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Marxismus-Talk bei Maischberger: Schmierentheater der Sofa-Sozialisten

Karneval im ersten Kanal! Reinhard Mohr konnte die Sozialismus-Debatte bei Sandra Maischberger nicht fassen: Eine Moderatorin, die sich als Rosa Luxemburg aufspielt, Heiner Geißler, der den Kapitalismus totquatscht - und Peter Sodann, der weiß, dass er nichts werden kann.

Von wegen "hirnlose Scheiße", liebe Elke Heidenreich! Es gibt öffentlich-rechtliche Fernsehabende, an denen man dem lieben Gott dankt für all die GEZ-Gelder, die man ein halbes Leben lang abdrücken durfte. Die Flimmerkiste – so schön, so wahr, so traumverloren irre.

Maischberger, Gäste der Talk-Runde: "Marx hatte Recht!"
WDR

Maischberger, Gäste der Talk-Runde: "Marx hatte Recht!"

So wie am Dienstagabend, als Sandra Maischberger den Finger in die schwärende Wunde des globalen Turbokapitalismus legte und ausgewiesene Wirtschaftsexperten wie Peter Sodann, Heiner Geißler und Günter Wallraff zum Thema ihrer aktuellen Talkshow eingeladen hatte, das wie eine Fanfare klang: "Marx hatte Recht!- Gebt uns den Sozialismus zurück!".

Kein Fragezeichen, nirgends.

Schon wieder also geht ein Gespenst um in Europa. Wie damals im März 1848, als Karl Marx' "Kommunistisches Manifest" erschien. Das siegreiche Proletariat, so Marx, werde in den "fortgeschrittensten Ländern" die "Expropriation des Grundeigentums" betreiben, eine "starke Progressivsteuer" einführen, das Erbrecht abschaffen, die "Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol" etablieren sowie einen "gleichen Arbeitszwang für alle" und die "öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder" durchsetzen.

Mauer, Schießbefehl und Stasi

Wären im Laufe dieser Entwicklung die Klassenunterschiede erst einmal verschwunden, so verliere die Herrschaft des Proletariats ihren explizit politischen Charakter. Marx' Prophezeiung: "An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist."

So sah er aus, der Kommunismus anno 1848. Es hat ihn nie gegeben in der Menschheitsgeschichte. Nicht davor und nicht danach. Aber es gab die DDR, die vor fast zwanzig Jahren zusammenbrach.

Sie hatte sich strikt an Marx’ Vorgaben gehalten. Nur mit der Assoziation freier Individuen hat es nicht geklappt. Statt Freiheit und Sozialismus entstand eine gerontokratische Parteidiktatur mit Mauer, Schießbefehl und Stasi. Genau deshalb brach 1989 auch der große graue Rest zusammen.

Dabei war das Vorbild der DDR stets die Sowjetunion Lenins, Stalins, Chruschtschows und Breschnews gewesen. Doch wer will dahin zurück? Planwirtschaft komplett mit Plaste und Elaste, dazu noch eingepackt als Geschenk, Porto zahlt Empfänger?

Andererseits: Fast nichts scheint unmöglich in Zeiten, da ein völlig unbekannter Landtagsabgeordneter mit Namen Thorsten Schäfer-Gümbel Ministerpräsidentenkandidat der ruhmreichen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands werden kann. Frei nach der Hessen-Band Rodgau Monotones: Erbarmen, der Hessen-Obama kommt.

"Tollwütig gewordenen Raubtierkapitalismus"

Und so musste man auch bei Maischberger nicht lange darauf warten, bis das Äußerste eintrat: Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler und Enthüllungsautor Günter Wallraff prophezeiten unisono das Ende des Kapitalismus, den Untergang des "tollwütig gewordenen Raubtierkapitalismus". Schluss, aus.

Merkwürdig war nur die Erregung, mit der auf diesen verwesenden Leichnam eingedroschen wurde. Denn auch unter Revolutionären sollte gelten: Auf Toten trampelt man nicht auch noch herum.

Kleine Ironie der Geschichte: Zur gleichen Zeit wiederholte Andrea Ypsilanti bei Johannes B. Kerner im ZDF noch einmal gebetsmühlenhaft den historischen Anspruch der hessischen SPD, die stinkende Mumie des Kapitalismus im Sinne des sozialen Fortschritts zu reanimieren, vor allem durch politische Kampfkraft an der Basis und die flächendeckende Verbreitung der Sonnenenergie.

Neben ihr saß, wie ein Konfirmand aus Gießen-Land, Thorsten Schäfer-Gümbel, der Mann der Stunde. Brav sprach er nach, was Mutter Ypsilanti vorsagte.

Derweil hatte bei "Maischberger" Peter Sodann, offizieller Kandidat der Linken für die Wahl zum Bundespräsidenten am 23. Mai 2009, seinen großen Auftritt. Er sprach viele Sätze, die die Zuschauer draußen im Lande sprachlos machen konnten. Einer der schönsten lautete: "Ich weiß, dass ich’s gar nicht werden kann." Gegen Horst Köhler (CDU) und Gesine Schwan (SPD), seine beiden Konkurrenten, wolle er keinesfalls antreten. Vielmehr habe er sich einfach um die offene Stelle im Schloss Bellevue beworben. "Aber vielleicht habe ich ja im zweiten oder dritten Wahlgang einen Schwächeanfall." Da hätte er dann Schwein gehabt, der Köhler.

Oskar Lafontaine und Gregor Gysi werden ihren Bordeaux im Glase verschüttet haben – vor Schreck oder vor Lachen. Seine "linke Meinung" aber lässt sich der 72-jährige Sodann aus Halle an der Saale von niemandem nehmen.

"Das ist doch reiner Quatsch!"

Nach einer Viertelstunde Sodann pur war klar: Hier saß und sprach, pünktlich zu Loriots 85. Geburtstag (Gratulation!!!), Opa Hoppenstedt. Eine Echtzeit-Hommage an den großen Satiriker.

"In welche Runde bin ich hier hineingeraten?", fragte der Historiker Arnulf Baring komplett entgeistert und völlig zu Recht, als auch noch Heiner Geißler und Günter Wallraff – "Es rutscht alles weg! Die Gesellschaft steht kurz vor dem Bankrott!" – sich als Untergangspropheten betätigt hatten. "Das ist doch reiner Quatsch!" Ob dies vielleicht dem 11.11. geschuldet sei, traditionell Beginn der närrischen Saison, wollte Baring wissen.

Es war TV-Gaga, was sich da in der ARD abspielte - mit Sandra Maischberger als Stichwortgeberin eines peinlichen Schmierentheaters, die in dieser Rolle wie eine maliziöse Billigkopie von Rosa Luxemburg wirkte. So schien sie die Bedeutung von Barings Hinweis nicht zu verstehen, dass in Marx' "Kapital", das sie zu Beginn der Sendung in die Kamera gehalten hatte, der intervenierende Staat gar nicht vorkommt. Das war zu viel der Theorie für die Karnevalsgesellschaft, die sich in ihrer selbst produzierten Panik suhlte.

Selbst eine "Straßenumfrage" auf Kindergartenniveau – "Kapitalismus oder Sozialismus – was ist besser?" – musste dafür herhalten, eine gleichsam vorrevolutionäre Situation zu simulieren. Vor allem Heiner Geißler scheint sich seit einiger Zeit in der antikapitalistischen Pose zu gefallen, die auf einer flagranten Unwahrheit aufbaut. In seiner gleichermaßen strikten Verurteilung von Kapitalismus und Sozialismus tut er so, als sei Ludwig Erhards "soziale Marktwirtschaft" der fünfziger und sechziger Jahre nicht durch und durch kapitalistisch gewesen. Gegen welches "System" haben dann wohl die 68er rebelliert?

Steif und fest behauptet Geißler, soziale Marktwirtschaft und Kapitalismus hätten "nichts miteinander zu tun". Der reine Unsinn. Ein Aberwitz.

"Ich lasse mir die DDR nicht nehmen"

Leidenschaftlich, aber ohne Widerhall versuchte der Unternehmer Georg Kofler ein bisschen Ordnung in die Debatte zu bringen. Vergeblich. Wie soll das auch gehen, wenn die "Maischberger"-Redaktion, unter den lauten Klängen der guten alten Becher-Hymne, ausführlich aus der DDR-Verfassung zitiert, ganz so, als habe hier das Menschenparadies schon eine ew'ge Heimstatt gefunden.

"Die war doch völlig irrelevant!", konnte Arnulf Baring gerade noch einwerfen, der gegen Ende der Sendung verstummte.

Dann sprach man noch ein wenig über Leiharbeiter und die fehlende "Bildungsgerechtigkeit" in Deutschland, während Peter Sodann vor sich hin schwieg. Nur einmal noch ergriff er das Wort: Die Idee des Sozialismus sei doch nach wie vor gut. Und trotz aller Kritik: "Ich lasse mir die DDR nicht nehmen."

Zum Abspann hätte der Narrhallamarsch ertönen müssen.

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