Mauerbau in L.A. Ostalgiker, schaut auf diese Stadt

Kalter Krieg unter der Sonne Kaliforniens: Ein US-Historiker hat die wohl größte Sammlung von Ostblock-Sammlerstücken außerhalb Europas zusammengetragen und betreibt in Los Angeles sein eigenes Museum. Zum 20. Jahrestag der Wende will er die Berliner Mauer auferstehen lassen - als Kunstaktion.

Von Gregor Waschinski, Los Angeles

The Wende Museum

Als die Oder im Sommer 2002 einen Teil Ostdeutschlands unter Wasser setzte, erhielt Justinian Jampol einen Notruf und eilte umgehend ins Flutgebiet. Alarmiert hatte ihn ein Bekannter, in dessen Keller das "Neue Deutschland" unterzugehen drohte, die gebundene Gesamtausgabe der SED-Parteizeitung, Jahrgänge 1949 bis 1989. "Nimm' sie einfach mit," sagte der Bekannte, und Jampol ahnte, dass er sich ernsthaft würde Gedanken machen müssen über einen Lagerplatz für sein wachsendes Arsenal an Sozialismus-Archivalien.

Sieben Jahre später sitzt Jampol im ersten Stock eines beigen Bürogebäudes, das aussieht wie ein betonierter Schuhkarton. Er versucht zu erklären, warum er "The Wende Museum" gegründet hat, ausgerechnet hier, in der Seitenstraße eines öden Gewerbegebiets am Rande seiner Heimatstadt Los Angeles.

"Ich habe eigentlich nie ein Museum angestrebt", sagt Jampol. In dem Bücherregal hinter ihm stehen die Bände des "Neuen Deutschlands", die er vor dem Oderwasser gerettet hat, damals, als er noch Student der Osteuropäischen Geschichte im englischen Oxford war. "Es hat sich einfach so entwickelt."

Relikte aus dem real existierenden Sozialismus

Mehr als 100.000 Objekte hat der 31-jährige Historiker über die Jahre angehäuft: Speisekarten aus dem Palast der Republik, die Zapfsäule einer Minol-Tankstelle, Flaggen, Uniformen, Gemälde des sozialistischen Realismus, sogar die Aufzeichnungen Erich Honeckers aus dessen Gefängniszelle in Berlin-Moabit. Etwa die Hälfte der Gegenstände stammt aus der ehemaligen DDR, ein Drittel aus der früheren Sowjetunion und der Rest aus anderen Staaten des Warschauer Paktes - es ist die wohl größte Sammlung von Ostblock-Artefakten außerhalb Europas.

Als Student zog Jampol durch Ostdeutschland, fuhr von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach den Dingen, die einst den Alltag unter Hammer und Sichel ausschmückten. Der Nachwuchswissenschaftler interessierte sich für politische Ikonografie, wollte untersuchen, wie Gebrauchsgegenstände im Sozialismus symbolisch aufgeladen wurden und ihre Bedeutung sich im Laufe der Zeit änderte, wie die Berliner Mauer als antifaschistischer Schutzwall verklärt wurde und schließlich als Zeichen der Freiheit erstrahlte.

Auf seinen Reisen interviewte Jampol Zeitzeugen, nicht wenige gaben ihm danach ihre Relikte aus dem real existierenden Sozialismus mit. Für andere Stücke bezahlte er viel Geld. Das 300.000-Dollar-Erbe seines Großvaters soll er für seine Passion ausgegeben haben, so geht ein Gerücht. Jampol bricht in defensives Lachen aus, wenn er mit dieser Summe konfrontiert wird. Natürlich habe er am Anfang alles aus eigener Tasche bezahlt, aber nein, so teuer sei es nun auch nicht gewesen.

"Die Leute rennen uns nicht die Türen ein"

2004 bekam Jampol seine ersten offiziellen Forschungsmittel bewilligt, von dem Zuschuss mietete er eine Lagerhalle in seiner Heimatstadt L.A. Die beiden großen Hochschulen University of California Los Angeles und University of Southern California unterstützten ihn, auch das berühmte Getty-Center leistete Hilfe. Kurze Zeit später zog Jampol mit "The Wende Museum" an den heutigen Standort, auf halbem Weg zwischen Innenstadt und Pazifikstrand.

Vor dem Eingang des Museums steht ein Originalstück der Berliner Mauer, schrill bemalt von dem französischen Künstler Thierry Noir. Unwissende könnten den knallbunten Brocken allerdings auch für einen Werbegag der im Nachbarbüro ansässigen Eventagentur halten. Das Interesse an der US-Westküste für den Alltag im ehemaligen Ostblock ist gering, Jampols Sammlung lagert unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Für Besucher öffnet "The Wende Museum" nur freitags, von zehn Uhr morgens bis fünf am Nachmittag.

"Die Leute rennen uns nicht die Türen ein", räumt Jampol ein, doch er macht nicht den Eindruck, als störe ihn das sonderlich. Der Historiker sieht das Museum eher als Forschungseinrichtung, als Fundus für Wissenschaftler aus aller Welt. Die öffentliche Bildung, die Vermittlung von historischem Wissen durch Ausstellungen, das sollen andere erledigen. "Der belebteste Ort in unserem Museum ist das Archiv", sagt er.

Lenin-Büste aus Porzellan

In dem kleinen Ausstellungsbereich ist nur ein Bruchteil des gesammelten Ostblock-Erbes zu sehen. Im Hauptraum hängt eine Auswahl von Plakaten, Gemälden, Flaggen. Jampol und seine Mitarbeiter haben einen Grenzposten der Berliner Mauer nachgestellt, eine DDR-Amtsstube rekonstruiert, einen Abschnitt zur real existierenden Jugendkultur mit Sandmännchen und FDJ-Wimpel gestaltet. Am liebsten sind Jampol aber Gegenstände, die nicht dem Arbeiter- und Bauern-Klischee entsprechen, sondern von den Brüchen der Geschichte erzählen. So wie jene Lenin-Büste aus Porzellan, die Unbekannte im Oktober 1989 in Leipzig pink und türkis ansprühten und so den Revolutionär zum Clown degradierten.

Jampols Hang zur Symbolik treibt auch sein neues Projekt an, das ähnlich abenteuerlich anmutet wie die Idee eines Wende-Museums unter der Sonne Kalifoniens. Am Nachmittag des 8. November, wenn in Deutschland wegen der Zeitverschiebung bereits der Gedenktag zum Mauerfall angebrochen ist, will er die Mauer in Los Angeles für einige Stunden wiederauferstehen lassen - und dafür eine der Hauptverkehrsadern der Stadt mit 30 Betonblöcken komplett sperren lassen.

"Los Angeles ist ein Ort, der Mauern versteht"

Quer über den mehrspurigen Wilshire Boulevard sollen dreieinhalb Meter hohe Mauerteile aufgestellt werden, gestaltet von Thierry Noir und anderen Künstlern. Die bemalte Seite soll nach Westen zeigen, die graue nach Osten. Bereits im Oktober will Jampol in Anlehnung an die Eastside Gallery in Berlin entlang des Wilshire Boulevard bemalte Mauerblöcke postieren. Das deutsche Generalkonsulat in Los Angeles, das an dem Projekt beteiligt ist, nennt den geplanten Mauerbau einen "Ausdruck für gelebte deutsch-amerikanische Freundschaft". Offen ist allerdings, was die von einem täglichen Verkehrsinfarkt geplagten Autofahrer der Stadt von dem Projekt halten.

"Los Angeles ist ein Ort, der Mauern versteht", sagt Jampol. Dann spricht er über die eingezäunten Wohngegenden der Reichen, die abgeschottete Grenze zu Mexiko, die kulturellen Barrieren zwischen den Einwandergruppen. "Es geht nicht nur um die Berliner Mauer, es geht um die Mauer als Symbol."

Wer Jampols Ideen zum ersten Mal hört, mag den Verdacht hegen, der schlanke, hochgewachsene Mann mit den blonden Haaren sei ein leicht entrückter Südkalifornier mit einem Faible für Ostalgie. Doch sein Wende-Museum wird ernst genommen in der akademischen Welt. Jampol kooperiert mit prestigeträchtigen Universitäten, verleiht Kunstwerke an bekannte Museen. Seine Einrichtung erhält Mittel aus den Töpfen der Regierungen Deutschlands und der USA und einer großen britischen Stiftung. Rund ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt "The Wende Museum", im Aufsichtsrat sitzen Professoren und Unternehmer.

Zeugnisse einer untergegangenen Welt

Ganz hinten im Ausstellungsbereich des Wende-Museums befindet sich eine kleine Tür. Als Jampol sie öffnet, schlägt ihm fahles Neonlicht entgegen. Eine Treppe führt hinab in eine weite Halle mit langen Regalen aus Holz und Stahl. Dort lagern Zeugnisse einer untergegangenen Welt: Kartons mit privaten Briefen und Fotoalben, Uniformen abgeschaffter Armeen, eine Ausgabe des DDR-Tischfußballspiels Luda.

Zwei große Lieferungen aus Europa pro Jahr erreichen "The Wende Museum", dabei wächst der Bestand jedes Mal um rund 4000 Objekte. "Wir tragen Dokumente und Materialien zusammen, die der Forschung sonst verloren gehen würden," sagt Jampol. Außerdem glaubt er, dass der Alltag im Kommunismus hier mit mehr Distanz gesehen werden kann. "In Osteuropa sind die Erinnerungen der Leute an diese politisierte Zeit noch frisch," sagt er. In Kalifornien sei diese Epoche einfach nur Geschichte.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Adran, 24.08.2009
1. Wow
Wow, da sprüht einer vor Witz..
delta058 24.08.2009
2. Kennen wir doch
Zitat von AdranWow, da sprüht einer vor Witz..
Fehlt nur der Hinweis auf die unfreundlichen Kellner
Jamesteakirk 25.08.2009
3. Die Mauer der Abwehr soll fallen
Ick will ooch mal watt sagen, ey. Die DDR wird in den Kategorien gemessen, in denen hier alles in Ordnung ist. Der Abwehrcharakter der DDR-Debatte ist doch sehr deutlich. Häufig ertönt der Vorwurf der Ostalgie. Nun, was ist an Ostalgie schlimm? Schlimm ist es, wenn Mauer, Stasi und andere destruktive Phänomene in der DDR schöngeredet werden. Wenn jemand irgend etwas Positives über die DDR sagt, schlägt ihm häufig der Vorwurf der Ostalgie entgegen. Es wird nicht sachlich auf das jeweilige Positivum eingegangen oder es wird einem unterstellt, man rechtfertige die DDR als Ganzes. Es ist eigentlich traurig, daß in unserer tollen "freiheitlichen Demokratie" solch eine Diskussionskultur herrscht (dies betrifft auch andere politisch korrekt besetzte Themen). Westdeutsche und auch ehemalige DDR-Bürgerrechtler haben häufig Angst, die Perversionen der westlichen Gesellschaft zu realisieren, die trotz schöner Begriffe wie Demokratie und Meinungsfreiheit existieren. Ebenso hat man Angst die positiven Seiten der DDR zu realisieren, die es trotz des Diktatur-Charakters gab. Es gibt keine nüchterne angstfreie Diskussion zu diesem Thema. Es geht immer um Gut und Böse, wie es häufig bei solchen Diskussionen ist. In der DDR standen die menschlichen Beziehungen im Mittelpunkt, das Leben war ruhiger, weniger hektisch, es gab nicht diese Fixierung auf materielle Werte, auf Erfolg. Kein zwanghaftes Gegeneinander und Konkurrenzgehabe. Weniger Egozentrik und Selbstdarstellertum. Mehr Miteinander. Wenn man sich ernsthaft mit den positiven Seiten der DDR auseinandersetzte, könnte man viel für unsere heutige Gesellschaft gewinnen und einmal deren Perversionen und Fehlentwicklungen deutlich unter die Lupe nehmen. Wenn man sich einmal von schönen (BRD) oder bösartigen (DDR) Begriffen verabschiedet und die konkrete gesellschaftliche Realität auf einer menschlich-emotionalen Ebene betrachtet relativieren sich doch der an die Wand gemalte Unterschied und das Dämonisierungsgehabe in bezug auf die DDR beträchtlich. Ich finde es traurig, daß kaum jemandem der normative und tendenziöse Charakter von Zeitungsartikeln, Interviews und dergleichen auffällt. Es ist eine deutliche Abwehrhaltung spürbar, allein schon gegenüber der MÖGLICHKEIT, daß die DDR auch etwas zu bieten hatte, was in heutiger Zeit viel zu kurz kommt. Schlußendlich muß ich noch sagen, daß einem häufig der Abwehrgestus begegnet, wie können die Ossis nur so freundlich auf solch eine Diktatur zurückblicken, das ist das größte Rätsel. Kleiner Kurs in Tiefenpsychologie: Wie kann man sich nur so konsequent der Möglichkeit verweigern, daß es angesichts solch einer starken Sehnsucht und Wehmut vieler Ostdeutscher tatsächlich viele positive Seiten an der DDR gab bzw., daß der Westen auch viele negative Seiten mitsichbringt (die übrigens vielen Westdeutschen weniger bewußt sind, genau wie manche Ostdeutsche die negativen Seiten DDR verharmlosen). Diese Ignoranz der Westdeutschen ist das eigentliche Rätsel. Sie schützt vor unangenehmen Einsichten.
gsm900, 25.08.2009
4. Herr Ober ,das Bier ist warm
Zitat von delta058Fehlt nur der Hinweis auf die unfreundlichen Kellner
wenn Sie etwas kaltes wollen müssen Sie Kaffee bestellen.
erik_wankerl 25.08.2009
5. 20 Jahre Grenzenlos
... das Thema kommt mir bekannt vor ;-) > http://www.20jahre-grenzenlos.de Gruß; Erik
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.