Zwillings-Porträts von Martin Schoeller: Schau mich an!

Von Johan Dehoust

Gleich und doch anders: Die Bilder von Zwillingen, Drillingen und Vierlingen, die der Fotograf Martin Schoeller für seinen Bildband "Identical" aufgenommen hat, irritieren. Woran macht man fest, dass ein Mensch einzigartig ist, wenn er haargenau aussieht wie ein anderer?

Porträt-Fotografie: Schau mich an! Fotos
teNeues / Martin Schoeller

Augen, Nase, Mund, Augen, Nase, Mund, Augen, Nase, Mund: Wenn man Danielle und Chantelle anschaut, fokussiert man ihre Gesichter länger, als es gewöhnlich der Fall ist. Ganz automatisch. Denn die Zwillingsschwestern sehen nahezu identisch aus. Aber: Eben nur nahezu. Obwohl sie sich beide offensichtlich darum bemühen, möglichst neutral in die Kamera von Martin Schoeller zu blicken, ist da irgendetwas. Es führt dazu, dass man Danielle für in sich gekehrter und Chantelle für angriffslustiger halten kann. Nur was?

Genau diese Irritation will der Fotograf Schoeller auslösen, das schreibt er im Begleittext zu seinem Fotoband "Identical: Portraits of Twins". Der in den USA lebende Künstler hat für sein beeindruckendes Buch Bilder von 51 Zwillingen, Drillingen oder Vierlingen gemacht. Auch von Danielle und Chantelle, den 25 Jahre alten, dunkelhäutigen Schwestern, die sich mit ihren fransigen Ponys und ihren fast schwarzen Auge so sehr gleichen.

Die 34 mal 27 Zentimeter großen Close-ups zeigen Menschen ganz unterschiedlichen Aussehens und Alters: Pausbäckige Mädchen, Bubis mit Irokesenschnitt und dauergewellte 70-Jährige. Die Geschwister schauen einen als Betrachter stets nebeneinander an - handelt es sich um Drillinge oder Vierlinge, lassen sich Seiten über den Buchrand hinaus ausklappen. Ihr Blick wirkt dabei starr, kein breites Grinsen und keine Faxen. So wie es Schoeller auch schon bei seinen Porträts bekannter Persönlichkeiten wie Barack Obama, Angela Jolie oder Jack Nicholson gehalten hat.

Das Zusammenspiel von Gut und Böse

Gerade diese eindringliche Reglosigkeit in den Gesichtern der Fotografierten sorgt dafür, dass man den Blick nicht von ihnen wenden kann. Und das, obwohl die Faszinationskraft, die von eineiigen Geschwistern ausgeht, uralt ist. In vielen Kulturkreisen gelten sie von jeher als das Zusammenspiel von Gut und Böse, von Licht und Schatten. Und die Literatur ist voll von Zwillingspärchen, allen voran Erich Kästners "Doppeltes Lottchen" und Enid Blytons "Hanni und Nanni".

Auch für Wissenschaftler sind sie seit jeher interessant: Wenn im US-amerikanischen Twinsburg jährlich eines der weltweit größten Zwillingstreffen stattfindet, lauern sie dort überall. Sie versuchen, ihre neuesten Erkenntnisse an genetisch identischen Menschen zu testen. Kriminologen ihre Gesichtserkennungsmaschinen. Pharmakologen Medikamente. Psychologen ihre Theorien zu Persönlichkeitsentwicklungen.

Auch Schoeller, vor 44 Jahren in München geboren, war in Twinsburg. Und ihm sind - der Weitläufigkeit seines Themas zum Trotz - einprägsame Porträts gelungen. Durch das Hin- und Hergeschaue in den Gesichtern der abgebildeten Doppelgänger wird einem klar, was sonst viel schneller und unbewusster passiert: Man überfliegt sein Gegenüber und bildet sich sogleich ein, dadurch etwas über seinen Charakter zu wissen.

Diese schmerzhafte Oberflächlichkeit lässt Schoeller einen spüren. Wenn einen mehrere fast identisch aussehende Personen anstarren, dann fehlt plötzlich der innere Katalog, nach dem man ihre Gesichter überfliegen und interpretieren kann. Das kann heilsam wirken, aber auch Angst machen. Was, wenn wir alle gar nicht so einzigartig sind, wie wir immer glauben? Wie werden die Folgen einer fortschreitenden Klon-Medizin aussehen?

Zu Beruhigung: So wie bei Danielle und Chantelle entdeckt man in allen abgebildeten Gesichtern noch einen besonderen Ausdruck. Man kann eben nur nicht benennen, woran das liegt - ob am Abstand zwischen Mund und Nase oder dem zwischen Augenbrauen und Haaransatz.

Ein Charakter lässt sich mit keinem Raster erfassen, das ist die letztlich doch erfreuliche Botschaft, die die Porträts vermitteln.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Wahnsinn....
kanzlerkandidat 29.01.2013
Wie unterscheiden sich solche eineiigen Zwillingen unter sich? :-)
2. optional
hubie 29.01.2013
Eineiige Zwillinge müssen sich gar nicht unterscheiden können, wenn sie nicht gerade in den Spiegel schauen, dann sehen sie sich nur einmal selbst.
3. Kein Problem
georgius1 29.01.2013
Zitat von kanzlerkandidatWie unterscheiden sich solche eineiigen Zwillingen unter sich? :-)
Sagt der eine Zwilling zum anderen Zwilling: "Ich bin ich und Du bist Du!" :-) Fuer Aussenstehende ist es u.U. nicht ganz so einfach. Die beiden Gesichter auf dem Bild ueber dem Artikel sind aber kein so gutes Beispiel. Das rechte Gesicht unterscheidet sich vom linken: die Augen sind anders die Nase ist weniger dick die Wangen sind am Kieferknochen zum Kinn hin staerker eingefallen die Lippen sind nicht ganz so dick Der Unterschied ist also in einigen markanten Punkten schon recht deutlich. Sieht fast nach gutem Photoshop aus. :-) Und wenn man mal mit Beiden Sex gehabt hat, dann kann es sein, dass man die sogar nocht mit verbundenen Augen unterscheiden kann. :-) Huch.....war das jetzt sexistisch ?? :-)
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