Matusseks Leben als Katholik: "Ich war Jesus am Heiligabend"

Wie wird man leidenschaftlicher Katholik - und bleibt es? In seinem Buch "Das katholische Abenteuer" schreibt SPIEGEL-Autor Matthias Matussek von einer Kindheit zwischen Krippenspiel und Ministrantendienst - und erzählt von einer fast vergessenen Formensprache. Ein Auszug.

"Snobs bringen uns von der Religion ab, heutzutage, wenn's ihnen gelingt. Ich scheiß auf sie. Und wünsch Dir Gott." Les Murray: "Die letzte Begrüßung"

Ich bin katholisch, und das ist auch gut so. Ich habe mir die Sache nicht ausgesucht. Sie ist mir in mein Gemüt gelegt, von Kindheit an, so sehr, dass sie mir vorkommt wie angeboren. Eine Veranlagung. Vielleicht ist sie das auch. Tief in mir verwurzelt.

Für dieses Bekenntnis den gleichen Beifall zu kassieren wie, sagen wir, Berlins Party-Bürgermeister Klaus Wowereit, aka "der Wowi", für das seiner sexuellen Orientierung, erwarte ich gar nicht - aber ich will ja auch keine Wahlen gewinnen. Katholizismus, ganz besonders in diesen Tagen, ist nicht mehrheitsfähig. Begeben wir Katholiken uns auf den Marktplatz, müssen wir zickzack rennen, denn es wird aus allen Rohren gefeuert. Doch natürlich bleibe ich katholisch. Geht gar nicht anders. Jetzt erst recht.

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Matthias Matussek: "Das katholische Abenteuer"
Mein Katholizismus kennt keine ruhige Mittellage. Er besteht aus dem Jubel mit Mozarts Krönungsmesse und Ergriffenheit über Michelangelos Pieta, aus Versenkung und Glaube und Zweifel und bisweilen Verzweiflung über den eigenen Verein. Mein Katholizismus ist die Religion der Schwärmer und Sünder, der gefallenen Geistlichen und aufopferungsvollen Heiligen, des Säuferpriesters bei Graham Greene und des Märtyrer-Landpfarrers von Georges Bernanos.

Mein Katholizismus ist übrigens nicht demokratisch. Er ist nicht konsensabhängig. Er ist keine Sache von Gremien und Thesenpapieren. Glaubenswahrheiten sind keine Abstimmungssache.

Mein Katholizismus ist auf dunkle Art monarchistisch. Als Jesus von Pilatus gefragt wird: "Bist du der König der Juden?", verweigert er stolz die Antwort. Er sagt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Das ist so anders, dass wir es gar nicht ermessen können.

Mein Katholizismus besteht auf Geheimnis und Mystik und Form. Wie will man die Sakramente modernisieren? Wie die heilige Wandlung übersetzen? Geht gar nicht.

Die bequemere der christlichen Konfessionen ist derzeit eindeutig die protestantische. Ihre Bekenntnisse tropfen ins gesellschaftliche Gewebe in homöopathischen und jederzeit gut verträglichen Verdünnungen. Sie ist fortschrittlicher Mainstream und ihre Lebenshaltung gutbürgerlich. Ihre Pastoren laufen mit der Zeit, sie heiraten und lassen sich scheiden, sie fahren ab und zu betrunken Auto, nichts, was irgendeinen groß aufregen würde, im Gegenteil, sie werden geliebt dafür, dass sie sind wie alle.

Mein Namenspatron wurde enthauptet

Sie verlangen nichts, sondern schreiben Erbauungsliteratur. Hat mich nie interessiert. Mich interessiert der Streit. Mich interessiert das Bekenntnis. Mich interessiert das Geheimnis.

Wie ich wurde ich, wer ich bin?

Mein katholisches Abenteuer begann in der Krippe, in einem Wäschekorb, auf Stroh, ich war Jesus am Heiligabend und meine Brüder Josef und Maria, Ochs und Esel. Deutschland war Fußballweltmeister geworden. Das Ruhrgebiet leuchtete.

Ich wuchs auf mit Fronleichnam und Marienandacht, mit Rosenkranz und Beichte. Die Messen waren lang und auf Lateinisch, und ich war dennoch fasziniert. Wer sagt, dass Kinder alles verstehen müssen, dass nicht auch sie mehr ahnen wollen, als wissen? Wer sagt, dass sie so unglaublich interessiert an Bastelarbeiten im Altarraum sind? Ich mochte schon als Kind die Könner, die Frommen, die Anderen.

Wir beteten zu Tisch und vorm Zu-Bett-Gehen. Vor Reisen beteten wir zum heiligen Christophorus und beim Verlust von Schlüsseln oder Portemonnaies zum heiligen Antonius. Eines Tages, im Italienurlaub, verlor mein Vater die Brille im Meer. Wir versammelten uns zum Antonius-Gebet am Strand. Danach ging er wieder in die Wellen, griff in die braune Brühe und hielt die Brille in der Hand. Ein Wunder, und ich war dabei! Meine evangelischen Spielgefährten haben so etwas nie erlebt.

Meine religiöse Kindheit war anregend, abenteuerlich, theaterhaft. Unsere Rollenmodelle waren die Heiligen. Ich war stolz auf meinen Namenspatron, den Apostel Matthias, der für den Verräter Judas aufgenommen wurde. Matthias wurde später, in Trier, von einem römischen Legionär enthauptet. Wie romantisch! "Du wirst später entweder Verbrecher oder Heiliger", sagte mein Vater zu mir. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, beides schien reizvoll zu sein. Im Übrigen gab es genug Verbrecher (und Christenverfolger), die zu Heiligen wurden.

Abenteurer waren sie alle. Da war zum Beispiel Johannes der Täufer, der bekanntermaßen in der Wüste von wildem Honig lebte. Also organisierte ich mir mit meinem jüngeren Bruder ein Glas Blütenhonig aus dem Küchenschrank, dann setzten wir uns wie Verschwörer in unsere "Laubhütte", die wir mit ein paar Blätterzweigen im Sandkasten markiert hatten. Die Heuschrecken ließen wir aus.

Ich hatte das Gefühl, ich müsse etwas Bedeutendes, etwas Aufrüttelndes verkünden, aber mir fiel nichts ein, was sich auch nur entfernt anhörte wie: "Es wird aber einer nach mir kommen ..." oder "Kehret um ...". Wir brachen den Versuch dann vorzeitig ab, weil man uns und das Honigglas entdeckte und uns wie gewöhnliche Kriminelle behandelte. Pfui.

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insgesamt 259 Beiträge
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    Seite 1    
1. oweh...
jenzy 09.05.2011
"...Ich bin katholisch, und das ist auch gut so. Ich habe mir die Sache nicht ausgesucht. Sie ist mir in mein Gemüt gelegt, von Kindheit an, so sehr, dass sie mir vorkommt wie angeboren. Eine Veranlagung. Vielleicht ist sie das auch. Tief in mir verwurzelt...." da sieht man das die gehirnwäsche dieser kirche bei kindern wunderbar funktioniert. schlimm!
2. Zu schade...
Saïph 09.05.2011
Zitat von sysopWie wird man leidenschaftlicher Katholik*- und bleibt es? In seinem Buch "Das katholische Abenteuer" schreibt SPIEGEL-Autor Matthias Matussek von einer Kindheit zwischen Krippenspiel und Ministrantendienst - und erzählt von einer fast vergessenen Formensprache. Ein Auszug. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761395,00.html
Zu schade, dass diese Formensprache nur "fast" vergessen wurde. Und albern, wie verklärt man angesichts eines des überholten Instituts wie der Kirche heutzutage als Mitglied unserer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft noch sein kann.
3. Wie bleibt man leidenschaftlicher Katholik
BettyB. 09.05.2011
Indem man sich weigert nachzudenken oder konsequent zu handeln.
4. *
geroi.truda 09.05.2011
Die - vom Vat. II nicht wirklich gedeckten - "Reformen" der 1970er Jahre haben den Katholizismus erledigt: Statt Messe nur noch protestantisierende Parodie, statt Gregorianik lächerliche Gesänge zur Klampfe oder gar Trommeln, statt perfekt durchkomponierter Texte in spätantiker Juristensprache von Laien dilettantisch formulierte "Fürbitten" von höchst zweifelhaftem theologischen Gehalt... "Summorum Pontificum" war da zwar ein kleiner Lichtblick, kam aber nach drei Jahrzehnten Katholikenverfolgung durch durch und durch protestantisch verketzterte deutsche Bischöfe einfach zu spät.. Ich habe für mich die Konsequenz gezogen und bin zur (russischen) Orthodoxie übergetreten, weil diese in unverbrüchlicher Treue zur Tradition steht (und sicher nicht, um Kirchensteuer zu sparen - die ca. EUR 1k die ich früher monatlich als Kirchensteuer gezahlt habe, spende ich heute ganz einfach).
5. ...
e-ding 09.05.2011
Zitat von jenzy"...Ich bin katholisch, und das ist auch gut so. Ich habe mir die Sache nicht ausgesucht. Sie ist mir in mein Gemüt gelegt, von Kindheit an, so sehr, dass sie mir vorkommt wie angeboren. Eine Veranlagung. Vielleicht ist sie das auch. Tief in mir verwurzelt...." da sieht man das die gehirnwäsche dieser kirche bei kindern wunderbar funktioniert. schlimm!
Diese "angeborene Veranlagung" ist eben nur ein anerzogenes Abhängigkeitsverhältnis. Matussek hätte als Nordkoreaner auch einen flammenden Beitrag auf die "Kim-Dynastie" und als Perser auf den Islam geschrieben. Traurig in seinem Fall ist nur, dass nicht der Mangel an Intellekt als Entschuldigung für seine, ganz bewusst gewählte "Nichtaufklärung", herhalten kann.
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