Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sexualität in Marokko: "Die Frau ist Eigentum"

Marokkanerinnen in Rabat: "Benachteiligungen in jeder Hinsicht" Zur Großansicht
AP

Marokkanerinnen in Rabat: "Benachteiligungen in jeder Hinsicht"

2. Teil: "Hass wird nicht durch noch mehr Hass gelöst"

Die Feministin Mona Eltahawy erläutert in ihrem Buch "Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt", was die Rettung für diese Länder sein kann. Sie schreibt unter anderem, dass sie durch das Trauma, wie Männer in Ägypten und Saudi-Arabien mit Frauen umgehen, zum Feminismus getrieben wurde. Feministin sein ist nahezu eine Notwendigkeit geworden, um in der arabischen Welt überleben zu können. Es muss sich etwas ändern, und nur Feministen können das bewirken.

In dem Kapitel "Warum sie uns hassen" schreibt Eltahawy, die in ihrer Untersuchung Länder von Marokko bis Saudi-Arabien betrachtet:

"Grundsätzlich gibt es nichts zu beschönigen. Wir arabischen Frauen leben in einer Kultur, die uns grundsätzlich feindlich gegenübersteht und die geprägt ist von der Verachtung der Männer. (…) Wir haben keine Freiheiten, weil sie uns hassen, (…). Der islamische Hass auf Frauen glüht in der gesamten Region - heute mehr denn je (…). Eine Untersuchung der VN im Jahre 2013 ergab, dass 99,3 Prozent der ägyptischen Frauen auf der Straße sexuell belästigt werden. Männer begrapschen und beleidigen uns, und doch gibt man uns die Schuld, weil wir zur falschen Zeit am falschen Ort waren und auch noch die falschen Kleider trugen (…). Familien erlegen ihren Töchtern eine Ausgangssperre auf, damit diese nicht überfallen oder vergewaltigt werden. Und den Männern sagt niemand, sie sollen uns nicht überfallen oder vergewaltigen? (…) Aus diesem Grunde prangere ich das giftige Gebräu aus Kultur und Religion an. Ob die Politik mit Religion oder militärischer Macht vermischt ist: Gemeinsamer Nenner ist die Unterdrückung der Frau."

Für Sexismus ist nicht Rassismus die Lösung

Es ist nicht das erste Mal, dass ich solche Vorfälle beschreibe, und auch nicht das erste Mal, dass ich über die erbärmliche Stellung der Frau in Marokko oder anderen arabischen oder arabisierten Ländern schreibe. Und ich bin keineswegs die Erste. Mona Eltahawy ging mir voran, aber auch Nawal El Saadawi und die letzten November verstorbene Fatima Mernissi stritten und streiten jahrein, jahraus für die Gleichberechtigung der Frau, überall, aber insbesondere in der islamischen Welt.

Die Emanzipation der Frau in der islamischen Welt ist ein empfindliches Thema, mit dem wir nicht leichtfertig umspringen dürfen. Nicht zuletzt, weil das Thema mit spielender Leichtigkeit durch die extreme Rechte gekapert wird als angebliche Untermauerung ihrer Auffassungen. Sie steht bereit, jeden in die eigenen Reihen einzugliedern, der behauptet, dass daran, wie Männer in der arabischen Welt mit Frauen umgehen, etwas verkehrt ist. Und darum halten viele Frauen eisern den Mund. So auch nach den Ereignissen in Köln am Silvesterabend. Dabei gilt aber: Hass wird nicht durch noch mehr Hass gelöst, Konservatismus ist nicht durch noch mehr Konservatismus zu lösen. Für Sexismus ist Rassismus nicht die Lösung. Wer wirkliche Veränderungen in der arabischen Welt will, muss Feministen Raum geben.

Aber nicht, ohne sich bei den unzähligen überwiegend syrischen Flüchtlingen zu entschuldigen, denen die Ereignisse in Köln nun angehängt werden. Die Flüchtlinge, die von allen aufs Kreuz gelegt werden. Einerseits vom Assad-Regime und dem dort kämpfenden IS, andererseits von den Sexualtätern und den rechten Ausländerfeinden, die jetzt in jedem mit einem syrischen Pass einen potenziellen Vergewaltiger oder Terroristen sehen.

Übersetzung: Christiane Zwerner

Der Gastbeitrag von Hasna El Maroudi erschien zuerst auf der niederländischen Plattform joop.nl. Er ist der vierte Teil einer Serie von SPIEGEL ONLINE, in der Perspektiven auf Islam und Sexualität beleuchtet werden.

Im ersten Teil sprach die Wissenschaftlerin und Publizistin Shereen El Feki darüber, welche Lebensumstände sexualisierte Gewalt begünstigen.

Im zweiten Teil argumentierte die Harvard-Professorin Leila Ahmed, dass Frauenrechte seit der Kolonialzeit für Unterdrückung instrumentalisiert werden.

Im dritten Teil analysierte die Autorin und Wissenschaftlerin Miral-al-Tahawy, wie der Frauenkörper immer wesentlicher Bestandteil politischer, sozialer und religiöser Konflikte in der arabischen Kultur war.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Sexualität und Islam


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: