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Architektur-Exzentriker: Säulen im Zeichen des Großen Bären

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Schau über Mathias Goeritz: "Entarteter Stümper" Fotos
Corbis

Unter der Schlangenskulptur ließ Luis Buñuel Tänzerinnen auftreten: Die Eröffnung des Museums "El Eco" in Mexiko war Höhepunkt der Karriere von Mathias Goeritz. Eine Ausstellung würdigt nun den vergessenen deutschen Architekten.

Wer dieser Tage in Madrid in das Museum Reina Sofia geht, wird sich vermutlich fragen: Wer ist bloß dieser Mathias Goeritz? Muss man den kennen?

Nein, man muss ihn nicht kennen, aber es lohnt sich, ihn kennenzulernen. Die Ausstellung "The return of the snake. Mathias Goeritz and the invention of emotional architecture" zeigt in sieben Sälen des Museums Reina Sofia das Werk des deutsch-mexikanischen Malers, Bildhauers und Architekten. Anlass ist der 100. Geburtstag des in Danzig geborenen Künstlers, der Deutschland 1941 verließ, 1949 nach Mexiko ging und 1990 in Mexiko-Stadt starb.

Goeritz war, wie in der Schau eindrucksvoll zu sehen ist, ein Ausnahme- und Multitalent. Er kümmerte sich nicht um irgendwelche Grenzen zwischen Kunst, Handwerk, Design und Architektur oder zwischen Theorie und Praxis. Er entwarf und realisierte eine skulpturale, riesige und autonome Kunst-Architektur, die er "emotional" nannte, schrieb Manifeste, war Herausgeber von Zeitschriften, engagierte sich leidenschaftlich und trug seine Thesen voller Elan vor.

Aber er war ein Außenseiter, weil er der in Mexiko vorherrschenden revolutionären Wandmalerei unter Führung von Diego Rivera seine von Klee, Miró, Picasso, Arp geprägten Vorstellungen entgegensetzte. DER SPIEGEL berichtete im September 1954 in einem der wenigen Artikel über Goeritz, dass dieser zum "Museographen" der National-Universität ernannt werden sollte, aber von den kommunistischen Künstlern als "entarteter ausländischer Stümper und Plagiator" angeprangert und deshalb nicht angestellt wurde.

Eine gigantische Skulptur in Form einer Zickzack-Schlange

Geschadet hat ihm diese heftige Kritik langfristig nicht. Goeritz war von 1949 an als Lehrer für Architektur in der Provinz Guadalajara angestellt, arbeitete an archaisch-expressionistischen Holz- und Betonskulpturen und stellte im März 1952 seine Arbeiten in einer Galerie in Mexiko-Stadt aus. Dort traf er 1952 auf den Kunsthändler Daniel Mont, der ihm, fasziniert von Goeritz' Enthusiasmus, ohne irgendwelche Bedingungen anbot, mit finanzieller Unterstützung eines Industriellen auf einer Parzelle von rund 500 Quadratmetern "etwas" zu bauen.

So entstand "El Eco" (Das Echo), eine Art Experimentalmuseum für verschiedene Funktionen vom Kabarett bis zum Ausstellungs- und Diskussionsraum. "El Eco", so wollte es Goeritz, sollte offen sein für jede Form des Dialogs zwischen Menschen verschiedener Kulturen, sozialer Herkunft und zwischen verschiedenen Kunstgattungen. "El Eco" war ein Gesamtkunstwerk in asymmetrischer Formensprache mit einer zwölf Meter hohen Turmscheibe als Wahrzeichen, einem Wechsel von Abgeschlossenheit und Öffnung der Räume, mit einem sich verjüngenden Korridor, in den man hineingesogen wurde. Und er legte einen Hof an, für den er die große, viereinhalb Meter hohe und raumdurchquerende abstrakte Eisen-Figur "The Serpent" entwarf, eine Art geometrische Schlange in Zickzackbewegungen, die den Raum gliederte. Sie ist im ersten Saal der Reina-Sofia-Ausstellung jetzt als etwas verkleinerter Nachbau zu sehen.

Fünf Säulen, aufgestellt nach dem Sternbild Großer Bär

Die Eröffnung von "El Eco" wurde mit einer Tanzchoreografie des Regisseurs Luis Buñuel gefeiert, und das Museum war der Durchbruch für Goeritz. Erste Ideenskizzen und Entwurfszeichnungen, Modelle, Schwarzweißfotografien von Innenräumen und der Ansichten, sowie das "Manifest der emotionellen Architektur" von 1953 und Dokumente nehmen einen ganzen Raum in der Ausstellung ein. Leider wird in der Schau nicht erzählt, was aus "El Eco" wurde: Als Daniel Mont 1953 starb, waren die Mittel zum Unterhalt des Gebäudes nicht mehr vorhanden. Aus dem Museum wurde ein Nachtklub. Erst Jahre später wurde "El Eco" renoviert und dient heute wieder als Ausstellungsraum.

In der Madrider Schau sind außerdem in mehreren Sälen die archaisch wirkenden Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde von Goeritz zu sehen, die manchmal an seine Vorbilder Klee, Kandinsky und Miró erinnern oder seine Auseinandersetzung mit anderen Künstlern wie Heinz Mack oder Yves Klein dokumentieren. Zu sehen sind auch Kruzifixe und Glasfenster, die er für Kirchen entwarf.

Sensationell ist sein Hauptwerk, das Goeritz 1957 zusammen mit dem Architekten Luis Barragán baute, nämlich die berühmten "Torres de Satélite". Die Fünf-Türme-Gruppe aus prismatischen, zwischen 37 und 57 Metern hohen orange und roten Betonstelen steht auf einer Verkehrsinsel und markiert den Eintritt in die Satellitenstadt und sollte, so Goeritz "als emporreißendes Zeichen gebündelter Gemeinschaftskraft" verstanden werden. Aber schon zuvor hatte Goeritz zu den Sternen gegriffen, als er 1968 hohe Betonsäulen-Gruppen mit sternförmigem Grundriss baute, die er dann nach dem Sternbild Großer Bär aufstellte. Auch Entwürfe und Fotos zu seiner fünfzackigen Krone des Pedregal aus metallenem Gitterwerk, das mit schmalen Spitzen steil in den Himmel strebt, sind zu sehen, genau wie die vom 1977 in Jerusalem gebauten Saltiel Community Center.

Am liebsten würde man Goeritz' Projekte vor Ort sehen, wie den für die Olympiade 1968 gebauten längsten Skulpturenweg der Welt, die "Ruta de la Amistad" mit 18 Bildhauern, den Goeritz von 1966 bis 1968 realisierte. Aber das ist natürlich ziemlich aufwendig. Aber immerhin könnte man im Archiv der Akademie der Künste Berlin Einblick in das Goeritzsche Werk nehmen, denn dort liegt sein Nachlass.


Ausstellungsangaben:
The return of the snake. Mathias Goeritz and the invention of emotional architecture. Madrid. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, bis 13.4.

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