ihre Filme nicht immer sehr beliebt. Und doch könnten sie gegensätzlicher nicht sein: Das unverbesserliche Naturkind mit Hang zu braunen Uniformen und der antifaschistische, blaue Engel. Auf der Kantinen-Bühne des Hamburger Schauspielhauses aber geben beide das ideale Paar. So ideal, dass "Frankenstein und sein Monster vor Neid erblast wären". Zusammen wollen sie einen Film drehen. Beider letzter und bester, "Penthesilea" nach Kleist - mit Leni als Regisseurin und Marlene als Krieger-Königin.

Sie tauschen sich aus über Blasenprobleme, die Liebe und den Krieg, machen Amazonengymnastik und kiechern über Texte, die ihnen einst die Männer vorschrieben. Gemeinsam träumen sie von ihrer Rückkehr nach Berlin, beider Rachefeldzug gegen fünfzig Jahre der Mißachtung. Am Ende sind beide Schwestern und eine ist tot.

... sich zusammen: Am Ende sind sie Schwesten, und eine ist tot
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... sich zusammen: Am Ende sind sie Schwesten, und eine ist tot

Thea Dorns Theaterdebüt ist ein Stück voll beißender Situationskomik und weit mehr als gutgemachtes Boulevard-Theater. Penibel recherchierte die 29-jährige Autorin, die nachts vielbeachtete Kriminalromane schreibt und tagsüber an der Berliner Humboldt Universität Philosophie lehrt, in Biografien und Interviews der Filmstars. Das Ergebnis: Intelligent zugespitzte Zeitgeschichte über Politik, Frauenrollen und Filmkunst und eine atemberaubende Version von Golden Girls mit deutscher Vergangenheit.

Nach erfolgreichen Lesungen in Berlin und Hamburg besorgte Regisseur Jasper Brandis jetzt die Uraufführung. Trotz der Schauspielhaus-Stars Ilse Ritter (gibt Marlene als zotenreißende Berliner Göre mit rauchiger Stimme) und Marlen Diekhoff (als Leni zwischen Realität und Verklärung) fehlte ihm der Mut zur Stilisierung. Zu zaghaft spielt er mit dem durchgeknallten Glamour der zwei klapprigen Alten.

Nicht die Inszenierung, wohl aber das Stück, soviel steht fest, wird an den Theatern die Runde machen. Schon ist es in sechs Sprachen übersetzt, schon interessieren sich mehrere Häuser für die Aufführungsrechte. Nicht nur weil nächstes Jahr Marlenes 100. Geburstag gefeiert wird und in zwei Jahren Lenis.



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