Fotoserie "Mask of Perfection": Schönheitschirurg Dr. Frankenstein

Von Marc Erwin Babej (Text und Fotos)

Fotoserie "Mask of Perfection": Die Korrekturen Fotos
Marc Erwin Babej

Kann eine schöne Frau mit Botox-Stirn wirklich als schön gelten? Und ein Mann, der sich vom Chirurgen sein Kinn hat straffen lassen? Oder sind beide nur un-menschliche Monster, wie Dr. Frankenstein eines schuf? Die Fotoserie "Mask of Perfection" stellt genau diese Fragen.

Ein Busen wie Scarlett Johansson, ein Po wie Kim Kardashian, ein Mund wie Megan Fox. All das ist beim Schönheitschirurgen um die Ecke erhältlich. Was früher Wunschtraum bleiben musste, gehört heute sogar schon zu den Wünschen, mit denen verunsicherte Teenager ihre Eltern nerven.

Und je öfter prominente Schauspieler, Musiker, ja sogar Politiker oder Fußballtrainer, sich dem Handwerk eines Chirurgen anvertrauen, desto stärker beeinflusst dies die individuelle Sicht, wer und was schön ist - und wie sich ein jeder von uns womöglich selbst verändern (lassen) will.

In der Ära der Schönheitschirurgie wandelt sich das Schönheitsideal fundamental. Studien zur evolutionären Psychologie deuten - bei aller Vorsicht - darauf hin, dass einige Schönheitsvorstellungen über kulturelle und historische Grenzen hinweg ein hohes Maß an Übereinstimmung aufweisen. Glatte Haut etwa wird allgemein geschätzt und das Verhältnis 0,7:1 von Taille zu Hüfte als angenehm empfunden.

Schönheit als Produkt

Andere Normen unterliegen dagegen einem Wandel. Selten zwar, und er deckt sich oft mit (kunst-)historischen Brüchen: In der Renaissance galt eine schlankere Form als ideal, das Barock verherrlichte einen fülligeren Körper. Nach dem Ersten Weltkrieg, und mit beginnender Emanzipation, setzten sich wiederum schlankere, androgyne Typen durch.

Doch was derzeit geschieht, ist anders: Dem, was wir subjektiv als schön empfinden und sozio-kulturell als schön definieren, tritt das quasi wissenschaftliche, geometrisch-handwerkliche Schönheitsideal der plastischen Chirurgie gegenüber. In der Vergangenheit ließen sich Verkörperungen eines Schönheitsideals in der menschlichen Wirklichkeit auffinden und in der Kunst darstellen. Zeitgenössische Experten konkretisierten das jeweilige Ideal, rationalisierten es oft - man denke nur an Leonardos Proportionsstudie "Der vitruvianische Mensch". Ob dem dann ein echter Mensch entsprach oder nicht, bestimmten - je nach religiöser Einstellung - aber letztlich Gött(er) oder die Natur.

Heute aber ist Schönheit auch ein Produkt - und man könnte bedauern, dass sie dadurch verbilligt, trivialisiert und wie so viele Dinge im Kapitalismus als Ware gehandelt wird. Man könnte aber genauso behaupten, dass Schönheit - durch zunehmend erschwinglichere und weniger invasive Eingriffe - demokratisiert wird. Dass Menschen heutzutage zum ersten Mal in der Geschichte Kontrolle darüber haben, wie sie aussehen wollen - und wie gut.

Letztlich oszillieren diese gegensätzlichen Positionen auch zwischen diesen zwei Polen: Glaube und Verstand. Natürliche Schönheit ist subjektiv, schwer zu beschreiben, prädestiniert, unabänderlich. Das plastisch-chirurgische Ideal gilt als objektiv erfassbar, ist per Definitionem nicht prädestiniert und flexibel.

Idealvorstellungen angepasst

Bei den Arbeiten an meiner Serie "Mask of Perfection" habe ich oft an Mary Shelleys Roman "Frankenstein" gedacht: Ein Wissenschaftler greift in die naturgegebene Ordnung ein und schafft ein Monster - das äußerlich und innerlich ein Unmensch ist. Doch was wäre, wenn Dr. Frankenstein stattdessen einen gutaussehenden, angepassten Durchschnittsbürger produziert hätte?

Sicher, das Buch wäre ziemlich langweilig geworden. Zugleich aber auch ethisch komplexer: Ist ein un-monströses Monster noch ein Monster? Und sind eine Frau mit gut korrigierter Nase oder ein Mann ohne Zornesfalten auf der Stirn per se weniger attraktiv, weil sie ihr Aussehen durch plastisch-chirurgische Eingriffe erreicht haben?

Mag sein, mag nicht sein. Ich möchte mit meiner Serie diese Fragen nicht beantworten, sondern sie zunächst nur stellen. Darum habe ich versucht, das Ideal der Schönheitschirurgie bildhaft über die traditionelle, subjektive Wahrnehmung von Schönheit zu legen, um so Diskrepanzen und Spannungen zwischen beiden zu zeigen.

Gemeinsam mit der plastischen Chirurgin Maria M. LoTempio aus New York habe ich daher zwölf Frauen zwischen 20 und 29 ausgewählt, die in den Augen sehr vieler Menschen als schön gelten dürften; als jung, attraktiv und ohne Merkmal, das einem Betrachter als hässlich oder störend auffallen würde. Also Frauen, über die man sagen würde: "Die hat nun wirklich nichts beim Schönheitschirurgen verloren."

Die Aufgabe der plastischen Chirurgin bestand nun darin, diese Frauen als Patientinnen zu betrachten - und sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Idealvorstellung des Metiers anzupassen. Die Frauen wurden zunächst, wie in der plastischen Chirurgie üblich, anhand von fünf Fotos (frontal, Dreiviertel- und Vollprofile von beiden Seiten) evaluiert. Dann untersuchte LoTempio die Frauen und markierte sie schließlich, als stünde die Operation bevor. Sie legte ihnen also eine Maske der Perfektion auf - und mit dieser Maske auf dem Gesicht fotografierte ich die Patientinnen für meine Serie.

Der Darstellungsstil zielt darauf ab, beim Betrachter einem reflexartigen Pro oder Contra entgegenzuwirken. Zwei gegenläufige Verfremdungseffekte sollen diesen offenen Blick befördern: Die Markierungen selbst erschweren - im Sinne des Verfremdungsbegriffs von Bertolt Brecht - dass sich der Betrachter ungetrübt in die Schönheit der Frauen vertiefen kann. Und gleichzeitig vereitelt der romantisch verklärende, ästhetisierende Stil in der Manier der Hollywood-Porträts der Dreißiger eine allzu klinische Betrachtungsweise - und somit die Identifizierung mit der Sichtweise der Chirurgie. Wir sehen also gewissermaßen zwei Masken. Aber sehen wir dahinter auch noch Schönheit? Und wenn ja: Welche?

"Mask of Perfection" ist ab Oktober als Edition bei der Adamson Gallery in Washington DC und bei der Amstel Gallery in Amsterdam erhältlich.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. mit den bildunterschriften wird ein falscher eindruck..
spargel_tarzan 04.07.2013
Zitat von sysopMarc Erwin BabejKann eine schöne Frau mit Botox-Stirn wirklich als schön gelten? Und ein Mann, der sich vom Chirurgen sein Kinn hat straffen lassen? Oder sind beide nur un-menschliche Monster, wie Dr. Frankenstein eines schuf? Die Fotoserie "Mask of Perfection" stellt genau diese Fragen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mask-of-perfection-marc-erwin-babej-ueber-seine-fotoserie-a-907169.html
erweckt. Es sind keine patienten sondern für diese fotostrecke ausgewählte fotomodelle. steht auch so im text und kann auch so in der aktuellen LFI nachgelesen werden.
2. Borderline-Syndrom
a.vollmer 04.07.2013
Wer mit der eigenen Un-Hässlichkeit und der eigenen Un-Schönheit nicht zurechtkommt, der hat ein psychisches Problem. Die Frage sollte sein, ob dies schon ausreichend ist um öffentliche Fürsorge auszulösen und Selbstverstümmelungen zu verhindern, indem man den Patienten unter Betreuung stellt. Fragwürdig ist auch ob derartige Patienten eine freie Willensentscheidung treffen können, die den Operateur von der Gefahr entbindet sich durch Körperverletzung strafbar zu machen.
3. Wieso
Pat-Riot 04.07.2013
Zitat von a.vollmerWer mit der eigenen Un-Hässlichkeit und der eigenen Un-Schönheit nicht zurechtkommt, der hat ein psychisches Problem. Die Frage sollte sein, ob dies schon ausreichend ist um öffentliche Fürsorge auszulösen und Selbstverstümmelungen zu verhindern, indem man den Patienten unter Betreuung stellt. Fragwürdig ist auch ob derartige Patienten eine freie Willensentscheidung treffen können, die den Operateur von der Gefahr entbindet sich durch Körperverletzung strafbar zu machen.
psychisches Problem? Wer mit Hakennase, abstehenden Ohren und schiefen Zähnen herumläuft hat vermutlich ein pekuniäres Problem. Den anderen kann geholfen werden.
4. Ist das Kunst?
Femme 04.07.2013
Was soll das? Mir erschließt sich der Sinn dieser Aktion nicht. So viele Menschen haben echte Probleme - und hier wird einem vorgespiegelt auch an schönen Menschen soll man verbessern?
5. .
frubi 04.07.2013
Zitat von sysopMarc Erwin BabejKann eine schöne Frau mit Botox-Stirn wirklich als schön gelten? Und ein Mann, der sich vom Chirurgen sein Kinn hat straffen lassen? Oder sind beide nur un-menschliche Monster, wie Dr. Frankenstein eines schuf? Die Fotoserie "Mask of Perfection" stellt genau diese Fragen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mask-of-perfection-marc-erwin-babej-ueber-seine-fotoserie-a-907169.html
In einer freien Gesellschaft sollte jeder Erwachsene mit seinem Körper das anstellen dürfen, wonach ihm gerade ist. In einer freien Gesellschaft darf ich aber so etwas abstoßend finden, wenn es nicht wirklich gesundheitliche Gründe hat.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Fotografie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare
Der Fotograf und Autor
Marc Erwin Babej, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebt heute in New York City. Geschichtsstudium an der Brown University in Providence, Rhode Island, Masterstudium an der Columbia School of Journalism. Schreibender Reporter für "Forbes", Veröffentlichungen unter anderem in "Die Zeit" und "Guardian". Kunstfotograf; fotografische Arbeiten aus Myanmar, dem südlichen Afrika, Rio de Janeiro.