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Fotoserie über Verstorbene: "Ich wollte wissen, was vom Menschen bleibt"

Alles, was bleibt: Die Hinterlassenschaften der Toten Fotos
Marvin Huettermann

Die Ästhetik des Morbiden: Der Fotograf Marvin Hüttermann folgte Verstorbenen zum Bestattungsinstitut. Dann fotografierte er, was sie in ihren Wohnungen zurückgelassen haben.

Sie studieren Fotografie und machen schon jetzt preisverdächtige Bilder - in einer neuen Serie beantworten uns Nachwuchsfotografen, wie sie an Shootings herangehen, was sie für ein Bild schon einmal alles auf sich genommen haben und wo sie niemals enden wollen.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Abschlussarbeit haben Sie Hinterlassenschaften von Verstorbenen fotografiert, Sie waren bei Bestattern und im Krematorium. Warum?

Hüttermann: Ich wollte wissen, was vom Menschen bleibt. Das hat mich gereizt. Aber ich hatte mich bereits vorher mit dem Tod beschäftigt. So eine Auseinandersetzung kommt nicht von heute auf morgen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn mit der Recherche angefangen?

Hüttermann: Zuerst habe ich den Kontakt zu Bestattern aufgenommen. Über mehrere Monate besuchte ich immer wieder mehrere Bestattungsinstitutionen sowie Krematorien. Meine Kamera hatte ich erst einmal gar nicht dabei.

  • Marvin Huettermann
    Marvin Hüttermann, geboren 1987, hat Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf und Fotografie an der Fotoakademie Köln studiert. Er war beteiligt an verschiedenen Forschungsprojekten zur Designgeschichte, darunter an zwei Bänden der Buchreihe A5, einer Designreportage über Sri Lanka und dem Projekt Ideenstadt Düsseldorf. Als freiberuflicher Gestalter lebt und arbeitet in Oberhausen, Düsseldorf, Köln und Umgebung.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Bestatter offen mit Ihnen geredet?

Hüttermann: Am Anfang waren sie nachvollziehbarerweise skeptisch. Verstorbene zu fotografieren ist nichts Alltägliches. Außerdem wussten sie zuerst nicht, was mit den Bildern passieren soll und in welchem Kontext sie auftauchen würden. Dann haben sie sich aber darüber gefreut, dass wir zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie die Bestatter überzeugen?

Hüttermann: Ich habe ihnen gesagt, dass ich den Tod nicht zur Schau stellen werde, sondern Antworten auf die Fragen suche: Wie gehen die Menschen mit dem Tod um? Wie stirbt man heute in Deutschland? Was läuft eigentlich zu Hause ab? Ich wollte die Atmosphäre des Todes einfangen.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie eine Person begleitet?

Hüttermann: Nein, ich wollte keine Einzelperson fotografieren, sondern den Tod allgemein. Das alltägliche Sterben. Ich habe verschiedene Personen und verschiedene Wohnungen besucht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie die Wohnungen der Toten betreten haben?

Hüttermann: Im ersten Moment war es sehr befremdlich. Man macht sich natürlich Gedanken, wer hier gelebt hat und was hier geschehen ist. Dieser Moment verging jedoch, und ich konzentrierte mich schnell aufs Fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen bei der Serie am schwersten gefallen?

Hüttermann: Es war nicht leicht, das Thema überhaupt fotografisch fassen zu können. Man kommt ganz schnell dahin, einfach nur Leichen zu fotografieren oder die kitschigen Plastikblumen auf einem Fensterbrett. Es bestand die Gefahr, dass ich meiner Sicht auf den Tod nicht mehr gerecht würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Toten würdevoll fotografiert?

Hüttermann: Es war mir wichtig, dass ich keine Verstorbenen zur Schau stelle. Deshalb erkennt man sie auch nicht. Ich habe eine Zweierserie realisiert - eine begleitet die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg, die andere zeigt, wie die Hinterlassenschaften langsam aus den Wohnungen verschwinden. Ich spiele dabei mit Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien. Ein Bildstrang beginnt in Farbe und endet in Schwarz-Weiß, ein zweiter beginnt in Schwarz-Weiß und endet in Farbe.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seen.by.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Es ist schon eine Kunst des Menschen....
basiliusvonstreithofen 04.02.2015
...den eigenen Tod, der so sicher wie sonst nichts im Leben kommt, immer verdrängen zu wollen. Und es ist ein Segen, dass man den Zeitpunkt des Todes nicht kennt. Nur der hoffentlich vernunftbegabte Mensch weiß es im Gegensatz zum Tier ständig, dass er dereinst sterben wird. Die Vergänglichkeit des Lebens sollte jedem allzeit in seinem Handeln bewusst sein. Andererseits würde man seine Lebensfreude verlieren, wenn man sich dieser Tatsache ständig bewusst ist. Die Bilderserie ist sehr beeindruckend, weil sie auch zeigt, dass man alles zurück lassen muss. Irgendwann wird man nichts, absolut nichts mitnehmen können.
2. ...
jujo 04.02.2015
Ich habe schon öfter daran gedacht nicht nur für unsere Tochter aufzuschreiben wie sie ohne Verzug an die Konten kommt, sondern auch im Hause ihr das etwas zu erleichtern. Wir haben soviel Zeugs von dem wir nicht lassen können und auch (noch) nicht wollen, das ich das vor mir her schiebe! Ich denke da muss sie durch, Im Hause meiner Eltern habe ich erst so richtig Abschied genommen, musste mir Zeit nehmen, Die Begräbnisse waren für mich emotional dazu ungeeignet.
3. Preisverdächtig?
mulholland_driver 04.02.2015
Ich darf - und muß - mal wieder zu mehr Bewußtsein für Qualität mahnen. Kein einziges der hier gezeigten Bilder ist auch nur ansatzweise preisverdächtig. Im Gegenteil, die Bildgestaltung ist auf Anfängerniveau, die Belichtung läßt bei fast allen Aufnahmen zu wünschen übrig. Ist es so schwer, über gute Arbeiten zu berichten? Ein Beispiel für solide Fotografie und gefühlvollen Umgang mit dem Tod ist das Buch "Post Mortem" von meinem Berufskollegen Patrik Budenz.
4. Falsch...
fatherted98 04.02.2015
Zitat von basiliusvonstreithofen...den eigenen Tod, der so sicher wie sonst nichts im Leben kommt, immer verdrängen zu wollen. Und es ist ein Segen, dass man den Zeitpunkt des Todes nicht kennt. Nur der hoffentlich vernunftbegabte Mensch weiß es im Gegensatz zum Tier ständig, dass er dereinst sterben wird. Die Vergänglichkeit des Lebens sollte jedem allzeit in seinem Handeln bewusst sein. Andererseits würde man seine Lebensfreude verlieren, wenn man sich dieser Tatsache ständig bewusst ist. Die Bilderserie ist sehr beeindruckend, weil sie auch zeigt, dass man alles zurück lassen muss. Irgendwann wird man nichts, absolut nichts mitnehmen können.
....viele Spezies merken wenn es zu Ende geht (besser als so mancher Mensch)...sondern sich von ihrer Herde oder Rudel ab um zu verenden.
5.
gmater 04.02.2015
ich finde, es ist nicht verkehrt den Tod möglichst zu ignorieren bzw. zu verdrängen. Wir Menschen haben nicht umsonst diese Schutzmechanismen. Was bringt es uns sich damit zu beschäftigen? Ist es nicht vergeudete Zeit, die man besser mit einem Lächeln verbringen sollte?
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