Matusseks Leben als Katholik Weg mit der Kirchensteuer!

Lustfeindlich, rückständig - die Vorwürfe gegen die katholische Kirche sind alt und abgeschmackt. Bei einem viel schlimmeren Missstand halten die Kritiker still: der Kirchensteuer. Ohne sie geht Glauben besser, meint Matthias Matussek. Ein Auszug aus seinem Buch "Das katholische Abenteuer".

Matthias Matussek

Als der Papst vor einigen Jahren durchblicken ließ, dass er Kirchenzugehörigkeit und Steuer nicht verknüpft sehen wollte, erbleichte das deutsche Episkopat. Doch nicht nur die katholischen Kirchenoberen wurden nervös, auch in den Reihen der Protestanten gab es eine Menge besorgter Gesichter. Dabei weiß jeder, dass dieser deutsche Weg eine Ausnahme ist.

Überall sonst auf der Welt gibt es Frömmigkeit auch ohne Steuer, ohne dieses erkaltete Christentum per Staatseinzug. Und sie ist oft fröhlicher als bei uns. Ich habe in Rio und in New York in Gemeinden gelebt, die womöglich aus genau diesem Grunde so vital waren, weil sie ihre Kirche mit freiwilligen Spenden und tätiger Hilfe stützen, ja stützen müssen.

Warum schweigen die Sandalenträger?

Dass bei uns nur derjenige die Sakramente erhält, der die Zwangsabgabe zahlt, ist eine moderne Form von Ablasshandel. Es ist ein theologischer Skandal, den erstaunlicherweise auch die Protestanten stillschweigend mittragen, gerade sie, die sich doch einst im Protest gegen den Ablass erst gründeten.

Doch vor allem tragen diesen faulen Frieden unsere lautstarken Reform-Katholiken mit, die Anti-Römer, die Honoratioren unseres "Zentralkomitees" genauso wie die dauerprotestierenden Sandalenträger der "Kirche von unten", die mit den fortschrittlichen Kirchentagen und Trommeln für den Frieden.

Wohin fließt die Steuer? Nicht in unsere Gemeinde! Wir mussten für die Reparatur unseres Kirchendaches sammeln. Aber wir haben das Geld zusammengekriegt. Kirchenmittel? Die fließen wohl in erster Linie in die Finanzierung von Katholikentagen und Thesenpapieren, auf denen der Papst als rückständig und autoritär beschimpft wird und die Aufhebung des Zölibats gefordert wird. Das Dach ist eine Metapher. Die Gläubigen in der Gemeinde reparieren, während die Gremienkatholiken die Steuern dafür verwenden, Glaubens-Bastionen und Traditionen einzureißen.

Die Herrschaft des Thesenpapiers

Unsere Kirchen richten es sich in Staatsnähe verdächtig bequem ein. Und aus diesem warmen Unterstand heraus überbieten sie sich in radikalen Forderungen. Die Abrissvorschläge kreisen immer um die gleichen Punkte: Zölibat, Unfehlbarkeit, Gleichberechtigung. Nichts davon interessiert die Weltkirche, interessiert einen Katholiken in Ägypten oder Pakistan. Die sind mit Überleben beschäftigt.

Bei uns herrscht sterile Selbstbeschäftigung von Bürokraten. Die katholische Kirche hat die womöglich notwendigen Erschütterungen durch das zweite Vatikanum und die Reformen seiner Liturgie nur so leidlich überstanden. Das Ergebnis: Es liegt jetzt mehr gewöhnliches Tageslicht in Kirchenräumen. Die Hochaltäre sind weggeräumt, die Andachtsräume wurden von Kinderzeichnungen und einer mittlerweile auch wieder angestaubten Avantgarde erobert.

In dem Maße, in dem sich die Kirchen entzauberten, leerten sie sich. Sie wurden hässlicher und kurzatmiger in dem Versuch, mit den Zeitgeistzuckungen mitzuhalten.

Und nun wollen Reform-Katholiken, allen voran Heiner Geißler und Hans Küng, erneut die Axt anlegen? Warum nur sind es immer die offenbar gelangweilten über 80-jährigen, die sich - ganz besonders im glaubensermatteten Deutschland - in revolutionäre Kraftposen schmeißen? Der Katholizismus ist eine 2000 Jahre alte Bastion, ein Kulturspeicher, ein Gedächtnisspeicher der Menschheit, und er sollte es bleiben.

Er sollte eine Institution mit langem Atem bleiben. Katholizismus ist für mich zum Beispiel Gaudís surreale Kathedrale, die seit über hundert Jahren unaufhaltsam in den Himmel wächst. Finanziert wird sie ausschließlich durch private Spenden. Wann sie vollendet sei, wurde Gaudi vor seinem Tod 1926 gefragt. Er lächelte und sagte: "Mein Auftraggeber kann warten."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 238 Beiträge
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Seite 1
nepi 11.05.2011
1. Alles bekannte Thesen
und nicht wirklich neu. Herr Matussek sollte sich mal eine andere Platte zulegen... http://alturl.com/xns9m http://alturl.com/ycsac
Steppenwoolf, 11.05.2011
2. Nun ja
Zitat von sysopLustfeindlich, rückständig -*die Vorwürfe gegen die katholische Kirche sind alt und abgeschmackt. Bei einem*viel schlimmeren Missstand halten die*Kritiker still: der Kirchensteuer. Ohne sie geht Glauben besser, meint Matthias Matussek. Ein Auszug aus seinem Buch "Das katholische Abenteuer". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761854,00.html
Ich gestehe, mir ist nicht so richtig deutlich geworden, was diese manische Kirchen- bzw. Religionsfeindlichkeit von Matussek mir eigentlich sagen will. Aber jetzt erfahre ich es endlich, das Geld! Aber natürlich, was sonst! Aber mal ehrlich, was soll eigentlich dieser Privatkrieg von Matussek gegen die Kirche?
surselva-29 11.05.2011
3. Wenn Sie ...
Zitat von SteppenwoolfIch gestehe, mir ist nicht so richtig deutlich geworden, was diese manische Kirchen- bzw. Religionsfeindlichkeit von Matussek mir eigentlich sagen will. Aber jetzt erfahre ich es endlich, das Geld! Aber natürlich, was sonst! Aber mal ehrlich, was soll eigentlich dieser Privatkrieg von Matussek gegen die Kirche?
... Matussek für kirchen- bzw. religionsfeindlich halten, haben Sie ihn wohl nicht verstanden. Mattuseks Buch ist ein glühendes Plädoyer für die katholische Kirche. Und als Protestant zolle ich ihm dafür höchsten Respekt.
weero, 11.05.2011
4. morbus sacer
Puenktlich einmal die Woche wieder ein Artikel zum Christentum / der Kirche. Wann hat sich der Spiegel die schraege Obsession mit dem langweiligen steinalten Totenkult eigentlich eingefangen? Zu Augstein's Zeiten gabs zwar auch Artikel zum Thema, aber die waren wenigstens wertvoll zynisch und nicht so politisch korrekt wie die ewig selbe Leier vom heute. Was dem SPON daueberhinaus noch den Geschmack einer Sekte verleiht, ist die schamlos einseitige Zensur, welche jeden esoterischen Humbug passieren laesst, aber jedwelche zu strenge Formulierung gegen die Kirche rauswirft. Ich bin wirklich sehr enttaeuscht SPIEGEL!
unuomo, 11.05.2011
5. Ach Herr Matussek..
wann endlich, kommen Sie im Jahr 2011 an?
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