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Matthias Matussek: "Ein neues deutsches Gefühl"

Von Matthias Matussek

In seinem neuen Buch "Wir Deutschen" plädiert SPIEGEL-Kulturchef Matthias Matussek dafür, unser Verhältnis zur Nation neu zu bestimmen. Der folgende Text ist ein Auszug aus im S. Fischer Verlag erschienenem Band.

Zu den eigentümlichsten Bewegungen der Globalisierung gehören die immer mächtigeren antiglobalistischen Unterströmungen. Je dichter die Welt zusammenrückt, desto weiter fällt sie auseinander. Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl.

Auf unserm Weg in die totale Angleichung gibt es plötzlich lauter Strudel, Impulse des Sträubens und der Selbstvergewisserung.

Autor Matussek: "Das Konstrukt 'Nation' wird neu überprüft"
Suse Walczak

Autor Matussek: "Das Konstrukt 'Nation' wird neu überprüft"

Die kann jeder an sich selber beobachten, der sich auf die Webseite von www.google.earth klickt und kühn ins All hinausgeht: Man hat den ganzen Planeten vor sich, aber versucht zuerst, das eigene Land zu orten. Man besucht die eigene Straße wie ein Fremder und versucht, sich auf den Kopf zu schauen, und das ist genau das, wovon der Prinz träumt in Büchners "Leonce und Lena". Man will kennenlernen, wo man herkommt, und oft ist das das eigentlich Unbekannte.

Die spannendste Frage in diesen Zeiten der Migrantenströme und Einbürgerungstests und Zugehörigkeitsbestimmungen lautet: Wer sind wir? Was ist unsere Heimat?

In den USA ist Sam Huntingtons "Who are we?" ein Bestseller. In Großbritannien hält Schatzkanzler Gordon Brown Grundsatzreferate über "Britishness". Dänemark stellt der internationalen Presse seinen Kulturkanon vor. Und Frankreich und Holland beschließen in Volksabstimmungen, zunächst einmal nicht Europäer zu sein, sondern Franzosen und Holländer.

Das Konstrukt "Nation" wird neu überprüft, und alle stellen sich die Frage nach dem Eigenen, sogar wir Deutschen.

Ja, sogar wir. Dabei waren wir bisher ganz unbestritten die Analphabeten des nationalen Gefühls. Wir waren es, seit wir einmal zu tief in diese Pulle gestarrt haben. Danach haben wir uns abstinent verhalten bis hin zu einer immer wieder bedauerten prekären Schwächung des Wir-Gefühls.

"Nie wieder Deutschland" war über Jahrzehnte hinweg eine mehrheitsfähige Parole, zumindest unter deutschen Intellektuellen. Wer immer sich ein Häuschen in wärmeren Gegenden zusammengeschrieben hatte, genoß sich selbstgefällig als Exilant in einer großen Reihe deutscher Exilanten und ergaunerte sich damit moralisch Pluspunkte. Man gehörte zu den guten Deutschen, indem man die anderen, zurückgebliebenen verachtete. Italienische, polnische, französische Intellektuelle hielten das stets für neurotisch. Mit Recht.

Als Willy Brandt damals die Nationalhymne sang vor dem Schöneberger Rathaus, ziemlich falsch und voller schöner Ergriffenheit, gab es viele in meiner Generation, die Brandts Traum von der geeinten deutschen Nation nicht teilen konnten. Und es gibt sie immer noch, die traumlosen Spießer in Redaktionsstuben, Rundfunkanstalten und Parlamenten. Und in Gerichten.

Christine Hohmann-Dennhardt, auf Vorschlag der SPD in den Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts gewählt, führte unlängst aus, "die spezifische und über weite Strecken düstere Historie Deutschlands" erlaube es schwerlich, "als zu Rettendes die Nation, das Nationale zu beschwören". Ist das eine Ankündigung? Will sie sagen, daß sie sich nur noch vorläufig von der Nation als Verfassungsrichterin bezahlen lassen will? Nämlich bis die Nation von allein das Licht ausmacht, weil sie geschichtlich abgewirtschaftet hat?

Wohlgemerkt, so was sagt eine Bundesrichterin, die überdies historisch so schwach auf der Brust ist, daß sie das "Reich" nur mit dem "Dritten Reich" identifizieren kann. Dabei ist das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" 1000 Jahre älter als die Nazibarbarei.

Es hat große Kaiser und Künstler und Schurken gesehen, Zeiten der Blüte, Zeiten des Niedergangs, es hat im Dom zu Speyer genauso Gestalt gefunden wie in Gutenbergs Bibel und Mozarts Requiem. Haben die Rheinburgen nichts mit unserer Reichsgeschichte zu tun? Woran denkt die Dame, wenn sie die Stifterfiguren am Naumburger Dom betrachtet. An Hitler?

Ohne eine positive Identifikation mit unserer Nation, das haben viele Besonnene vom Bundespräsidenten abwärts kapiert, fliegt uns in den Zeiten der Globalisierung und der dschihadistischen Konfrontationen unser Land um die Ohren.

Das macht die gegenwärtige Debatte um die Einbürgerung ja so besonders spannend für uns Deutsche: Sie dreht sich nicht um türkische Einwanderer, sondern um uns selber. Es geht nicht darum, ob russische Migranten den Einbürgerungstest schaffen, sondern wir Deutsche. Nicht deren Loyalität steht zur Debatte, sondern unsere.

Wir haben Nachhilfe nötig.

Die türkische Schriftstellerin Mely Kiyak brachte es in der "Zeit" auf den Punkt: "Wieso erwartet man von uns überhaupt, daß wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?" Die Deutschlandverachtung haben wir trainiert. Wie aber geht das andere?

Nichts stimuliert die Liebe zum eigenen Land offenbar so sehr, als wenn man es ständig gegen Klischees und Herabsetzungen zu verteidigen hat. Insofern konnte es nichts Anregenderes geben für einen eher unzuverlässigen Patrioten wie mich, als eine Zeit in England zu verbringen.

Tretereien gegen Deutsche sind dort durchaus nicht auf die Unterschicht-Hooligans beschränkt. Ich war kaum zwei Wochen auf der Insel, da saß ich in einer sehr erlauchten Dinner-Gesellschaft neben der geadelten Roman-Autorin Antonia Byatt. Es gab Lamm unter Fürstenporträts aus dem 18. Jahrhundert, ich war vergnügt und leichtsinnig und toastete ihr zu, obwohl sie sich sehr verschlossen und griesgrämig gab. Dann fragte sie, was ich von der europäischen Verfassung hielte.

Ich verschluckte mich fast.

Ich kannte keinen, der Giscards 1000seitiges Papierpaket gelesen hatte, ich auf alle Fälle nicht. Also antwortete ich vage, daß es wohl in Ordnung sei, wenn sich die europäische Staatengemeinschaft auf ein paar grundlegende Prinzipien einige, was man eben so sagt, wenn man sich durchblufft. Was sie selber davon halte?

Damit wollte ich erst mal Zeit schinden und den Ball in ihr Feld schlagen. Sie sah ebenfalls nicht so aus, als habe sie sich damit beschäftigt. Ihre schwer beringte und erstaunlich plumpe Hand blieb eine Weile über dem Teller schweben, und dann sagte sie: "Wissen Sie, wir Briten brauchen keine Verfassungen - wir sind die älteste Demokratie der Erde."

Und dann setzte sie hinzu: "Für junge Nationen wie euch Deutsche mögen Verfassungen durchaus ihren Nutzen haben."

Man kann den Tonfall, in dem das vorgebracht wurde, nicht näselnd und abschätzig genug schildern. Im Prinzip sagte sie: Ihr seid Barbaren, ihr habt gerade die Keule aus der Hand gelegt, ihr habt keine Kultur, ihr braucht die Kandare.

Ich hörte mich sagen: "Bei uns, Gnädigste, wurde das Frauenwahlrecht wesentlich früher eingeführt als bei Ihnen, was dann auch verständlich ist, wenn ich mir Sie so anhöre." Ich nahm einen Schluck Wasser. "Und was Verfassungen angeht: Ein paar Regeln täten Ihrer kleinen verregneten Insel mit den verdreckten Krankenhäusern und den entgleisenden Zügen ganz gut."

Das sagte ich natürlich nicht.

Das alles fiel mir viel später ein.

Zunächst war ich sprachlos.

Hatte die Dame recht? Sind wir wirklich erst gestern aus dem Eichenwald gekrochen?

Ich kramte und raffte zusammen, was mir auf die Schnelle an großen Deutschen einfiel. Wir, die Erben der Römer! Arminius, Karl der Große, Barbarossa! Gutenberg, Beethoven, Heine, Bonhoeffer, Lubitsch, Beckenbauer, Heidi Klum!

Doch während ich mein deutsches Dreamteam gegen das englische aufstellte, spürte ich, wie verloren meine Generation ist, wenn es um kulturelle Affirmationen geht. Zuspruch zum eigenen Volk? In meinen langen Jahren als Auslandskorrespondent in den USA, in Brasilien und in Großbritannien hatte ich das als völlig entspannte Gegebenheit erlebt. Bei uns ist das tabuisiert, seit die trostlose "Nie wieder Deutschland"-Generation die Spielregeln bestimmt.

Nach Ernest Renan lebt eine Nation von dem Gedanken, "in der Vergangenheit große Dinge gemeinsam getan zu haben und andere in der Zukunft miteinander tun zu wollen". Nach dieser Formel ist unser Land nicht zukunftsfähig, denn es ist jenseits der Holocaust-Gedenkkultur gedächtnislos bis zur Schwachsinnsgrenze.

Unsere Hilflosigkeit in der Einbürgerungsfrage liegt genau darin begründet, daß uns der Patriotismus in den letzten Jahrzehnten nur als Verfassungspatriotismus erlaubt war, als wichtiges, aber fades Sammelsurium von Selbstverständlichkeiten wie der, keine Frauen zu schlagen, die für jede andere aufgeklärte Nation auf dem Erdball ebenfalls gelten. Das "Deutsche", das in Einbürgerungstests von hilflosen Verwaltungsbeamten abgefragt wird, ist ein politisch korrektes, von kulturellen Identifikationen absolut gereinigtes Konstrukt, das sich die Grundsatzkommissionen der Jusos und der Grünen in den letzten Jahrzehnten als universell kompatiblen Idealtyp zurechtgebastelt haben.

Wir haben das Abwerfen kultureller Identität als demokratischen Fortschritt gefeiert und kassieren nun, in der Migrationsfrage, Niederlage auf Niederlage.

Die Sprache zum Beispiel. Während wir noch mit Abstraktionen und Menschenrechtserklärungen um uns schmeißen, hat die Gegenbewegung längst stolze Geländegewinne zu vermelden. Kanak, diese lustige Türkenproll-Entsprechung zum schwarzen Ghetto-Slang, hat längst die Schulhöfe und die Discos erobert. Es ist regelrecht uncool geworden, richtig Deutsch zu reden. "Niemand hat die Türken aufgefordert, sich mit deutscher Kultur zu beschäftigen", meinte Necla Kelek jüngst. "Die Linke hat bis heute nicht damit begonnen, die Schutzglocke zu lüften."

Die türkische Intelligenz selber also setzt sich bei uns gegen die linken Versteher zur Wehr. Doch die haben noch längst nicht fertig mit ihrem "Nie wieder Deutschland"-Programm. In einem Flammenartikel wurde kürzlich in einer Sonntagszeitung gefordert, der deutsche Staat solle "Islamschulen und Moscheen" bauen sowie islamische Rundfunkräte institutionalisieren.

Das ist immer wieder erstaunlich: Diejenigen, die sonst so aggressiv auf der Trennung von Staat und Kirche bestehen, bekommen angesichts des Islam weiche Knie. Die katholischen Kirchen werden als Bollwerke der Reaktion gesehen, doch angesichts einer Koranschule schimmert dem Multikulti-Versteher das Auge.

Wie lächerlich wollen wir uns noch machen? Es wird Zeit, daß wir diesen Mehltau an Vermurkstheiten abschütteln - und es geschieht. Schon seit geraumer Zeit macht sich eine neue, unbekümmerte Generation hörbar und sichtbar, im Kino genauso wie in der Literatur oder im Pop. Sie ist kosmopolitisch, sie ist unverkracht, und sie ist Deutschland.

Die Nachkriegszeit ist endgültig vorbei. Neue Stürme fegen durch die ganze Welt. Es gibt einiges zu tun. An die Arbeit.

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Forum - Patriotismus - ist eine neue Debatte notwendig?
insgesamt 1651 Beiträge
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1.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
2.
Bloomberg76, 01.06.2006
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
3.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
4.
dericon, 01.06.2006
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
5.
Koepe, 01.06.2006
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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