iPhone-Fotografin Holmberg "Unperfektes berührt uns mehr"

Zuerst hielt sie das iPhone für ein Spielzeug - jetzt veröffentlicht die junge Schwedin Martina Holmberg einen Ratgeber für Fotografie mit dem Apple-Handy. Im seen.by-Interview spricht die Fotografin über ihr Buch und ihre eigenen Bilder.

Martina Holmberg

SPIEGEL ONLINE: Frau Holmberg, zuerst waren Sie iPhone-Ignorantin, jetzt sind Sie Autorin des Buches "60 Tipps für kreative iPhone-Fotografie". Wie kam das?

Holmberg: Anfangs war ich sehr skeptisch. Ich hielt das iPhone für ein Spielzeug und nicht für eine Kamera, und schließlich bin ich professionelle Fotografin und kein Technik-Nerd. Das Objektiv lässt sich nicht wechseln, die Auflösung ist relativ gering - wie sollte man da gute Bilder machen? Aber nach den ersten paar Tagen und den ersten paar hundert Fotos hat es mich gepackt. Ich war so begeistert wie zu meiner Anfangszeit als Fotografin.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihre Begeisterung geweckt?

Holmberg: Man kann das iPhone einfach mit sich herumtragen. Und man muss sich keine Sorgen um die Technik machen, sondern kann sich auf das Motiv konzentrieren. Mit den Apps ist es sehr einfach, den Bildern unterschiedliche Stimmungen zu verleihen, den Ausdruck zu variieren oder zu verstärken. Damit experimentiere ich gerne.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht man auf Ihren Fotos. Vom Schatten, den Ihre Beine werfen, über eine kleine Vogelleiche bis hin zum Porträt - jede Aufnahme hat ihren eigenen Charakter. Welche Tipps können Sie anderen iPhone-Fotografen geben?

Holmberg: Vor allem: Ausprobieren und Spaß haben. Es gibt so viele Apps. Man muss die finden, mit der man das ausdrücken kann, was man sagen will. Sonst wird es zur Effekthascherei. Wer seinen eigenen fotografischen Blick entwickeln will, nimmt sich am besten jeden Tag ein Thema vor. Zum Beispiel: Heute geh' ich raus und fotografiere nur Schatten. Das klingt vielleicht langweilig, aber dadurch wird das Auge geschult.

Fotostrecke

6  Bilder
Kreative iPhone-Fotografie: "Man muss nur die richtige App finden"
SPIEGEL ONLINE: Man sollte nicht einfach nur drauflosfotografieren?

Holmberg: Doch, Schnappschüsse sind toll. Aber auch dabei lohnt es, sich andere Motive zu suchen. Es gibt so viel Interessantes an ungeahnten Orten. Nicht nur Gesichter, Partys, Urlaubserinnerungen. Mit der Kamera kann man den Alltag bewusster erleben. Dabei ist eine Frage ganz wichtig, egal ob für Amateurfotografen oder für professionelle: Was für eine Geschichte will ich mit dem Bild erzählen?

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Serie "Fade to Black" haben Sie mit einer Polaroidkamera fotografiert, beim iPhone ahmen die beliebtesten Apps diesen Vintage-Look nach. Was fasziniert die Leute so an orangestichigen, leicht verschwommenen Bildern?

Holmberg: Ich glaube, es ist die Sehnsucht nach etwas Altem, Bewährtem. Nach Authentischem und nach etwas, das nicht perfekt ist. Digitalfotografie ist manchmal zu poliert, zu Hochglanz, das wirkt langweilig und leblos. Unperfektes berührt uns mehr und ist echter, denn das Leben ist auch nicht perfekt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die Geschichte, die Sie mit Ihren Bildern erzählen wollen?

Holmberg: Ja. Jeder möchte das perfekte Leben führen. Natürlich gelingt das nie. Mich interessiert, wie die Menschen versuchen, aus Widrigkeiten das Beste zu machen. Auf meinen Fotos sieht man, dass die Leute sich oft abgemüht haben mit ihrem Leben. Der Grat ist schmal zwischen "Alles unter Kontrolle" und Verrücktsein. Und gerade in der völligen Ordnung, zum Beispiel der Vorhänge und der Dekoration in einer Wohnung, liegt ein gewisser Wahn und die Angst, die Kontrolle zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihre aktuelle Arbeit "Mayfly" zeigt Menschen, die sie in Schweden auf der Straße getroffen haben. Sie haben sie nach Hause begleitet und kamen in Wohnungen ganz in Pink oder voller Engel.

Holmberg: Es gibt immer etwas, das mich anspricht. Wenn Menschen ihre Haare zu perfekt haben, zu angestrengt um gutes Aussehen bemüht wirken, zum Beispiel. Auf solche Leute gehe ich zu. Eine davon war Indra. Wegen ihrer chronischen Migräne arbeitet sie nicht mehr. Sie hat sich zu Hause ein pinkfarbenes Universum geschaffen, in dem sie Cupcakes backt, bloggt und sich ganz um ihren Hund Loxy kümmert. Oder eben Gina, die Engeltherapie macht. All diese Menschen versuchen, das Beste und Schönste aus ihrem Leben herauszuholen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wir alle...

Holmberg: Ja, deshalb geht es mir auch nicht darum, diese Leute vorzuführen. Wir alle haben irgendwelche Probleme und versuchen, einen Sinn zu finden. Dieser Versuch ist manchmal amüsant, manchmal verzweifelt. Ich habe von diesen Menschen so viel gelernt. Ich urteile nun nicht mehr über Leute, die vielleicht nicht normal wirken. Jeder hat seine Gründe, seine Lebensgeschichte, sein Päckchen zu tragen. Und jedes Leben ist interessant.

Das Interview führte Daniela Zinser


Website: www.martinaholmberg.com

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
uschikoslowsky 12.08.2012
1. fünf minuten ruhm
Mehrere millionen Menschen tragen eine Handyknipse mit sich rum. Wohl die allerwenigsten, die damit knipsen, hätten es nötig, mit solch einem Geschwurbel Aufmerksamkeit prvozieren zu müssen!
glaubblosnix 12.08.2012
2. Das ist eine Topmeldung:
Reuters berichtete gestern das Sharp die Displays für das iphone5 verschifft hat. Das warten auf das iGottesteilchen hat bald ein Ende.
spargel_tarzan 12.08.2012
3. iphone & kreativität ?
Zitat von sysopMartina HolmbergZuerst hielt sie das iPhone für ein Spielzeug - jetzt veröffentlicht die junge Schwedin Martina Holmberg einen Ratgeber für Fotografie mit dem Apple-Handy. Im seen.by-Interview spricht die Fotografin über ihr Buch und ihre eigenen Bilder. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,848954,00.html
sich app's zu suchen und diese mit seinen iphone-bildern oder irgend einem anderen bild zu kombinieren ist nicht kreativ. es ist nur die anwendung dessen was sich andere ausgedacht haben, weil diese anderen eher kreativ veranlagt sind als man selbst. und dann hoffe ich immer noch, daß man sich des begriffs "vintage" nicht immer mit alten (vergilbten) bildern bedient, das ist vintage ganz sicher nicht. vintage wird in vielen bereichen ganz unterschiedlich definiert und in der fotografie ist es die erstveröffentlichung nach der aufnahme. ergo gibt es auch heute vintageprints aber diese sollten deswegen auch auf papier sein, weil es ja prints sind.
Lassehoffe 12.08.2012
4. Bergab
Zitat von glaubblosnixReuters berichtete gestern das Sharp die Displays für das iphone5 verschifft hat. Das warten auf das iGottesteilchen hat bald ein Ende.
Das bedeutet: Umsatzeinbruch beim Parasiten Samsung.
acitapple 12.08.2012
5.
hat nicht bereits chase jarvis so ein buch herausgebracht ? ein fotograf, kein knipser, bekommt gute fotos auch ohne zig megapixel hin...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.