Mauer-Drama "Das Wunder von Berlin" Klassenkampf am Küchentisch

Der Sohn Punk, der Vater Stasi-Offizier: "Das Wunder von Berlin" beleuchtet die letzten Tage des DDR-Regimes aus Sicht einer auseinanderbrechenden Familie – und vermeidet dabei fast alle Klischees, die TV-Blockbuster dieser Größenordnung sonst auffahren.

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Drei Generationen unter einem Dach, das verspricht Ärger. Opa schwärmt von der Wehrmacht, der Sohn verteidigt als Geheimdienstoffizier den realen Sozialismus, der Enkel spuckt als Bier-Punk auf den Arbeiter-und-Bauernstaat. "Ich hasse dich", sagt der ungewaschene Spross irgendwann zum streng gescheitelten Alten. "Das ist das Privileg der Jugend", antwortet der darauf so akkurat wie ungerührt.

Der Hass der Jungen auf die Alten hat bei den Kaisers also schon Tradition – und war auch immer gut begründet. Denn ist es nicht leicht nachvollziehbar, dass der hochrangige Stasi-Beamte Jürgen (Heino Ferch) einst aus Verachtung für seinen Nazi-Vater (Michael Gwisdek) für einen gerechten Sozialismus kämpfte? Und ist es nicht ebenso leicht nachvollziehbar, dass der Punk Marco (Kostja Ullmann) aus Ekel vor seinem zum gnadenlosen Apparatschik mutierten Dad in die postideologische Bierseligkeit flüchtet?

Die Personenkonstellation in "Das Wunder von Berlin" klingt erstmal nach einer arg ambitionierten Versuchsanordnung, doch die wunderbaren Schauspieler setzen in diesem zeitgeschichtlichen Melodram glaubhaft eine generationsübergreifende Dynamik in Gang: Hier bestimmt nicht das Politische das Private, es ist vielmehr umgekehrt. Der häusliche Mikrokosmos gibt die Impulse für die großen gesellschaftlichen Bewegungen. Wie aus Ablehnung Opposition und aus Opposition wiederum Anpassung wird – dieser Prozess wird am Küchentisch der Kaisers gleich auf mehreren Ebenen durchgespielt.

Vom Punker zum Soldaten

So setzt sich "Das Wunder von Berlin" ab von verwandten Historien-Blockbustern wie "Die Frau vom Checkpoint Charlie", wo Gut und Böse stets durchs einfältige Minenspiel der Darsteller auseinanderzuhalten sind. Die moralischen Kategorien sind in dieser Geschichtslektion über die letzten Tage der DDR den anthropologischen untergeordnet: Wie beeinflusst das System den einzelnen Menschen – und wie der einzelne Mensch das System?

Da darf sich der jugendliche Held schon mal zu einem überzeugten Verteidiger des sozialistischen Regimes wandeln. Denn nachdem Punkrockdichter Marco mit seiner Freundin Anja (Karoline Herfurth) bei einer "Zusammenrottung negativer feindlicher Elemente" von der Stasi hops genommen wurde, steht er vor der Wahl: Zuchthaus oder NVA. Entscheidet er sich für die Armee, darf er danach sogar Germanistik studieren.

Der Punk lässt sich schließlich die blonden Strähnen abschneiden, versucht, als Soldat sauber zu bleiben. Doch bald legt er seine Ablehnung gegenüber dem Militär ab, denn im Ausbilder Wolf (André Hennicke) findet er einen Mann, der wirklich noch für seine Ideale zu kämpfen scheint. Wolf hat in den Siebzigern in Südamerika linke Guerilleros unterstützt, und er weiß seine Rekruten mit den richtigen Worten über den US-Imperialismus in Vietnam aufzuklären.

Stellungskrieg innerhalb der Familie

Marco, dem der Nutznießer-Sozialismus seines Vaters immer zuwider war, findet auf einmal gute Gründe, an den Honecker-Staat samt antifaschistischem Schutzwall zu glauben – obwohl der doch gerade in den letzten Zügen liegt. Und während sich Freundin Anja und Mutter Kaiser (Veronica Ferres) im Neuen Forum für einen gerechten ostdeutschen Staat engagieren, steigt der Ex-Punk bei der NVA zum Zugführer auf: In der Nacht, als die Mauer fällt, soll Marco mit seinen Soldaten die Zivilisten, darunter auch Freundin und Mutter, von der Grenzüberschreitung abhalten.

Das gesamte gesellschaftliche Spektrum der späten DDR in einer einzigen Familie zu verdichten, ist es ein gewagtes Experiment. Dass es trotz einiger arg schlichter dramaturgischer Kniffe weitgehend aufgeht, liegt auch am Mut der Filmemacher, die Figuren mit einer gewissen Widersprüchlichkeit auszustatten. Regisseur Roland Suso Richter hatte ja bereits den Weltkriegs-Zweiteiler "Dresden" mit einer für Monumentalproduktionen dieser Art ungewöhnlichen Komplexität bedacht; der faschistische Stellungskrieg tobte hier innerhalb ein und derselben Familie. Und Drehbuchautor Thomas Kirchner hatte zuvor mit seinem Skript zu "Das Geheimnis im Moor" einen phänomenalen Erinnerungsthriller über die letzten Tage der DDR vorgelegt.

Natürlich kommt "Das Wunder von Berlin" in seiner Aufmachung erstmal als eines dieser typischen Event-Movies daher. Doch der schmierig kalkulierte Titel – so muss man Filme wohl nennen, wenn sie zur ZDF-Primetime am Sonntag laufen, wo sonst Urlaubsromanzen und Adelsschmonzetten Quote machen – steht zum Glück im Gegensatz zur analytischen Präzision des Dramas.

Dissidentin statt Superweib

Außerdem werden die für TV-Produktion in dieser Größenordnung obligatorischen Publikumslieblinge kräftig gegen ihre Bildschirm-Image gebürstet: Auch wenn Veronica Ferres als Buchhändlerin hier Gorbatschow-Werke verkauft und so auch für den schlichtesten "Wetten dass..?"-Zuschauer als sanfte Dissidentin erkennbar ist, wurde ihr Hang, stets das demokratische Superweib geben zu müssen vom Regisseur gut im Zaun gehalten.

Und Heino Ferch, der als einstiger Posterboy des deutschen TV-Blockbusters in "Die Luftbrücke" schon mal ganz Berlin rettete, schraubt hier weiter gekonnt an seiner Demontage als Heldendarsteller. Schon im Drama "Die Mauer" war er ja als ganz und gar unheroischer Arbeiter vom Lauf der Geschichte überrollt worden. Hier nun gibt er den Stasi-Oberen, dessen einstiger echter Idealismus sich längst in puren Egoismus verwandelt hat und von dem man nicht weiß, ob man ihn nun verachten oder bemitleiden soll, wenn er vor dem Fernseher steht und beim Olympia-Goldregen für die DDR proklamiert: "Da zeigt sich ja wohl, was das überlegene System ist." Dass gerade so ein Kadaver-Starrsinn beim Nachwuchs den Willen zur Anarchie herruft, ist dabei natürlich die Ironie der Geschichte.

Die Pogo-Szenen am Anfang des Films, die trüben Endlos-Besäufnisse im Wald und die aufregenden illegalen Fünf-Minuten-Konzerte in Fabrikhallen strahlen übrigens eine rührende Authentizität aus. Mehr Punkrock geht leider nicht auf einem Sendeplatz, wo sonst Traumschiffe ins Quotenmeer bugsiert werden.


"Das Wunder von Berlin", Sonntag 20.15 Uhr, ZDF



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