Fotoprojekt in Halle So geht's zu in deutschen Vereinen

Meine Knarre, mein Garten, mein Auto: Matthias Ritzmann hat zwei Jahre lang das Vereinsleben in Halle an der Saale fotografiert. Er porträtierte Sportschützen, Kleingärtner und Manga-Fans - es entstand ein Panoptikum deutscher Leidenschaften.

Ein Interview von

Matthias Ritzmann

Matthias Ritzmann, freiberuflicher Fotograf aus Halle, war überrascht, dass es Tausende Vereine in der Stadt gibt. Er selbst lebt seit elf Jahren dort und machte 2009 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein sein Diplom. In jungen Jahren spielte er in einem Verein Tennis.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ritzmann, Sie haben in den vergangenen Jahren Kleingärtner und Kleintierzüchter, Kampfsportteams, Manga-Fans und Mitglieder von Autoclubs fotografiert. Warum?

Ritzmann: Während meiner Diplomarbeit bin ich Mitglied bei Postkult geworden, einem Verein, der leerstehende Häuser in Kulturzentren umwandeln will. Postkult ist sehr alternativ, aber trotzdem gibt es diese typischen Vereinsthemen da: Wer ist im Vorstand? Wer macht die Öffentlichkeitsarbeit? Dass es selbst in so einem Verein solche Strukturen gibt, hat mich interessiert. Dann habe ich weiterrecherchiert.

SPIEGEL ONLINE: Und herausgefunden...

Ritzmann: ...dass es in Halle rund 3000 Vereine gibt. 3000! Das ist doch unglaublich, oder?

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie Gruppenfotos gemacht?

Ritzmann: Ja, auch. Aber auf diese typischen Gruppenfotos hatte ich keine Lust. Ich wollte zeigen, was das für eine Welt ist. Aber bis ich die ersten Bilder machen konnte, hat es ganz schön gedauert. Die Kommunikation mit den Vereinen war sehr zäh und hat sich hingezogen. Ich musste erst einmal überall anrufen, hinfahren und mich vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vereine haben Sie als Erstes fotografiert?

Ritzmann: Zuerst einen japanischen Kampfsportverein, danach den Schützenverein in Halle-Neustadt. Insgesamt waren es am Ende 23 Vereine.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie als Fremder da reingekommen?

Ritzmann: Man braucht meistens jemanden, der einen vorstellt, in der Regel ist das der Vorsitzende. Wenn man den auf seiner Seite hat und er einen einführt, dann kann man schneller ein Teil der Gruppe werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das Vertrauen der Vereinsmitglieder gewonnen?

Ritzmann: Bei der VW-und-Audi-Society musste ich erst einmal eine halbe Stunde draußen warten, bis die sich abgesprochen hatten. Als dann das Ja kam, war ich drin. Oft braucht man mehrere Anläufe. Dabei habe ich auch gemerkt, wie gern und oft Vereine diskutieren, zum Beispiel darüber, ob ich nun Fotos machen durfte oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Vereinsmitglieder noch gemeinsam?

Ritzmann: Sie stecken viel Zeit und Geld in dieses Leben. Alle verspüren den Trieb, ihre Wochenenden in den Vereinen zu verbringen.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, gibt es den Menschen, in einem Verein zu sein?

Ritzmann: Die Gemeinschaft, Anerkennung, Freundschaften, das Gefühl, aufgehoben zu sein. Es geht darum, etwas gemeinsam an einem Ort zu machen, etwas Reales zu erleben. Nicht nur vor dem Computer zu sitzen. Zu Ostzeiten gab es ja hauptsächlich Turnvereine, in den neunziger Jahren haben die Menschen dann viele verschiedene Vereine gegründet: Line-Dance-Clubs zum Beispiel. Plötzlich hatte man die Freiheit, Western-Outfits zu tragen und öffentlich zu präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Vereinsmitglieder auf Ihre Fotos reagiert?

Ritzmann: Viele von ihnen sind zu den Vernissagen gekommen. Ich glaube, die meisten waren stolz, sich so in einer Ausstellung zu sehen. Sie haben sich auf den Fotos zum Teil in ganz komischen Situationen wiedergefunden.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Ritzmann: Als ich die Fußballer von Roter Stern im Winter fotografiert habe, war ihr ganzer Trainingsplatz mit Wasser zugelaufen - das mussten sie erst einmal mit Besen wegschrubben. Ich finde, auf den Bildern sehen die Fußballspieler so aus, als würden sie Ballett tanzen. Solche Szenen hätte ich nicht erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vereine sind besonders beliebt?

Ritzmann: Kleingartenvereine sind hochaktuell. Besonders bei Studenten sind sie sehr begehrt. Ich habe auch schon zwei Punks gesehen, die in den Parzellen Gemüse angebaut haben.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie jetzt so viele Vereine in Halle kennen - in welchen würden Sie gern noch eintreten?

Ritzmann: Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich vielleicht Mitglied im Kleingartenverein werden. Selbst Gemüse anbauen - das wäre gut.

Das Interview wurde geführt für das Foto-Portal seenby.de

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