AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Matt Damon Wie Hollywoods Musterknabe zum Buhmann wurde

Matt Damon war frei von Skandalen, doch nun fordern Tausende Frauen, dass er aus seinem nächsten Film herausgeschnitten wird. Warum?

Damon
Victoria Will/Invision/AP

Damon


Es ist der letzte Augusttag in Venedig, Matt Damon sitzt in einer Suite des Hotels Excelsior auf dem Lido und spricht über seinen Film "Downsizing". Die Politsatire des Regisseurs Alexander Payne hat gerade das Festival von Venedig eröffnet, sie wurde von den Zuschauern und auch von vielen Kritikern gefeiert, und Matt Damon hat prächtige Laune.

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Heft 4/2018
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"Mein Regisseur sagt, ich würde den Menschen das Gefühl vermitteln, nie etwas anderes sein zu wollen als ein absolut durchschnittlicher Mann", berichtet er. "Ich glaube, er hat recht damit. Es ist für mich okay, so auszusehen und mich so zu benehmen wie ein gewöhnlicher Mensch. Genau das hat mir die besten Rollen verschafft. Ich bin kein Typ, der sich in jedem Film zuallererst darum bemühen muss, dass die Zuschauer vergessen, wie verdammt gut er aussieht. Warum sollte ich mich darüber beschweren?"

Einige Fragen später behauptet Matt Damon: "Ich habe mir in meiner Karriere so viel Gelassenheit erarbeitet, dass es mich nicht kratzt, wenn Kritiker plötzlich etwas an mir auszusetzen haben - ich trage eine Rüstung, an der die Schüsse abprallen."

Anfang Oktober werden die Vorwürfe gegen den Produzenten Harvey Weinstein bekannt. Er wird beschuldigt, über viele Jahre hinweg zahlreiche Frauen sexuell belästigt zu haben. Zu den Enthüllungsgeschichten über Weinstein in den Medien werden oft Bilder präsentiert, auf denen er die Schauspieler Matt Damon und Ben Affleck umarmt: die Beglaubigung einer Männerfreundschaft offensichtlich. Am 8. Oktober erhebt Sharon Waxman, eine Journalistin, die als Reporterin für die "New York Times" gearbeitet hat, den Vorwurf, Matt Damon habe im Jahr 2004 durch einen Telefonanruf das Erscheinen einer Enthüllungsstory über Weinstein in der "New York Times" verhindert.

Die "New York Times" dementiert die Behauptung. Nie und nimmer habe man sich durch eine solche Intervention von der Berichterstattung abhalten lassen. Matt Damon erklärt, dass er zwar tatsächlich mit Waxman telefoniert habe, aber ausschließlich deshalb, weil er Auskunft geben sollte über seine Erfahrungen mit einem italienischen Mitarbeiter von Weinsteins Firma. Waxman sagt, sie habe den betreffenden Mitarbeiter damals verdächtigt, Weinstein junge Frauen zuzuführen; Damon beteuert, er sei weder von Waxman noch von sonst jemandem über einen solchen Verdacht informiert worden.

Von Weinsteins zahlreichen sexuellen Übergriffen, so Damon, habe er nichts gewusst. Gerüchteweise habe er allein von einer versuchten Attacke Weinsteins auf Gwyneth Paltrow gehört, die Ende der Neunzigerjahre stattgefunden haben soll.

In Interviews sagt Damon in den folgenden Oktober- und Novemberwochen wiederholt, dass er sexuelle Belästigung und Vergewaltigung ekelhaft und bestrafenswert finde. Er sagt unter anderem auch, es werde in der aktuellen Debatte übersehen, dass die große Mehrheit der Männer, sogar in Hollywood, sich anständig verhalte. Und er behauptet: "Für mich ist es ein Unterschied, ob man jemandem einen Klaps auf den Hintern gibt oder Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch begeht." Alles sei zu verurteilen, alles sei Unrecht, aber es handle sich um unterschiedlich schwerwiegende Übergriffe.

Juristisch ist das korrekt, moralisch wird es zu Damons Ungunsten ausgelegt. Die Schauspielerin Alyssa Milano belehrt Damon auf Twitter: "Es gibt verschiedene Arten von Krebs. Manche kann man besser heilen als andere. Aber es ist immer noch Krebs." Die Schauspielerin Minnie Driver, mit der Damon in jungen Jahren befreundet war, verkündet gleichfalls auf Twitter: Männer wie Matt Damon seien "systemisch Teil des Problems", gerade wegen ihrer Differenzierungsversuche zwischen sexueller Belästigung und Vergewaltigung. "Sie haben keine Ahnung, was Missbrauch für Frauen bedeutet", so Driver.

Star Damon, Produzent Weinstein 2005: Kollateralschaden einer Männerfreundschaft
Berliner Studios LLC / Action Press

Star Damon, Produzent Weinstein 2005: Kollateralschaden einer Männerfreundschaft

Im Dezember startete eine Frau namens Rebecca G. eine Onlinepetition, die zum Ziel hat, dass Matt Damons Auftritt aus dem Film "Ocean's 8" geschnitten wird. Der Film ist die Fortsetzung der mit Damons Beteiligung höchst erfolgreichen Ganovenfilmreihe, die mit "Ocean's Eleven" im Jahr 2001 begann - nur tritt diesmal eine Riege von Gaunerinnen an; Damon soll nur eine kleine Gastrolle spielen. Der Begründungstext für die Petition suggeriert trotz der Dementis, Damon habe die Berichterstattung der "New York Times" im Jahr 2004 verhindert. Er habe Harvey Weinsteins "unangemessenes Verhalten nicht nur ignoriert, sondern ermöglicht". Durch seine Interviewäußerungen habe er "Geringschätzung" gezeigt gegenüber dem Leid sexuell belästigter Frauen.

Die Petition auf dem Portal Care 2 Petitions trägt den Titel "Sexual Harassment Isn't a Joke - Remove Matt Damon from Ocean's 8" und fordert ausschließlich Frauen auf, den Aufruf an die Produzenten des Films zu unterschreiben. Bis Mitte dieser Woche fand sie 28.800 Unterstützerinnen.

Matt Damon ist nie von irgendwem einer sexuellen Belästigung beschuldigt worden. Er hat in Hollywood den Ruf eines Musterknaben und Gutmenschen.

Er gilt als sittsamer Ehemann und Vater. Er ist seit zwölf Jahren mit Luciana Barroso verheiratet, gemeinsam ziehen sie vier Töchter groß. Er ist Mitbegründer der Organisation Water.org, die sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen in den armen Ländern der Welt zu sauberem Trinkwasser zu verhelfen. Seit 2009, so Damon, habe man aus Spendengeldern rund sieben Millionen Mikrokredite unter anderem in Afrika vergeben und neun Millionen Menschen den Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht. Im vergangenen Jahr trat Matt Damon in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel auf, um Politiker und Unternehmer für die Unterstützung der Arbeit von Water.org zu gewinnen. "Ich bin in Davos auch Bono von U2 begegnet, er brach in Lachen aus, als er mich dort in Anzug, Krawatte und Anzug herumlaufen sah, und hat mich sofort mit seinem iPhone fotografiert", sagt Matt Damon in Venedig. "Tatsächlich lebe ich drei Leben. Das eine ist Filmemachen, das zweite ist meine Familie, das dritte die Arbeit für Water.org."

In dem Film "Downsizing", der nun in den deutschen Kinos läuft, spielt Matt Damon einen braven US-Mittelstandsbürger namens Paul, der sich freiwillig auf die Größe von zwölf Zentimetern schrumpfen lässt - wobei ihm böses Unrecht widerfährt. Der Kerl glaubt, sich mit seiner Frau Audrey (Kristen Wiig) einig zu sein, dass sie sich selbst und der Welt mit ihrer Verkleinerung einen Dienst erweisen. Alle großen Menschheitsprobleme, die Übervölkerung des Planeten, der Müll, die Energieverschwendung, selbst die Geldsorgen, könnten im Miniatur-Wunderland der Zukunft gelöst werden, so lautet das Werbeversprechen; also verpflichtet sich Paul gemeinsam mit Audrey dazu überzusiedeln nach "Leisureland", ins Paradies der medizintechnisch Geschrumpften.

Die frohe Botschaft, dass die Wissenschaft einen Ausweg aus dem kapitalistische Rattenrennen gefunden habe, indem sie die Welt gesundschrumpft, erweist sich in "Downsizing" als dreister komischer Betrug. Als erste Überraschung muss Paul erleben, dass ihn die Ehefrau im letzten Moment vor der Verzwergungsprozedur im Stich lässt. Achselzuckend sagt Audrey dem zum Gnom mutierten Gatten per Videotelefonat goodbye. Es ist die lustigste, grausamste Szene des Films - sie zeigt einen Mann, der sich kolossal irrt in der Einschätzung des anderen Geschlechts.

Im August 2017 galt "Downsizing" als Kandidat für die Oscars. Matt Damon zählt den Helden Paul zu seinen liebsten Rollen, er sagt, für ihn habe sie den gleichen Rang wie seine Schauspielerjobs in Anthony Minghellas "Der talentierte Mr. Ripley" (1999) und in Steven Soderberghs "Der Informant!" (2009). An "Downsizing" gebe es für ihn nicht das Mindeste auszusetzen. "Ich bin stolz auf diesen Film, ich liebe jedes Bild, jede Einstellung." Im Januar 2018 wäre aber schon eine Oscarnominierung für "Downsizing" eine Überraschung.

Er solle aus seinem nächsten Film herausgeschnitten werden, so die Forderung. In "Ocean's 8" würde Damon neben weiblichen Stars wie Rihanna, Anne Hathaway, Cate Blanchett und Sandra Bullock in wenigen Szenen zu sehen sein. "Zeigen Sie Flagge gegen Sexismus, unterschreiben Sie jetzt", heißt es im Begleittext von Rebecca G.s Petition. Kann es sein, dass dem Attackierten hier Unrecht widerfährt?

In Hollywood gilt es trotz allem als so gut wie ausgeschlossen, dass Damon wirklich eliminiert wird aus "Ocean's 8". Die Produzenten des Films, George Clooney und Steven Soderbergh, sind mit ihm eng befreundet.

Matt Damon hat in den vergangenen Wochen alle weiteren Interviewanfragen abgelehnt, auch die des SPIEGEL. Er ist vor ein paar Tagen zur Verleihung der Golden Globes angetreten, gemeinsam mit seiner Frau Luciana Barroso, die ein schwarzes Kleid trug als Zeichen der Solidarität mit den Frauen, die gegen die Diskriminierung von Frauen in Hollywood kämpfen. Damon hat bei den Golden Globes wie bei Gelegenheiten zuvor gesagt, dass er es für richtig und gut halte, dass Frauen unter Devisen wie "Time's Up" und "#MeToo" von Fällen berichten, in denen Männer sie erniedrigten und verletzten.

Das Kapital aller großen Jedermanndarsteller ist es, dass sie sich perfekt für jede Art von Projektion eignen. Das hat nichts mit Charakterlosigkeit, sondern mit Wandlungsfähigkeit zu tun. Für seine Rolle als Agent Jason Bourne hat er sich wiederholt in eine Kampfmaschine umgemodelt, in "Downsizing" spielt er mal wieder virtuos den Biedermann. Und doch: "Man spürt bei seinem Spiel immer, dass dieser Kerl von einer undurchschaubaren Gefahr bedroht wird", hat Regisseur Paul Greengrass über Damon gesagt. Es war natürlich als Kompliment gemeint.

Im Film "Downsizing" begreift der von Damon gespielte Naivling Paul irgendwann, dass hinter der schönen Fassade des Zwergenreichs Leisureland ähnlich unschöne Dinge passieren wie in der Welt der Normalgroßen. Auch in der Miniaturwelt gibt es ein System brachialkapitalistischer Ausbeutung, zwangsgeschrumpfte Arbeitssklaven und ausgefeilte Formen von Kriminalität. Christoph Waltz spielt einen Schmuggler und Großgauner, der Paul mit schelmischem Grinsen belehrt: "Die Welt braucht Arschlöcher."

Stimmt das im Film wie in der Realität? In seiner Suite im Hotel Excelsior in Venedig sagte Matt Damon im August: "Jede Utopie von einem friedlichen Zusammenleben der Menschen hat damit zu kämpfen, dass sich der menschliche Charakter nicht ändert, wenn man ihn in eine Welt verpflanzt, in der alles friedlich und fröhlich geregelt werden soll." Braucht die Welt also wirklich Arschlöcher, Mr Damon? "Ich fürchte, in jedem Menschen findet sich die Anlage dazu, sich ab und zu wie ein Arschloch zu benehmen. Das gehört zum Menschsein dazu." Er glaube nicht daran, dass man uns das eines Tages austreiben kann. "Wir sollten es nicht leugnen, sondern versuchen, damit zu leben."



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