Aktion gegen EU-Außengrenze Die Mauer bleibt stehen

Mit Bolzenschneidern wollten aus Berlin angereiste Aktivisten in Bulgarien den EU-Grenzzaun öffnen. Sie bekamen ihn nicht einmal zu Gesicht - und werten die Aktion am Tag des Mauerfalls dennoch als Erfolg.


Lessowo - Aktivisten eines Kunst-Kollektivs sind mit dem Versuch gescheitert, am 25. Jahrestag des Mauerfalls die Abriegelung der europäischen Grenzen zu überwinden. Beim bulgarischen Ort Lessowo wurden etwa hundert Personen daran gehindert, mit Bolzenschneidern und anderem Werkzeug den EU-Grenzzaun zu zerstören - "die EU-Außengrenze abzubauen", wie die Initiatoren sagen. Die Aktivisten hatten Spenden gesammelt und waren mit zwei Bussen aus Berlin angereist.

Hinter der Aktion steht das Kunst-Kollektiv Zentrum für politische Schönheit, das sich öfter auf ähnliche Weise politisch einbringt. Die Mitglieder empfinden es als zynisch, dass in Deutschland der Fall der Mauer gefeiert wird, während an den Außengrenzen der EU täglich Menschen beim Versuch scheitern, in die Union zu kommen - und viele sogar dabei sterben. Deshalb hatten sie in Berlin Kreuze für die Mauertoten abmontiert, um sie an den neuen Mauern am Rand Europas anzubringen.

Er habe schon vor diesem Wall in Bulgarien gestanden, sagt Philipp Ruch, der zusammen mit Stefan Pelzer die Teilnehmer der Aktion betreute und Verhandlungen mit der bulgarischen Polizei führte. "Ich war entsetzt, was wir aufgebaut haben."

Am Sonntagnachmittag mussten die etwa hundert Teilnehmer - Aktivisten und Journalisten - erkennen, dass sie zumindest an diesem Tag die Mauer nicht abbauen würden können. "Das Hauptziel, die Außengrenze der EU zu Fall zu bringen, wurde nicht erreicht", sagt Pelzer. Die bulgarische Polizei sorgte mit einem großen Aufgebot dafür, dass die Teilnehmer den Zaun noch nicht einmal sehen konnten, geschweige denn in seine Nähe kamen. "Es ist ein bisschen ernüchternd, wenn man die neuen Stacheldrahtmauern sehen will und dann 400 Meter davor gestoppt wird", sagt Ruch.

"Wir wollen die Menschen nicht verrecken lassen"

Trotz des großen Konfliktpotentials - die Teilnehmer waren in bulgarischen Medien als gewaltbereit gebrandmarkt worden, der Innenminister hatte die Aktion zur Chefsache erklärt - lief das Projekt laut mehreren Augenzeugen friedlich ab. "Die Enttäuschung ist nicht allzu groß, weil den hundert Aktivisten viel mehr Polizisten gegenüberstanden", sagt ein Augenzeuge. "Es war von vornherein klar, dass wir keine Chance haben."

"Dass wir so nah rangekommen sind, ist ein Erfolg", beharrt Pelzer dennoch. Als Erfolg werten die Organisatoren die Aktion auch, weil sie Bewusstsein für das Flüchtlingsproblem an den EU-Grenzen schuf. Man habe die Leute zum Nachdenken gebracht. "Das Zentrum für politische Schönheit hat einen riesigen Stein ins Rollen gebracht", sagt eine Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte. Man habe den Zaun nicht einreißen können, aber das sei weiterhin das Ziel, sagt die Kunststudentin. "Wir wollen die Menschen nicht verrecken lassen."

Die beiden Busse mit den Teilnehmern waren am Freitag in Berlin losgefahren. Aus geplanten 30 Stunden Fahrt wurden mehr als 40, weil man "an allen Grenzen schikaniert, gefilzt und die Busse auseinandergenommen" worden sei, sagt Ruch. Seit Serbien waren die Busse quasi permanent von Polizisten eskortiert worden. In Bulgarien selbst habe man sich nicht eingeschüchtert gefühlt, sondern beschützt, sagt Ruch. "Aber diese Freiheit endet 500 Meter vor der Grenze."

Am frühen Sonntagabend wurden die Busse von der bulgarischen Polizei zur griechischen Grenze eskortiert. "Die wollen die Aktivisten so schnell wie möglich außer Landes haben", sagt Pelzer. Nach den Strapazen einer mehr als 40-stündigen Fahrt wollen die Teilnehmer eine Nacht am Mittelmeer verbringen, bevor sie die Rückreise nach Berlin antreten.

Die Aktion soll wiederholt werden. Der nächste 9. November kommt bestimmt - und mit ihm der zweite Versuch, die europäischen Außengrenzen für Flüchtlinge zu öffnen.

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Kunstaktion: Alte und neue Maueropfer

ulz



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