SPD im Schulz-Taumel Die ausgehungerte Partei

Bedürftigkeit ist keine gute Grundlage für eine Beziehung. Trotzdem stürzt sich die SPD auf Martin Schulz wie ein langjähriger Single auf einen heiratswilligen Partner. Was lieben die Genossen so an ihm?

SPD-Sonderparteitag in Berlin
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SPD-Sonderparteitag in Berlin

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Ich würde mich gern in Martin Schulz verlieben. Ernsthaft. Also verlieben im politischen Sinne: meine Hoffnung in ihn setzen, von seinen Reden elektrisiert werden, aufbrechen zu etwas Neuem. Es klappt nicht. Ich habe mir stundenlang Schulz-Reden auf YouTube angeguckt, das Schulz-Zug-Lied auf Repeat gehört und das Schulz-Zug-Spiel gespielt. Mein Körper ist bereit, aber der Funke springt nicht über. Ohne eine einzige emotionale Regung starre ich im SPD-Onlineshop auf den Pappaufsteller von Martin Schulz, 180 mal 60 Zentimeter, 49,90 Euro, lieferbar ab Anfang April. Nichts. Nicht obenrum, nicht untenrum, und dazwischen auch nicht. Warum?

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Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Als in Kanada der Hype um Justin Trudeau losging, haben sich hierzulande ja einige gefragt, wer in Deutschland ähnlich viel Begeisterung auslösen könnte. Aber niemand wäre auf diese Mischung aus Mathelehrer und Wurstverkäufer gekommen, für den sie jetzt applaudieren, weil er sagt: "Ich möchte, dass der einzelne Mensch Respekt bekommt", obwohl das doch irgendwie klar ist, eigentlich.

Die Euphorie anderer Leute ist ja von außen oft schwer nachzuvollziehen, egal, ob es sich um die erste Kinderkacke, um Katzenfotos oder Kanzlerkandidaten handelt. Die einen rufen: "Ja, schau doch nur!", und die anderen denken: "Aha." 13.000 Leute sind seit Jahresanfang in die SPD eingetreten, dreizehnfuckingtausend. Irgendwo habe ich in einem der vielen Schulz-Hype-Berichte eine Frau davon schwärmen hören, dass es ja so günstig sei, in die SPD einzutreten, aber günstig ist auch H-Milch von Aldi, und für die klatscht niemand.

Etwas scheint faul am Schulz-Jubel. Die gesamte SPD wirkt zurzeit wie diese Leute, die jahrelang unfreiwillig Single waren, die in zunehmender Verzweiflung auf der Suche waren, und die dann eines schönen Frühlings plötzlich, emotional völlig ausgehungert und nur durch das Probe-Abo einer Partnerbörse beflügelt, jemanden finden, der diesmal wirklich der Richtige ist und der sie auf einem weißen Pferd respektive Schulz-Zug ins Land ihrer Träume geleiten wird, von dem sie dann aber auch ununterbrochen sprechen. Und der allen Umstehenden schon sehr bald gehörig auf den Sack geht, weil zwar vieles im Leben durchs Teilen schöner wird, aber Notgeilheit nicht.

Eine Umleitung namens Martin

Dabei ist an Martin Schulz im Grunde nichts so völlig verkehrt. Verdächtig sind nur die, die verzückt erbeben, wenn er davon spricht, dass er da sein will für die "hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten". Das soll es sein? Fleißbienchen für Leistung und Regelkonformität? Ist es das, was die Leute euphorisiert? Der Arbeitslose, der vormittags bei Rot über die Straße geht, weil eh kein Auto kommt, wird vom Schulz-Zug überrollt, er erfüllt die Kriterien nicht, Glück auf.

Der Spruch, den sie sich bei der SPD auf die Schilder schreiben, ist wenig überzeugend. "Jetzt ist Schulz", was ist denn das für ein Statement? So sexy wie "Der Nächste bitte" im Wartezimmer beim Hautarzt.

Schulz sei so menschlich, heißt es, so authentisch. Er sei ein einfacher Mann, der auch die harten Seiten des Lebens kennt. Aber das trifft auf die allermeisten Männer zu. Wer menschliche Männer sehen will, die auch die harten Seiten des Lebens kennen, muss nicht auf Martin Schulz warten, sondern kann auch U-Bahn fahren oder vielleicht einfach in den Spiegel gucken. Vielleicht ist es ja genau das. Schulz ist so greifbar. Die Brille, der Dialekt, der Name. Tausende deutsche Frauen müssten im Falle einer Hochzeit nicht mal über eine Namensänderung nachdenken, weil sie eh so heißen, und die Männer, die Schulz zujubeln, sehen vielleicht einfach sich selbst in Schulz oder ihren Bruder, aber keine Konkurrenz. Sie alle sind vielleicht nicht unbedingt berauscht von Schulz, sondern von sich selbst, über eine Umleitung namens Martin.

Und das ist natürlich dann doch wieder rührend. Neulich war in einem "SPIEGEL"-Porträt über Matthias Schweighöfer zu lesen, wie er beim Hören seines eigenen Songs in Verzückung gerät: "Ist das schön! Fuck! Unglaublich! Wahnsinn! Toll! Oh Gott!" Ist das nicht genau das, was die SPD gerade tut? Sich heftig selber lieben? Ach, ich würde es niemandem ausreden wollen. Hände waschen und weiter geht's.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
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Seite 1
yshitake 21.03.2017
1. Wo Schulz der Messias ist
möchte ich kein Gläubiger sein. Ich gebe Ihnen ausnahmsweise vollkommen recht: Ausgehungert ist der richtige Begriff für diese SPD. Ich bin vor lauter Fremdscham ganz überwältigt wenn ich sehe wie dieser Schulz vollkommen grundlos von seinem Gefolge angehimmelt wird. Die Jahre mit Steinbrück, Steinmeier und Gabriel müssen ja wirklich sehr hart für die Basis gewesen sein. Besserung ist aber kaum in Sicht. Da hätten die besser noch den Scharping wieder ausgegraben, wäre um einiges authentischer gewesen.
gaxe04 21.03.2017
2. Auch das noch
Jetzt muss also auch noch Stokowski über Schulz und die SPD herziehen. Wo waren diese Leute eigentlich die vergangenen mehr als 10 Jahre in denen Merkel uns eingelullt hat? Da haben Sie brav ihr Schandmaul gehalten. Und jetzt kommen sie aus ihren Löchern. Woran liegt das? Angst um die eigenen Pfründe?
boingdil 21.03.2017
3. Sehr schön analysiert
Bis jetzt war doch das Positivste an Schulz das er nicht Gabriel ist. Für viele wird entscheidend sein, dass er nicht Merkel ist. Wer ist er aber? Außer der - immerhin positiven - Tatsache dass er überzeugter Europäer ist gibt es da noch nichts konkretes. Nur ein bisschen lauwarmes sozialdemokratisches Reib-auf-Seele. Das ist mir viel zu wenig.
zeichenkette 21.03.2017
4. Man nennt das
Die Menschen suchen nach jemandem, auf den sie ihre Hoffnungen projizieren können und Martin Schulz ist da in mancher Hinsicht ein geeigneter Kandidat. Ob er da selber etwas bewirkt oder nicht, es da gar nicht so wichtig, allein die Tatsache, dass sich da etwas in Bewegung setzt, kann Dinge ändern. In der Chemie nennt man das Katalysator. Aber Schulz ist für viele ein Symbol, auch für Europa, das die meisten eben nicht abgeschrieben haben. Und jemand, der den Politikbetrieb in Europa kennt, ist geradezu das genaue Gegenteil von Leuten wie Trump, denen nichts anderes übrigbleibt als Lobbyisten zu Ministern zu machen, weil sie in der Politik völlig unvernetzt sind. Und dann gibt es noch Leute, die sich durchaus an Zeiten erinnert haben, als die SPD sinnvolle und mutige Politik gemacht haben. Das war natürlich vor dem Ausverkauf durch Schröder...
AllesKlar2014 21.03.2017
5. Viel Schein..wenig Inhalt
Sehe ich auch so. Die Analyse greift jedoch viel zu kurz. Schulz vermittelt Empathie und das Gefuehl, sich fuer irgendetwas volksnahes einzusetzen. Und er ist ganz einfach ein Mann. Dieses riesige Vakuum hat Fr. Merkel und ein Berlin hinterlassen, das mit Volk alles meint, nur nicht die Waehler. Die Sehnsucht endlich mal eine Alternative zu finden, blendet alles inhaltliche aus und sollte den etablierten Berliner Auslaufmodellen und Parteien..dazu zaehle ich auch die SPD...zu denken geben.
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