Maxim Gorki hat 1901 in seinem Gedicht "Das Lied vom Sturmvogel" von der bevorstehenden Revolution in Russland geschwärmt. Ihre Folgen sind bekannt. 110 Jahre später bietet Russland erneut Anlass, ein ähnliches Gedicht mit einem Aufruf zu einer neuen Revolution zu schreiben. Ihre Folgen jedoch wären nicht absehbar.
Russlands Machtelite hat in den letzten Monaten gleich mehrere Fehler begangen. Ohne es zu wollen, hat sie die Öffentlichkeit provoziert und aus dem Schlaf gerissen.
Auch die Zarenregierung war für ihre wenig durchdachten Aktionen berüchtigt. Am "Blutsonntag" im Januar 1905 löste sie eine friedliche Kundgebung nahe des Petersburger Winterpalasts mit blutiger Gewalt auf. Heute sind die Methoden freilich ausgeklügelter. Der Glaube der russischen Machtelite an ihre eigene päpstliche Unfehlbarkeit und ihr brutaler Hochmut aber erinnern bis zur Lächerlichkeit an alte Zeiten. Unsere Machthaber haben sich gleichsam ins Weltall katapultiert. Dort schweben sie völlig losgelöst von der Realität.
Bereits im September, beim Parteitag der Regierungspartei "Einiges Russland", hat ihre Abmachung, wie sie weiter gemeinsam regieren wollen, Putin und Medwedew in solche Verzückung versetzt, dass sie gar nicht bemerkten, dass ihr persönliches Fest alles andere als ein Volksfest war.
Wir Russen trauen keinem Angeber!
Die Empörung erweckte die russische Politik gleich einer Explosion zum Leben. Schon als Putin im Sommer versprochen hatte, die Entscheidung über den Präsidentschaftskandidaten werde dem Volk "gut gefallen" und sich dann selbst aufstellte, verstieß er gegen eine eiserne Regel unseres Landes: Wir Russen trauen keinem Angeber!
Ich weiß nicht, was sich die Politberater im Kreml dachten, aber sie machten gleich einen weiteren Fehler: Mit letzter Kraft führten sie die durch Korruption und Phlegma kompromittierte Regierungspartei "Einiges Russland" zum Wahlsieg. Ihr Sieg war rein formal. Selbst nach dem offiziellen Ergebnis verlor sie im Vergleich zu den Parlamentswahlen 2007 viele Millionen Stimmen. In den Augen vieler stand sie urplötzlich als Verlierer da. Wut und Geschrei über Wahlfälschungen waren groß.
Dem Volk riss der Geduldsfaden. Schließlich hat auch der Respekt vor dem Machtmonolith seine Grenzen. Und wo der Respekt aufhört, fängt man an, Vorwürfe zu erheben. Wir haben nun den Schatten des nackten Königs gesehen. Seine Gefolgsleute werden den Herrscher schon irgendwie auffrischen, aber auch sie haben die Schwäche des Zaren gespürt. Es wird schwer, den verlorenen Respekt der Gesellschaft wiederzugewinnen.
Nach dieser Neujahrsnacht sind wir Russen nicht nur in einem neuen Jahr aufgewacht, sondern in einem neuen Land. Die Folgen des Wandels kann einstweilen keiner absehen.
Das Revolutionsjahr 2011 ist im stillen Russland angekommen
Zunächst strömten Tausende auf die Straßen. Der Furor der Polizisten und die beispiellose Zahl von Festnahmen kehrten sich wie Bumerangs gegen die Machthaber. Denn nun ging es auf einmal nicht mehr um eine Handvoll außerparlamentarischer Oppositioneller, die einem Großteil der Bevölkerung fremd sind. Unter den verprügelten und gedemütigten Opfern staatlicher Willkür waren unsere Freunde, waren Freunde unserer Freunde, waren Verwandte und Bekannte. Eine schwarze Wolke senkte sich auf Moskau herab, eine Strafexpedition aus Militärfahrzeugen und Hubschraubern. Die Staatsmacht führte sich auf wie ein Rüpel.
Das staatliche Fernsehen verschwieg zunächst das Ausmaß der Proteste. In einem Aufschrei vermischte das Internet, wie im Krieg üblich, Gerüchte und Fakten. Von Besatzern und okkupierter Bevölkerung war die Rede.
Das Revolutionsjahr 2011 mit seinen Protesten, die in manchen Ländern im Bürgerkrieg mündeten, war im stillen Russland angekommen. Ein Freund von mir, ein Musikkritiker, zweifelt an einem Volksaufstand: Libyen sei ein junges und abstinentes Land. Deswegen habe dort die Revolution gesiegt. Russland sei ein altes und saufendes Land. Das glaube ich nicht. Das mit dem Alkohol stimmt, insbesondere in ländlichen Gebieten. Aber es geht nicht um das Alter Russlands, sondern um unser Gedächtnis: Weil wir Russen Revolutionen kennen, fürchten wir die Revolution. Panisch fürchten wir, dass jede Revolution bedeutet, Schlimmes gegen noch Schlimmeres einzutauschen.
Russland ist klüger geworden
Die protestierende Menschenmenge ist ideologisch so heterogen wie ein zufällig gemixter Cocktail. In die Rolle der radikalen Islamisten könnten bei uns unversöhnliche Nationalisten schlüpfen. Ihre rückwärtsgewandten Ideen zielen darauf, Russland geistig zu isolieren. Unter den jungen Aufrührern sind viele linke Spontis, die populistischen Losungen auf den Leim gehen. Unser liberaler, prowestlicher Rebell, der unseren Behörden so viel Angst einflößt, und von dem Europa so sehr träumt, gleicht einem mythischen Wesen. Die Liberalen waren in unserem Land nie stark. Die meisten Intellektuellen mögen das Kreml-Theater schon seit zehn Jahren nicht. Die "Zuschauer" aber sind untereinander zerstritten.
Dennoch: Russland ist in den vergangenen Jahren deutlich klüger geworden. Die Menschen wollen ihr Leben selbst bestimmen und genießen. Die einen stehen Schlange, um vor dem Heiligen Gürtel der Gottesmutter zu beten, der kürzlich nach Moskau gebracht wurde. Andere erkunden auf Reisen fremde Länder. Keiner träumt von einem neuen Mausoleum, in dem die Mumie einer künftigen Utopie aufgebahrt wird.
Der Kreml wird Zug um Zug mit dem von Gorki prophezeiten "Sturmwind" fertig werden. Auch die leichtfertigen Weichensteller, die ihn nicht verhinderten, könnten übers Knie gelegt werden. Der Kreml wird vorsichtiger, verschwiegener und härter, weil er unter keinen Umständen zu einem realen Machtwechsel bereit ist. Wer zurücktritt, muss Repressionen fürchten.
Innerhalb des Systems selbst jedoch gärt es. Denn allen gingen die Augen auf. Die Zukunft hängt davon ab, in welche Richtung diese Augen nun ihren Blick wenden.
Übersetzung aus dem Russischen: Matthias Schepp
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