Mauerfall-Gedenken Zurück zum Zauber des Wahnsinns

Der Mauerfall - ein Fall fürs Museum? Was für ein Irrtum: Die Geschichte der Wiedervereinigung ist viel zu frisch, zu wichtig, zu folgenreich, um ihr jetzt schon ein Denkmal zu setzen oder sie in gläserne Vitrinen zu verbannen.

Von Reinhard Mohr


"Herr Steinmeier, ich hoffe, Sie können mir geistig folgen!" Eine derartige Unverschämtheit, zumal in Anwesenheit vieler Journalisten, internationaler Radio- und Kamerateams, kann sich nur einer leisten: Wolf Biermann.

Gerade hatte der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Dichter und Liedermacher an Hand eines quantitativen Vergleichs von Gestapo- und Stasi-Spitzeln den dialektischen Schluss gezogen, dass die 20fach größere Zahl von Mitarbeitern des ehemaligen DDR-Ministeriums für Staatssicherheit in gewisser Weise sogar für den SED-Staat spreche, weil sie belege, wie ablehnend große Teile der DDR-Bevölkerung ihrem Regime gegenüberstanden. Die Gestapo dagegen habe weit weniger Mühe gehabt, das überwiegend Hitler-trunkene deutsche Volk auf Nazi-Kurs zu halten.

Biermann, wie stets leger in schwarzer Lederjacke gekleidet, war der fünfte von sechs Rednern, die zur feierlichen Eröffnung einer Open-Air-Ausstellung anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls auf dem Berliner Alexanderplatz sprachen.

Die von der Robert-Havemann-Gesellschaft konzipierte Schau mit Fotos, Abbildungen und Filmen aus den Jahren 1989/90 gruppiert sich strahlenförmig um einen Informationspavillon. Der neu gestaltete, aber immer noch recht zugige Alexanderplatz wird in seiner östlichen Hälfte zudem von elegant stilisierten Transparenten mit den zentralen Losungen der DDR-Bürgerrechtsbewegung geprägt.

Nicht zuletzt die schlanken Transparentsäulen aus Edelstahl tragen zum Eindruck einer Installation im öffentlichen Raum bei - begehbare Zeitgeschichte, kostenlos und jenseits musealer Schwellenangst.

Dass die Revolution vom Herbst 1989 gerade "kein Fall fürs Museum" sei, betonte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und forderte die Zuhörer, darunter viele ehemalige Bürgerrechtler wie Roland Jahn, Vera Lengsfeld und Werner Schulz, dazu auf, sich "an die glücklichen Momente von 1989 zu erinnern". Denn dies alles sei auch eine "Hommage an die Menschen, die für die Freiheit gekämpft haben - und an ihren Mut".

Erfreulich, dass sich Wowereit, immerhin Chef einer "rot-roten" Koalition mit der "Linkspartei" (ehemals SED/PDS), in Interviews kurz zuvor einer klaren Sprache bediente: Die DDR sei selbstverständlich ein Unrechtsstaat und eine Diktatur gewesen, ganz unabhängig davon, wie viele Momente alltäglichen Lebensglücks es in ihr gegeben habe.

Eine Beschönigung der DDR, wie sie hier und da wieder en vogue zu sein scheint, betrieb auch Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier nicht. Er sprach vom "SED-geführten Unrechtsstaat" und von den "mutigen Bürgern", die ihn zum Einsturz gebracht hätten. Doch seine wohl gesetzten Worte ähnelten allzu sehr jenen Sonntagsreden, die am eher gelangweilten Publikum vorbeirauschen, ohne es zu ergreifen.

Dabei würde ein kleiner kritischer Blick zurück durchaus den historischen Augenblick befeuern und ein paar Fragen aufwerfen. Warum zum Beispiel hat der langjährige Chefredakteur der Wochenzeitschrift "Die Zeit", Theo Sommer, im Juni 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall, einen fast elegischen Reisebericht von "drüben" verfasst?

Originalton Sommer: "Es ist drüben ja in der Tat ein soziales System entstanden, das unseres in mancher Hinsicht in den Schatten stellt. Arbeitslosigkeit gibt es nirgends...Die Preise für Grundnahrungsmittel... sind seit über einem Vierteljahrhundert nicht erhöht worden; das einfache Brötchen kostet immer noch fünf Pfennig..."

Wozu also der ganze Aufstand?

In der Sekunde, da Wolf Biermann die kleine Bühne betrat, wusste man es wieder. "Wir waren viele", hob er an, "aber, unter uns gesagt, wir waren wenige." Wie immer nach gelungenen Umstürzen wimmele es anschließend nur so von lauter Helden: "Wenige waren wir, und viele sind übrig geblieben."

Merkwürdig. Die Dialektik der Geschichte als mathematisches Rätsel. "In Wahrheit", so Biermann, "waren wir oft sehr allein." Und voller Angst, nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968 sogar "deprimiert".

In wenigen Sätzen, denen Biermann-typisch viele andere (darunter gesungene Strophen aus drei Liedern) folgen sollten, entstand so ein lebendiges Bild aus jener Zeit vor dem Mauerfall, als Freiheit nichts war als ein fernes teures Wort. Eine Sache, die jene, die sie in Anspruch nahmen, teuer zu stehen kam.

Heute wiederum, 20 Jahre später, wirken die Ereignisse vom November 1989, als nicht nur Wolf Biermann zu Hause vor dem Fernseher in Hamburg saß und weinte und lachte, merkwürdig fern - sogar in Berlin, dem dramatischen Hot Spot der deutschen Teilung. Die lange Zeit unter bösem Ideologieverdacht stehende "Normalität" - sie hat uns längst fest im Griff, Schweinegrippe hin, Wirtschaftskrise her.

Wenige Meter hinter dem multimedialen Infopavillon der Ausstellung mit ihren wunderbaren Fotografien erhebt sich ein gerade fertiggestellter Klotz, auf dem das große Firmenlogo prangt:Saturn - das Zentralgestirn der wiedervereinigten Einkaufsdeutschen, Monument zeitgenössischer Konsumkonsenskultur. Womöglich ist dies das wahre Einheitsdenkmal mit eingebautem Schnäppchenfaktor: Wir sind das Volk. Wir sind doch nicht blöd.

Was damals auf dem Spiel stand, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden. "Freiheit ist das einzige Gut, das bei erhöhter Nachfrage nicht teurer, sondern billiger wird", sagte Wolf Biermann. Und der massenhafte Gebrauch der Freiheit entwertet sie sogar (oder gerade) in den Augen derer, die sie tagtäglich beanspruchen, als wäre es nichts.

Es muss dieser Effekt der Gewöhnung und Abnutzung sein, der es uns so schwermacht, noch einmal in die Einzigartigkeit der revolutionären Gefühlswelten von 1989 einzutauchen, noch einmal dieses Bauchkribbeln zu spüren, den "Wahnsinn" des Augenblicks und seine schier unendlichen Möglichkeiten - den Zauber des Anfangs.

Denn auch die 532 Entwürfe für das geplante Einheitsdenkmal, die von der Jury sämtlich abgelehnt wurden, vermitteln nichts von alledem. Wer sich die im Kronprinzenpalais präsentierten, teils grotesk verunglückten Ideen und Konzepte anschaut, entdeckt vor lauter hohlem Kunstpathos und ungebremstem Kreativitätsdrang die Sache selbst nicht mehr. Irgendwo zwischen bizarrem Größenwahn und infantiler Peinlichkeit changieren die allermeisten der eingesandten Bewerbungsunterlagen, darunter eine 25 Meter hohe Giraffe, ein "Vogelflughafen", eine goldenfarbene Banane, ein Kartoffelfeld aus Bronzeknollen und jede Menge Ringe, Mega-Spangen sowie riesige stilisierte Kerzen.

Offensichtlich ist es für ein großes zentrales Denkmal auf der "Schlossfreiheit", wenn man es denn überhaupt braucht, noch viel zu früh. Viel wichtiger wäre es ja auch, dafür zu sorgen, dass 15-jährige Schüler Erich Honecker nicht für einen westdeutschen Kanzler halten und Konrad Adenauer für den Bau der Mauer verantwortlich machen.

Noch ist die jüngste Geschichte, die mit dem Mauerfall verbunden ist, viel zu wichtig, zu gegenwärtig und zu folgenreich, um ihr ein Denkmal zu setzen oder sie in gläserne Vitrinen zu verbannen. Wie sagte Frank-Walter Steinmeier so richtig? "Der Weg der Freiheit ist nicht zu Ende."



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
qwer 07.05.2009
1. ...
Ist zwar jetzt ziemlich kleinkariert, aber trotzdem: "wir sind doch nicht blöd" gehört zur anderen metro-Kette. Saturn hatte den Geizistgeil-Slogan, in den sich die Linken im Lande so verliebt haben...
OnkelBenz, 07.05.2009
2. ...
Daß viele nach Schulabschluß die Bruchrechnung nicht beherrschen, keine 3 Sätze geradeaus sprechen können und Hartz IV als Berufswunsch angeben, tolerieren die Eltern, wie die Politiker seit einem Jahrzehnt. Aber daß Herr Adenauer die Mauer gebaut haben soll, und die DDR trotz einigen unbestrittenen Unrechts außer Ampelmännchen und Ketwurst wichtige, vernünftige Dinge hervorgebracht hat, geht gar nicht! Es ist unbestritten schön, daß die Mauer weg ist, auch der Stacheldraht. Jetzt haben wir nicht mehr die Stasi am Hals, aber ich muß ob ganz "normaler" Erscheinung ein Drittel Berlins in der Dunkelheit meiden... Funktelefon, Arbeitsplatz, e-mail, oder Einkaufsverhalten werden überwacht, ganz legitim. Man soll nicht vergessen, was Unrecht war, aber das Thema hat insoweit ausgedient, um sich nicht lieber mit aktuellem Unrecht befassen zu müssen! Die Kinder, die z.B. jetzt keine Ahnung haben, die irgendjemand in 5 Jahren an den Hindukusch schicken will, sind die gleichen! Wie sollten sich denn erst die Leute in Ruanda oder im Gaza wieder einig werden, wenn wir das hier nicht schaffen?
pssst... 07.05.2009
3. Erinnerung ist wichtig
Zitat von sysopDer Mauerfall - ein Fall fürs Museum? Was für ein Irrtum: Die Geschichte der Wiedervereinigung ist viel zu frisch, zu wichtig, zu folgenreich, um ihr jetzt schon ein Denkmal zu setzen oder sie in gläserne Vitrinen zu verbannen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623484,00.html
Es ist nicht verkehrt zu erinnern, an die DDR. An Mauer , Schießbefehl und Stasi. Das aber nicht allein. Wenn man immer mal wieder bemüht über soziale Gerechtigkeit diskutiert und so gar nicht weiß, was das ist, dann ist eine innere Kenntnis der DDR sicher wichtig und richtig. Natürlich war die Stasi Unrecht. Das aber sind Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner, oder Mitarbeiterbespitzelung (Telekom, Bundesbahn,Lidl) auch. Wann Unrecht nunmal beginnt ! Dieser pauschale Reflex: DDR ? Aha ja, das war Unrecht. Das allein war es eben nicht mit und in der DDR. Die soziale Organisation war gerecht.
Beutz 07.05.2009
4. Verkommenheit.
Zitat von OnkelBenzDaß viele nach Schulabschluß die Bruchrechnung nicht beherrschen, keine 3 Sätze geradeaus sprechen können und Hartz IV als Berufswunsch angeben, tolerieren die Eltern, wie die Politiker seit einem Jahrzehnt. Aber daß Herr Adenauer die Mauer gebaut haben soll, und die DDR trotz einigen unbestrittenen Unrechts außer Ampelmännchen und Ketwurst wichtige, vernünftige Dinge hervorgebracht hat, geht gar nicht! Es ist unbestritten schön, daß die Mauer weg ist, auch der Stacheldraht. Jetzt haben wir nicht mehr die Stasi am Hals, aber ich muß ob ganz "normaler" Erscheinung ein Drittel Berlins in der Dunkelheit meiden... Funktelefon, Arbeitsplatz, e-mail, oder Einkaufsverhalten werden überwacht, ganz legitim. Man soll nicht vergessen, was Unrecht war, aber das Thema hat insoweit ausgedient, um sich nicht lieber mit aktuellem Unrecht befassen zu müssen! Die Kinder, die z.B. jetzt keine Ahnung haben, die irgendjemand in 5 Jahren an den Hindukusch schicken will, sind die gleichen! Wie sollten sich denn erst die Leute in Ruanda oder im Gaza wieder einig werden, wenn wir das hier nicht schaffen?
"Herr Steinmeier, ich hoffe, Sie können mir geistig folgen!" Eine derartige Unverschämtheit, zumal in Anwesenheit vieler Journalisten, internationaler Radio- und Kamerateams, kann sich nur einer leisten: Wolf Biermann. Und es ist k e i n e Unverschämtheit. Tatsachen kann man nicht negieren! Liebe Grüße.
rkoepke 08.05.2009
5. ein anderer Aspekt
Zitat von pssst...Es ist nicht verkehrt zu erinnern, an die DDR. An Mauer , Schießbefehl und Stasi. Das aber nicht allein. Wenn man immer mal wieder bemüht über soziale Gerechtigkeit diskutiert und so gar nicht weiß, was das ist, dann ist eine innere Kenntnis der DDR sicher wichtig und richtig. Natürlich war die Stasi Unrecht. Das aber sind Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner, oder Mitarbeiterbespitzelung (Telekom, Bundesbahn,Lidl) auch. Wann Unrecht nunmal beginnt ! Dieser pauschale Reflex: DDR ? Aha ja, das war Unrecht. Das allein war es eben nicht mit und in der DDR. Die soziale Organisation war gerecht.
Hallo Leute, was bei allem immer vergessen wird, ist doch, dass die Teilung Deutschlands ein Resultat des Zweiten Weltkrieges war. Dieser Krieg wurde von GANZ Deutschland begonnen und auch von GANZ Deutschland verloren. ( Egal wie Hitler und die Nazis damals in den Rechstag kamen ) Die Bewohner der späteren DDR haben dafür aber unzählbar mehr Leid und Unterdrückung ertragen müssen. Während in der BRD der Marshallplan für schnellen Wiederaufbau und wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt hat, wurde in der DDR erstmal fleissig Abgebaut und Reparation gezahlt. Auch das politische wurde vom Sieger bestimmt. Dadurch, und nicht durch die dort lebenden Bürger kam es zu den späteren Zuständen in der Wirtschaft der DDR. Mit der Planwirtschaft und den Parteinicks war kein Blumentopf zu gewinnen. Ich finde, dieser Aspekt kommt in jeder Talkshow und natürlich auch in allen Ausstellungen völlig zu kurz. Das alles nur mal als Denkanstoss. R. Köpke Berlin
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